zur startseite

zum archiv

Zur Sache, Schätzchen

ES WIRD BÖSE ENDEN!

 

I. Inhalt

 

Mit der in der Überschrift zu findenden selbsterfüllenden Prophezeiung lässt Martin (Werner Enke) jede Kritik an sich abperlen. Dieser Film zeigt 24 Stunden aus dem Leben dieses „Gammlers“ aus dem Schwabinger Milieu. Mit Gammler wurden Ende der 60er Jahre junge Leute tituliert, die keine Lust hatten sich Konventionen wie ordentlicher Frisur, noch ordentlicherer Kleidung und einwandfreiem Benehmen zu unterwerfen. Sozusagen ein Vorläufer einer Null-Bock-Generation.

 

Und Martin hat an diesem Morgen, beziehungsweise Mittag, keinen Bock auf Aufstehen. In der Nacht hat er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Einbruch in ein Fernsehgeschäft beobachtet, ist jedoch nicht eingeschritten, sondern hat weitergepennt.

 

Geweckt wird er von seinem Freund und "Manager" Henry (Henry van Lyck). Die beiden Slacker schlendern ziellos durch das sommerliche München und gehen schließlich zur Polizei, um den Einbruch der vergangenen Nacht zu melden. Doch als Martin den Staatsapparat zu spüren kriegt, antwortet er auf die Fragen des Polizisten nur mit frechen Sprüchen und sinnlosen Antworten und stellt so alles auf den Kopf. Henry und Martin verabschieden sich auf französisch, wodurch Martin unter Verdacht gerät, etwas mit dem Einbruchdiebstahl zu tun zu haben. Sie gehen ins Schwimmbad, um ohne Druck Texte zu dichten, die sie bis zum Nachmittag bei ihrem Arbeitgeber Block abliefern sollen. Doch Martin ist abgeschlafft und hat keinen Bock.

 

Stattdessen beobachtet er, natürlich ohne einzuschreiten, wie Barbara (Uschi Glas), eine knackige, privilegierte Tochter von guten Eltern, in eine Glasscherbe tritt. Mit Anteilnahme kommt er ins Gespräch und beeindruckt sie mit seiner Pseudophilosophie und seinem Überschreiten von Konventionen. Barbara und Martin gehen in den Zoo, wo sie in einer grandiosen Verfolgungsjagd eine kleine Ziege in einem Kinderwagen entführen. Auf dem Weg nach Hause definiert Martin mittels vieler Beispiele was „Fummeln“ ist.

 

Inzwischen treibt sich Henry auf einer Party seines Arbeitgebers Block herum und leiert diesem einen Vorschuss aus der Tasche. Barbara und Martin durchstreifen immer noch die Gegend, bis sie von der Polizei aufgegriffen werden. Martin soll erneut aussagen. Doch Barbara gelingt es, die Polizisten durch einen Striptease, siehe das Bild, abzulenken, so dass beide fliehen können.

 

Am Abend kommt es in Martins Wohnung aufgrund der Verführungskünste Martins mittels eines Daumenkinos und Sprücheklopferei zu einer Extrem-Fummelei, das heißt Martin kriegt Barbara in die Kiste. Zur gleichen Zeit erreicht die Party bei Block ihren Höhepunkt. Nachdem Barbara wieder nach Hause gegangen ist, kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Martin und dessen Freundin Anita. Als die Polizei in Martins Wohnung auftaucht, kann Martin es nicht lassen und provoziert die Polizisten solange mit einer ungeladenen Waffe, bis ein Polizist schießt. Leicht verletzt wird Martin abgeführt.

 

Es gibt noch ein Alternativende, das ich vor circa 5 Jahren in einem Programmkino sah. Hier flieht Martin und fährt mit einem Auto gegen einen Baum, steigt dann aber unverletzt aus dem Wagen.

 

II. Filmhistorische Betrachtung

 

Dieser Streifen ist Portrait und Hommage an den Gammler, Berufsanarcho und Salonrevoluzzer der späten 60er Jahre. Einerseits lehnen Martin und Henry das System ab, andererseits melken sie den Verleger schwachsinniger Texte und legen gutbürgerliche Mädchen flach. Diese Eulenspiegeliade (eigene Wortschöpfung) ist das Paradepferd des so genannten Neuen Deutschen Films. Durch diesen Film wurde die sich erst aktuellst in der BILD-„Zeitung“ fast nackig gemachte Uschi Glas zum "Schätzchen der Nation" und drehte ihren einzig erträglichen Film (ich lasse mich gerne eines anderen belehren, Karl May - Verfilmungen zählen nicht). Das Spielfilmdebüt der Bremer Filmemacherin May Spils aus dem Jahr 1968 räumte neben dem Prädikat „wertvoll“ noch die Goldene Leinwand 1968 ab. Darüber hinaus gab es auch noch die deutschen Filmpreise in Gold für die Dialoge (an May Spils und Werner Enke) und für den besten Nachwuchsdarsteller (an Werner Enke).

 

Dieser charmante Werner Enke ist heute noch als Tausendsassa tätig und hat gerade vor circa einem halben Jahr seine Daumenkinogeschichten veröffentlicht. In den 70er Jahren war er noch Hauptdarsteller in den Filmen "Nicht fummeln. Liebling" (1970), "Hau drauf, Kleiner" (1974) und "Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt" von 1979. Regisseurin war in diesen Streifen wie auch bei dem hier besprochenen Werk immer seine Lebensgefährtin May Spils.

 

Produziert wurde dieser 80 Minuten lange Schwarzweiß-Film von Peter Schröder für die Peter Schamoni Produktion.

 

III. Mein Tipp

 

Meine Meinung über diesen leichthändig inszenierten Film ist wohl bereits zwischen den Zeilen herauszulesen. Da das öffentlich-rechtliche Fernsehen lieber auf andere Pferde setzt, hat man die Chance den Film im einen oder anderen Programmkino zu sehen. Wenn man den Film nicht im Kino sieht, muss man wohl auf einen Versandhandel im Internet zurückgreifen, wo der Film als DVD für ungefähr 15 € erhältlich ist. Die Sprücheklopfereien und Wortschöpfungen von Martin beziehungsweise Enke wie zum Beispiel „Fummler“, „abgeschlafft“, etc. sind durchweg amüsant und stilbildend. Selbst Uschi Glas ist knackig und nett anzuschauen. Allein das Ende, welches Godards „Außer Atem“ zitiert, zeigt, dass Enke eigentlich das Zeug zum westdeutschen Jean-Paul Belmondo gehabt hat (der ostdeutsche wurde dann ja Winfried Glatzeder mit "Die Legende von Paul und Paula").

 

Wer Frechheit, Wortwitz und attraktiven Frauen in leichter sommerlicher Bekleidung nicht gänzlich gleichgültig gegenübersteht wird seine Freude an dem Film haben.

 

Dieser Film ist DIE Anleitung, wie ein Sommertag nahezu perfekt zu verbringen ist...

 

Rouven Krüger

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Zur Sache, Schätzchen

BRD 1967

Regie: May Spils

Kamera: Klaus König

Musik: Kristian Schulze

Darsteller: Werner Enke, Uschi Glas, Henry van Lyck, Inge Marschall, Helmut Brasch

80 Minuten

Erstaufführung: 4.1.1968

 

zur startseite

zum archiv