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Zodiac - Die Spur des Killers
Denn
der Mensch ist das gefährlichste Wild
"Ich liebe es, Menschen
zu killen" - Mord im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: David
Finchers eiskalt kalkuliertes Meisterstück "Zodiac - Die Spur des
Killers".
Bevor ich dich töte, sagt
in einem ganz sachlichen, beinah beiläufigen Tonfall der Mann in der schwarzen
Jacke zu der jungen Frau auf dem Beifahrersitz, die er am Straßenrand
aufgelesen hat, werde ich dein Baby aus dem Fenster schmeißen. Wir sind
auf dem Highway 132, nahe Modesto, Kalifornien, es ist der 22. März 1970,
nachts. Bei dem Mann mit den unerwarteten Intentionen scheint es sich um den
Zodiac zu handeln, den mysteriösen Mörder, der einige Monate zuvor
begonnen hat, junge Männer und Frauen zu verfolgen und kaltblütig
umzubringen, und der noch für lange Zeit die Bay Area um San Francisco
in nervöser Spannung, in Todesangst halten wird.
Nicht nur durch seine Taten allein,
sondern vor allem durch seine merkwürdige Kampagne, in der er den Rummel
erst richtig schürt um seine Person, indem er Botschaften an die großen
Zeitungen der Stadt schickt oder an die Polizei, gezeichnet Zodiac, mit Forderungen
und Drohungen - ein brutales, kindisches Spiel der Allmacht und Arroganz, in
dem schließlich der Boden der Realität verlassen wird und man nicht
mehr weiß, wie viele Morde nun tatsächlich auf das Konto des Killers
gehen. Bis heute kann der Fall nicht als gelöst gelten. Auch David Fincher
will mit seinem Film keine definitive Lösung präsentieren, und es
geht ihm nicht um die Obsession des Killers, sondern um die der Menschen, die
ihm hinterher sind. Und doch - und gerade deswegen - ist dies ein wahrhaft atemraubender
Thriller, ein Suspense-Meisterstück, dem man gebannt folgt, über zweieinhalb
Stunden lang. Und eine kleine Hommage an Walter Benjamin - sein "Kunstwerk
im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" - und an seinen Strohmann
in der Filmindustrie, Fritz Lang, der von "M"
bis "While the City Sleeps" immer wieder die Trieb- und Serienmörder
ins Zentrum seines Werks stellte, und die Mörder-Medien-Jagd dazu.
Die neuen Medien drängen
langsam an die Macht, die Kommunikation per Telefax spielt bereits eine verstärkte
Rolle, sie öffnet Kanäle und beschleunigt Ermittlungen, man sieht
Papier aus den Apparaten, Sätze in die Gehirne kriechen. An Robert Downey
Jr. ist diese Wandlung besonders schön abzulesen, er spielt den Kriminalreporter
des San Francisco Chronicle, der spürt, dass seine große Zeit vorbei
ist, eine Traurigkeit ist um ihn wie um einen König, der schon mal ans
Abdanken denkt, es wird nicht lange dauern, dann verzieht er sich auf ein Hausboot,
richtet sich mit Alkohol und Drogen zugrunde. Der Film ist Message-Kino par
excellence, wenn auch ziemlich pervers, es geht um Botschaften und Hieroglyphen,
um Verschlüsselung und Veröffentlichung, um Spuren, die gelegt und
verwischt werden. Die Presse spielt eine entscheidende Rolle, und irgendwie
auch, als Resonanzboden, das Kino: "Ich liebe es, Menschen zu killen",
schreibt der Zodiac in einer seiner ersten Botschaften, "weil es so viel
Spaß macht, mehr Spaß als Tiere im Wald, denn der Mensch ist das
gefährlichste Tier ..." "The Most Dangerous Game", das ist
der Film, auf den der Zodiac sich beruft, auf Graf Zaroff, der die Menschenjagd
als Sport betreibt. Und "game", das kann das Spiel meinen und das
Wild.
"The Game" hieß ein früher Film von David Fincher, in dem
Michael Douglas einen coolen, gehetzten Helden abgibt. In "Zodiac"
ist Robert Graysmith der Held, er arbeitet als Karikaturist beim Chronicle und
hockt mit am Konferenztisch, als die erste Hieroglyphen-Botschaft des Zodiac
eintrudelt. Er ist die Redaktions-Randfigur, mit seiner immer ein wenig zu neugierigen
Visage, seiner naiven Schusseligkeit, seinem Südstaatendialekt - eine wunderbare
Rolle für Jake Gyllenhaal, den "Brokeback Mountain"-Mann. Graysmith, auf dessen Büchern der Film basiert
(das eine deutsch im Heyne Verlag), recherchiert auf eigene Faust, tut sich
heimlich mit dem ermittelnden Inspektor zusammen - Mark Ruffalo in fröhlicher
Peter-Falk-Manier -, lockt den Cops geheime Informationen heraus, bringt weitverstreute
Fakten zusammen, vertieft sich in die Lehren der Tierkreiszeichen und der großen
kosmologischen Zyklen. Die Mythen des Popzeitalters prägen den Fall: "Histories
of ages past / unenlightened shadows cast / down through all eternity / the
crying of humanity ..."
Wie ein Racheengel spukt der Zodiac
durch kindliche Phantasien - letzte Reste des klassischen Erzählens, um
dem Geschehen einen Sinn zu geben. "Heranzuwachsen in dieser Zodiac-Zeit",
erinnert sich Fincher, der in der Gegend um San Francisco aufwuchs, "das
prägte deinen jungen Geist. Ich denke, das kann kein Zufall sein, dass
auf dem Höhepunkt der sexuellen und pharmazeutischen Revolution in Kalifornien
ein Typ mit Militärhaarschnitt und Hornbrille anfing Kids abzuschießen,
die eben sexuell freigesetzt waren. Da zog einer vom Leder, versuchte Kontrolle
zu gewinnen." Irgendwann tut Gyllenhaal sich mit Downey Jr. zusammen, zwei
leicht versiffte West-Coast-Unbestechliche, sie hocken zum Dechiffrieren in
einem Diner, blau schimmert es in den zahlreichen Gläsern auf ihrem Tisch,
Reste des Aqua Velva, ein schwacher Hauch investigativer Mystik, der Aura klassischer
Ermittlung. Es gilt, die Kreativität des Zodiac zu toppen, der seine Morde
wie kleine Kunstwerke plant - Fincher, berühmt geworden bei Kritik, Kollegen
und Publikum durch sein regen-, blut- und schleimgetränktes Serialkillerstück
"Seven",
filmt das diesmal mit glasklarem Kalkül und gnadenloser Gelassenheit, wie
mit dem Zirkel gezogen, er ignoriert das Schockpotential, wenn der Zodiac das
Spiel mit seinen Opfern beginnt.
Ein reines Spiel, an der Wende
zum virtuellen Zeitalter, in der die Reproduktion dominiert, die Information
absäuft im Overflow der Daten und Signale. Einmal wird den Ermittlern ein
Film vorgeführt, der vom Zodiac inspiriert ist, 1971, der erste "Dirty
Harry",
mit Eastwood. "Sie werden ihn schon noch kriegen", muntert Gyllenhaal
nach der Vorstellung den Inspektor auf. "Nein", winkt der ab - "jetzt
machen sie ja schon Filme über ihn."
Fritz Göttler
Dieser Text ist
zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung
Zodiac - Die Spur des Killers
(Zodiac)
USA
2007 - Regie: David Fincher. Buch: James Vanderbilt. Nach dem Buch von Robert Graysmith. Kamera:
Harris Savides. Musik: David Shire. Schnitt: Angus Wall. Mit: Jake Gyllenhaal,
Mark Ruffalo, Robert Downey Jr., Anthony Edwards, Brian Cox, Philip Baker Hall,
Elias Koteas, Donal Logue, Chloë Sevigny, Dermot Mulroney, Adam Goldberg.
Warner, 157 Minuten. Dt. Start: 31.5.2007
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