Der junge Anwalt Newland Archer (Daniel Day-Lewis) gehört einer dieser Familien an und beabsichtigt, die
reizende May Welland (Winona Ryder) zu ehelichen. Der Zufall will es, dass beide einander mögen. Beide wissen
exakt, was von ihnen erwartet wird. Ehe, das ist in ihren Kreisen nicht zuallererst verbunden mit Zuneigung,
sondern mit Konvention, Verpflichtung der eigenen Familie gegenüber und Konvenienz. Als die Cousine Mays,
die Gräfin Ellen Olenska (Michelle Pfeiffer), die ihre Jugend in New York verbracht hat, aus Europa zurückkehrt,
wo sie mit einem polnischen Adligen unglücklich verheiratet ist, gerät das Gefüge der New Yorker Gesellschaft
durcheinander. Ellen hofft, von hier aus ihre Scheidung in die Wege leiten zu können. Und sie hofft dabei auf
Unterstützung durch ihre Familie und andere. Doch die Gräfin hatte nie als Erwachsene in der New Yorker
Gesellschaft gelebt und begreift zunächst nicht, was sich hinter ihrem Rücken abspielt. Für die eigene Familie wie
für die upper class insgesamt war ihre Heirat nach Europa schon ein Regelverstoß, den man ihr nie verziehen
hatte. Und jetzt soll man mit der Scheidung einverstanden sein? Durch eine einflussreiche Familie gelingt es
Archer, sie über einen Empfang den Zutritt zur Gesellschaft zu verschaffen, um ihr eine Chance zu geben,
„vernünftig“ zu werden.
Newland Archer ist fasziniert von Ellen. Ihr Kampf für Freiheit, für Unabhängigkeit, ihre Weltoffenheit bringen
ihn dazu, sie vor den anderen zu verteidigen. Als Anwalt allerdings wird er dazu verpflichtet, Ellen von der
Scheidung abzuhalten, vordergründig, weil der Graf sie in der Öffentlichkeit moralisch zerstören würde, in
Wahrheit, weil man die Klasse schützen will. Newland gerät in eine Zwickmühle: Er will in die Gesellschaft
einheiraten und muss daher in deren Sinne gegenüber Ellen tätig werden, hat sich zugleich aber in Ellen verliebt
und will sie beschützen ...
Scorsese zeigt uns den prunkvollen Lebensstil, die rauschenden Bälle, die exzellenten Diners, die Villen, reich
ausgestattet mit Gemälden und altem Interieur, die zu jeder Gelegenheit wechselnden Kostüme – Kurz: die ganze
äußerliche Pracht einer Klasse. Er erzählt uns von den uns so fremd vorkommenden Reglements, überwacht von der
äußerst beleibten Mrs. Mingott (Miriam Margolyes) (die ihre Wohnung nicht mehr verlässt, weil sie die Teppen nicht
mehr hinauf und hinunter kommt), einer Art Oberster Gerichtshof der Aristokratie, die ihren Einfluss und ihr Geld
dazu einsetzt, Ehen zu stiften, Regelverstöße zu ahnden und Konflikte im Sinne der Familien zu lösen. Scorsese
zeigt uns Larry Lefferts (Richard E. Grant), sozusagen „Presseorgan“ der Gesellschaft, eine männliche adlige
Klatschbase, ein Wächter der Tugend, der seine Augen und Ohren überall hat, intrigiert, berichtet, dafür sorgt,
dass niemand zu einer Gefahr wird. Last but not least Mr. Beaufort (Stuart Wilson), der offiziell „anständig“
verheiratet ist und von dem inoffiziell alle wissen, dass er hier und da seine Mätressen besucht. Solange er sich
damit nicht in der Öffentlichkeit zeigt oder gar brüstet – was ihm nie einfallen würde –, wird sein Regelverstoß als
Teil des Reglements selbst geduldet.
Michael Ballhaus großartige Bilder und Thelma Schoonmakers Schnitt sorgen dafür, dass wir in diese Atmosphäre
im wahrsten Sinn des Wortes eintauchen können. Schuld und Unschuld, Leidenschaft und Gewalt äußern sich hier
anders als etwa in „Good Fellas“: Keine rohe Gewalt, aber auch keine unbekleideten Körper, keine Polizei und kein
Gericht bestimmen das Leben der New Yorker Gesellschaft. Man könnte es eher als eine Art strukturelle Gewalt
bezeichnen, die sich im Verhalten der Figuren festgesetzt hat. Emotion und Terror sind zivilisiert worden, spielen
sich in aller Regel im Stillen und Geheimen ab.
Archers Leben wird zerstört und er zerstört es selbst, Archer zerstört ebenso das Leben seiner jungen Frau und
er lebt doch Jahrzehnte mit ihr zusammen, in einer besonderen Form des Glücks, einem verordneten Glück. Die
beiden haben Kinder. Er zerstört Ellens Leben und sie zerstört ihr eigenes. Die unsichtbare, aber umso
skrupelloser wirkende Macht der Regeln der Gesellschaft, die alle – Archer, Ellen, erst recht May – akzeptiert und
verinnerlicht haben, setzt sich über alle Leidenschaften hinweg. May erscheint Archer als nicht besonders
intelligente junge Frau, die im Leben der Familie aufgeht. Aber May weiß fast von Anfang an um Archers Liebe zu
Ellen. Sie akzeptiert dies unter der Voraussetzung, dass ihre Ehe aufrecht erhalten bleibt und die Pflichten erfüllt
werden, die beide zu erfüllen haben. Sie nimmt sogar an, Archer habe ein sexuelles Verhältnis mit Ellen, was er
aber nie hatte und nie haben wird. Ellen scheitert schließlich an ihren Versuchen, als freier Mensch in New York
zu leben. Sie bewahrt sich ihre Freiheit, indem sie nicht zu ihrem Mann zurückkehrt, sondern sich in Paris
niederlässt. Kurz bevor May stirbt, sagt sie ihrem Sohn, dass er einen guten Vater habe, der das, was er am meisten
in seinem Leben liebte, für sie und ihre Kinder aufgegeben habe.
Zu den großartigsten Momenten dieses Films zählen für mich die, in denen Daniel Day-Lewis und Michelle
Pfeiffer zusammentreffen. Vom ersten Augenblick an spürt man die innere Verbundenheit, die grenzenlose
Leidenschaft, die Ellen und Newland füreinander empfinden. Sie sitzen während eines Empfangs auf einem Sofa,
sprechen miteinander, anständig, wie es sich gehört. Aber ihren Blicken, unscheinbaren Bewegungen, ihrer Mimik
ist deutlich zu entnehmen, was in ihnen vorgeht. Und: Jeder weiß es und keiner spricht darüber. Michelle Pfeiffer
spielt diese nach Freiheit drängende Frau, die an den Konventionen der New Yorker Gesellschaft scheitert, weil
sie sie nicht akzeptieren kann und will, mit einem unglaublichem Gespür für eine solche Situation. Sie strahlt in
diesen Momenten vor innerer Schönheit, Verzweiflung und Leidenschaft zugleich. Die Begegnungen zwischen
Ellen und Newland sind erotische Zusammenkünfte. Die beiden „schlafen“ miteinander, ohne auch nur ein
Kleidungsstück abzulegen. Solche Momente sind mit die aufregendsten der Filmgeschichte.
Archer und Ellen scheitern an den sozialen Codes, die ihnen von Geburt an beigebracht worden sind. Es gibt
keine Flucht für sie, nicht unbedingt, wie Ellen an einer Stelle meint, weil sie nicht wissen wohin sie fliehen sollten,
sondern weil sie Fliehen nicht gelernt haben. Auch ihre Rückkehr nach Paris ist nicht eigentlich eine Flucht,
sondern ein Rückzug, eine Kapitulation. Das Ende des Films lässt die spezifische soziale Codierung der
Hautevolee New Yorks unwichtig werden. Es enthüllt sich der allgemeine zivilisatorische Kontext von ausgefeiltem
tradiertem, codiertem Verhalten und den nach Unabhängigkeit strebenden Emotionen, Leidenschaften, die sich
nicht einzwängen lassen wollen, sich aber gegen die Macht der Regeln nicht durchsetzen können.
„Zeit der Unschuld“ – Die Handelnden sind alles andere als unschuldig. Nur, die Frage von Schuld und Unschuld
stellt sich als komplexer und komplizierter dar, als sie gemeinhin gefasst wird. Archer macht sich schuldig, weil er
eine Frau heiratet, die er zwar mag, aber nicht liebt, eine andere liebt, aber nicht mit ihr lebt. Diese Verwicklung
von persönlicher und „strukturell bedingter“ Schuld und Unschuld stellt sich am Ende als etwas von den konkreten
historischen Umständen teilweise unabhängiges heraus. Scorsese enthüllt die menschlichen Hoffnungen,
Sehnsüchte, Wünsche, die wir letztlich alle haben und an denen auch wir heute noch oft scheitern, weil wir uns
durch die angeblich so vernünftigen Regeln, die das Leben oft nur einzwängen, hindern lassen und selbst
hindern.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei CIAO.de
Zeit der Unschuld
[The Age of Innocence] USA 1993
Start: 17.09.1993
Verleih: Columbia Pictures
Laufzeit: 139
FSK: 6
Drehbuch: Jay Cocks, nach dem Roman von Edith Wharton
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer, Winona Ryder, Richard E.
Grant, Alex McGowen, Geraldine Chaplin, Mary Beth Hurt, Stuart Wilson, Linda
Faye Farkas, Michael Rees Davis, Terry Cook, Jon Garrison, Howard Erskine,
John McLoughlin, Christopher Nilsson