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Zur
Sache, Schätzchen
„Ich
habe den Reichstag angesteckt ...”
May
Spils, die später noch „Nicht fummeln, Liebling” (1969), „Hau drauf, Kleiner”
(1973), „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt” (1978) und den Flop „Mit mir nicht,
du Knallkopp” (1983) drehte, gehörte weder zu jenen stark politisch motivierten
Filmemachern des Neuen Deutschen Films, die in ihrem Oberhausener Manifest „Opas
Kino ist tot” revolutionär-ideologische Vorstellungen von einem neuen Kino
proklamierten (Klaus Lemke, Martin Müller, Dieter Geissler, aber auch Reitz,
Schamoni und Kluge), noch setzte sie das Kino der 50er Jahre – Heimat-, Schlager-,
Winnetou- oder Edgar-Wallace-Filme – fort. Irgendwo stand Maria-Elisabeth Maier-Spils
– so ihr bürgerlicher Name – zwischen allen Fronten. Ende der 60er Jahre
war dies nichts besonderes und doch besonders. „Ich möchte [..] kein verstaubtes
Kino machen”, erklärte sie nach dem Erfolg des Schätzchen-Streifens
und zitierte in ihrem Film kräftig die „Novelle Vague”-Filme, besonders
Godards „A bout de souffle”. Komödie ist das Stichwort. Und während
in anderen Filmen jener Zeit und Richtung der Verbrecher auch ein solcher ist
und am Schluss von der Polizei niedergestreckt wird, löst sich in „Zur
Sache, Schätzchen” alles zum Wohlgefallen auf: Der Verbrecher ist keiner,
die Pistole nicht geladen, aber vor allem ist der Held des Films, wie Georg
Seeßlen zu Recht schrieb, der Prototyp des späteren neuen deutschen
Films, „der Straßendieb mit hohem ästhetischem Bildungsgrad, einer
der Proletarier und Intellektueller zugleich ist, Rebell und Melancholiker,
Versager und Philosoph”.
„Zur
Sache, Schätzchen” nimmt sich weder allzu ernst, noch erhebt der Film den
Anspruch, irgend etwas Tiefschürfendes verkünden zu wollen. May Spils
Rebellion gegen den verstaubten deutschen Film der 50er Jahre ist allerdings
zugleich eine Art Befreiungsschlag gegen analog dazu verstaubte Konventionen
und Verkrustungen der Elterngeneration – allerdings nicht in einem hochpolitischen
Sinn. Martin (Werner Enke), der Held, arbeitet nicht, für ihn gibt es keine
der Ökonomie des Alltags angepasste Zeit, nichts bei ihm ist vorausbestimmt,
geplant, verantwortet, beantwortet. In zeitgenössischen Besprechungen des
Films stigmatisiert man diese Figur des Films zum „Gammler” – obwohl Martin
weder „gammelige Haare” trägt, noch sich selbst dieser menschlichen Spezies
zugehörig fühlt. Das hilft ihm bei manchen Journalisten nicht weiter:
„Es könnte bös enden – wenn die Peter-Schamoni-Produktion glaubt,
mit gängiger Alltagsware, wie Studentenunruhen, Geschäfte machen zu
dürfen. Auf dem Rücken einer solchen Konjunktur mag sich zeitweilig
gut reiten lassen, doch die Ambitionen nur für sex- und aufruhrgeschwängerte
Phantasie eines geistig Durchfallerkrankten wirken allzu durchsichtig. Die Spekulation
mit dem unterkühlten Gammlerdasein, dessen ‘produktive’ Kräfte sich
unterhalb der Gürtellinie erschöpfen, kann nur bei denen aufgehen,
die dort noch Komplexe abzuladen haben” (Deutsche Nachrichten Hannover, 23.2.1968).
Die
einen arbeiten am Wirtschaftswunder weiter, das in Gefahr steht (erste Wirtschaftskrise
1966/67), die anderen demonstrieren und treiben sich auf unzähligen Matratzen
herum. Damit war Martin bei einem Großteil der tonangebenden Medien durchgefallen.
Der Film fiel beim Publikum allerdings nicht durch. Und dieser Erfolg lässt
sich wahrscheinlich vor allem darauf zurückführen, dass die Figur
des Martin tatsächlich etwas hatte von einem privaten Rebellen gegen die
allzu gewohnte Ordnung des Lebens in der Bundesrepublik. Ihm gegenüber
steht schon einer, der ans Geld denkt und an Frauen, sein Freund Henry (Henry
van Lyck), der Mühe hat, Martin mittags aus dem Bett zu schmeißen,
damit er für den „Ideenverkäufer” Block (Helmut Brasch) Schlagertexte
dichtet. Martin hat keinen Bock auf Block. Er verkriecht sich aufs Klo und philosophiert
in den Tag: „Nichts tun ist immer besser als irgend etwas tun.” Auch „das” mit
seiner Freundin Anita (Inge Marschall) nimmt Martin nicht allzu ernst. Sie will
sich verloben, worauf er das Weite sucht, nachdem er in der Nacht zuvor auf
der gegenüberliegenden Straßenseite einen Einbruch beobachtet hat.
Unser
Münchner Nichtstuer muss mit Gewalt zum Handeln getrieben werden. Henry
führt ihn mit einer (natürlich nicht geladenen) Pistole aus der Münchner
Wohnung, um zunächst bei der Polizei seine Aussage bezüglich des Einbruchs
zu machen. Aber Martin nimmt auch das nicht ernst. Er nennt nur seinen Vornamen,
sagt, er sei in Landsberg geboren. Der Polizist: „Landsberg am Lech?” Martin:
„Nein, in Polen.” „Also sind sie polnischer Staatsangehöriger.” „Nein,
deutscher.” Wenn er in Landsberg am Lech geboren wäre, könne er aber
auch polnischer Staatsangehörigkeit sein. Der Polizist: „Also doch polnisch.”
Mit der Aussage, das wird nichts. Und so hauen Martin und Henry ab, hängen
sich aus Jux Bärte um, um ihre vermeintlichen Verfolger von der Polizei
abzuschütteln und verkriechen sich im Schwimmbad. Der Tritt in eine Scherbe
verschafft Martin die Bekanntschaft der aus großbürgerlichem Elternhaus
mit Geige spielendem Vater stammenden Barbara (Uschi Glas). Ein bisschen Pseudo-Philosophie
hier, ein bisschen Flirten da, und Schabernack mit Bart im Wasser treibt die
beiden näher zueinander.
Nachdem
er einen Voyeur mit Fernglas (Johannes Buzalski) vor der Verfolgung durch aufgebrachte
Badegäste beschützt hat und vor seinem Haus zwei Polizeibeamte seiner
harren, verkriecht sich das angehende Pärchen im städtischen Zoo,
klaut eine Ziege sowie einen Kinderwagen und verteidigt sich standhaft und mit
dem dem Film eigenen Humor gegen den Zugriff von Zoo-Wärter und Kinderwagen-Besitzerin.
Und während Henry für eine Party Blocks diesem junge Frauen organisiert
und dort gegenüber einem Filmproduzenten auf guter Schauspieler macht,
werden Martin und Barbara von zwei Polizisten (Rainer Basedow, Joachim Schneider)
festgenommen. Irreführung der Polizei, heißt es. Martin lässt
nicht locker und verarscht die beiden Bullen nach Strich und Faden („Ich habe
den Reichstag angesteckt. Sehen Sie nicht, wie ich oben aus dem Hemd dampfe?”).
Barbara zieht die Notbremse und steht plötzlich im Mieder da, so dass Martin
wiederum entkommen kann, weil die beiden Beamten abgelenkt sind.
Alles
ist locker und leicht in May Spils Komödie. Und selbst die Schlusspointe
führt nicht etwa zum Tod des vermeintlichen Verbrechers. „Es wird bös
enden.” Selbst das scheint reine Verarsche.
„Zur
Sache Schätzchen” ist in seinen Dialogen schnoddrig, jeder Satz, den Martin
von sich gibt, untergräbt die Seriosität der „normalen” Sprache der
anderen. Da lümmelt sich einer durch den heißen Münchner Sommer
– doch der nächste Winter kommt bestimmt. Aus dem Nichtstuer wird irgendwann
ein Erwachsener, allerdings auf vielleicht doch anderem Niveau als die vorhergehenden
Generationen? Das Bild vom pubertär gebliebenen, mehr oder weniger leicht
rebellischen, un-erwachsenen, intelligenten, komischen und ironischen (meist
männlichen) Zeitgenossen ohne Geld, der Kind bleiben will, taucht dann
später in verschiedenen Varianten, Abwandlungen, Weiterentwicklungen im
neuen deutschen Film wieder auf („Männer” von Doris Dörrie ist nur
eines von zahlreichen Beispielen), schlug sich allerdings auch in unzähligen
Fernsehproduktionen derart rabiat nieder, dass man die Herkunft dieses Bildes,
das zum Klischee geworden ist, kaum noch wahrnimmt.
Wertung:
9 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei ciao.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Kritiken
Zur
Sache, Schätzchen
(Internationaler
Titel: Go for It, Baby)
Deutschland
1967, 80 Minuten
Regie:
May Spils
Drehbuch:
May Spils, Werner Enke, Peter Schlieper, Rüdiger Leberecht
Musik:
Kristian Schultze
Director
of Photography: Klaus König
Schnitt:
Ulrike Fröhner
Darsteller:
Werner Enke (Martin), Henry van Lyck (Henry), Uschi Glas (Barbara), Rainer Basedow
(erster Polizist), Inge Marschall (Anita), Helmut Brasch (Block), Joachim Schneider
(zweiter Polizist), Johannes Buzalski (Voyeur), Martin Lüttge (Dichter
im Fahrstuhl), Fritz Schuster (Bettler), Elisabeth Volkmann (Hausmeisterin),
Horst Pasderski (Filmproduzent), Erwin Dietzel (Zoowärter)
Internet
Movie Database:
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