Zusammen
Sackhüpfen in Stockholm
"Tauschen wir, ich will Pinochet sein" - Lukas Moodysson
besucht die 68er
Anfang der 70er Jahre brach 1968 auch an den deutschen
Schulen aus. Nein, gemeint sind nicht Bildungsreform, die
Rahmenrichtlinien des Ludwig von Friedeburg und die
Einführung von Mengenlehre und "Sexualkunde", sondern "das
kleine rote schülerbuch", das damals beflissene Eltern
ihren Kinder geschenkt haben.
"Alle erwachsenen sind papiertiger."
"Alle erwachsenen sind papiertiger" lernte man schon auf
den ersten Seiten; "Wie wird man high?" hieß ein Kapitel,
oder "Du und die gesellschaft" - die allerdings süstem
geschrieben wird, damit die armen Kleinen nicht durch das y
unterdrückt werden. Ja, es muss alles schon wahnsinnig
albern und überflüssig gewesen sein, damals. Ein
"wundervolles Sackhüpfen" (Adriano Sofri), mehr nicht. Das
ist ja gerade von heute aus gesehen nichts wirklich Neues.
Zwar mussten wir in letzter Zeit erfahren, dass 68 und die
Jahre danach für den sittlichen Zustand einiger irgendwie
auch ein bisschen gefährlich gewesen sind. Aber eigentlich
gilt: "Alle 68er sind Papiertiger."
Wie geht das eigentlich zusammen? Die Wertschätzung für
"68" als kulturelle Revolte, als zweiter Gründungsakt nicht
nur der westdeutschen Gesellschaft, und der Spott über
deren politisches, angeblich auch intellektuelles
Scheitern. Und dann plötzlich der Ernst den man einem
entgegenbringt, der sich auf der Straße mal mit einem
Polizisten geprügelt hat.
Lukas Moodyssons ZUSAMMEN! fragt auch nach dieser
Vereinbarkeit des Widersprüchlichen. Und weil er aus
Schweden kommt, wirkt der Film, fern deutscher Erregungen,
zunächst einmal angenehm gelassen. "Franco ist tot, Franco
ist tot" - man singt und lacht, weil den alten Diktator das
Ende ereilt hat, prostet einander zu, und nach nur wenigen
Sekunden sind Zeit und Ort der Handlung geklärt: Man
befindet sich im November 1975 im schwedischen Stockholm,
im Kollektiv "Zusammen". Die gute Laune wirkt ansteckend -
aber darf man denn das, den Tod eines Menschen feiern? Wäre
es kein Film, fände sich bestimmt schnell jemand aus der
Fraktion der moralisch Gerechten, politisch Korrekten, der
genau diese mangelnde Gewaltfreiheit des Denkens zum Thema
harscher Kritik macht. Moodysson zeigt öfter solche
Momente, in denen man sich bei einem Gefühl erwischt, das
vielleicht nicht ganz zulässig ist, und nur wer glaubt,
dass Gefühle immer recht haben, wird darüber einfach
hinweggehen. Im Off läuft Abbas SOS: "There were those
happy days…" - auch das ist natürlich einer jener
sarkastischen Kommentare, an denen dieser Film reich ist.
Man erlebt die alltäglichen Folgen und Ausläufer der
Revolte: Nach-68er-Verhältnisse, in denen darüber
diskutiert wird, ob Spülen "bourgeois" ist, oder Pippi
Langstrumpf eine Kapitalistin. Gelegentlich latscht einer
ohne Hose durch die Wohnung, ansonsten ist die Welt nicht
weniger wohlgeordnet, als jene andere, gegen die man seit
den 60er Jahren in den Gesellschaften des Westens
rebellierte.
"Beobachte diese gesellschaft, untersuche, wie sie
funktioniert, und fange dann an, sie zu beeinflussen."
In seinem zweiten Spielfilm nach FUCKING AMAL befasst sich
der schwedische Regisseur mit den alltäglichen Folgen und
Ausläufern der Revolte von 1968. Eine fast ein wenig zu
repräsentative Gruppe wohnt in dieser Kommune am Stadtrand
der schwedischen Hauptstadt: das Paar Göran und Lena, die
eine "offene Beziehung" führen, Anna und Lasse, die zwar
getrennt sind, aber schon um des gemeinsamen Kindes Tet
(benannt nach der Tet-Offensive der Vietnamesen gegen die
USA) weiter unter einem Dach leben. Während Lasse zu Anna
zurückwill, hat sie kürzlich ihre lesbische Sexualität
"entdeckt", und festgestellt, dass sie "keine Männer mehr
braucht." Dann gibt es noch ein weiteres, bereits
ökologisch angehauchtes Paar, einen Akademiker, der Mitglied einer
marxistisch-leninistischen Splittergruppe ist, und als
Stahlarbeiter in einer Fabrik jobbt, um "die Arbeiter zur
Revolution anzuleiten." Schließlich Klas, als bekennender
Homosexueller auch hier in einer Outsiderstellung, zudem
verliebt in den heterosexuellen Lasse. In dieses komplexe
soziale Geflecht kommt zusätzliche Bewegung, als eines
Tages Görans Schwester Elisabeth mit ihren kleinen Kindern
Eva und Stefan in das Kollektiv einzieht. Die bisher
angepasste Hausfrau hat ihren Mann verlassen, und entdeckt
nun eine völlig neue Welt...
"Der lehrer ist der einzige, der so sitzt, dass er alle
gesichter sehen kann."
Moodysson erzählt aus dem Blickwinkel dieser
Neuankömmlinge. Vor allem staunend, mit einer Mischung aus
Faszination und Unverständnis erlebt man ein Lebensgefühl,
das heute zunächst fremd und vergangen wirkt, zugleich
eigene nostalgische Erinnerungen wachruft, und sich im
Verlauf des Films als seltsam vertraut entpuppt. Zunächst
streift der Blick über die Oberfläche: Man sieht Poster,
Konsumgegenstände, erinnert sich, dass es mal eine Zeit
ohne Computer und CD-Player gab, in der Kinder nicht mit
Kriegsspielzeug spielen sollten, und darüber diskutiert
wurde, ob Fernsehen nicht bürgerliche Ideologie sei. Längst
vergessene Musik ist zu hören, und auch in deren Auswahl
zeigt sich das geschmackliche Gespür eines Regisseurs, der
über die Vorliebe für bestimmte Schallplatten feinere Haarrisse in den Beziehungen der
Menschen, die Individualität im scheinbar so geschlossen
Kollektiv sichtbar macht. Denn mit dem Blick eines
Ethnographen des Alltags führt eine zurückhaltende,
mitunter fast dokumentarische Kamera den Zuschauer Schritt
für Schritt hinter die Oberfläche des Scheins, macht
Strukturen und Rituale als solche sichtbar, entlarvt
Lebenslügen, und zeigt so, dass die Wirklichkeit des
Zusammenlebens der Kommune längst nicht immer deren
sozialrebellischem Selbstverständnis einer Verwirklichung
des "anderen Lebens" entspricht. Gewiß wärmt Moodysson
manches altbackene 68-er-Klischee ein weiteres Mal auf,
übertreibt, bringt lieber einen Gag zuviel, als auf einen guten Witz zu verzichten. Doch bei
allen komödiantischen Elementen, trotz mancher - und
filmisch immer zu rechtfertigender Übertreibungen - werden
die Figuren und ihre Anliegen hier niemals denunziert.
Moodysson überprüft eine Weltanschauung, konfrontiert das
Ideal mit der Wirklichkeit, aber ohne mit einem von beiden
allzu scharf ins Gericht zu gehen. Im Zweifel dominieren
Toleranz, Nachsicht und das Gefühl für die Würde der
einzelnen Charaktere.
"Kinder und erwachsene sind aber keine natürlichen
feinde."
Wirklich Partei ergreift der Regisseur nur für die Kinder.
Wie schon in FUCKING AMAL erweist sich Moodysson auch in
ZUSAMMEN! als ein Filmautor mit besonderem Gespür für die
Führung junger Akteure und für das Darstellen jugendlicher
Innenansichten. Sie allein nimmt er ganz ernst, und ihnen
gegenüber erscheinen die sonderbaren Spiele der Erwachsenen
- ähnlich wie in Ang Lees ICESTORM - manchmal wie ein
Albtraum. Zu den schönsten Passagen gehören die Episoden,
in denen der 10jährige Stefan seinen Vater sucht, oder sich
mit dem ganz anders erzogenen Tet anfreundet, und -,
"Tauschen wir, ich will Pinochet sein" - Folter spielt;
ebenso jene, in denen die 13jährige Eva zunächst unter den
Zuständen in ihrem neuen Zuhause bitter leidet, - weil es
hier ist "wie in 'Die Kinder von Bullerbü': die Leute
denken von allem das Gegenteil." Später verliebt sie sich
in den Sohn der spießigen Nachbarsfamilie. Die
gelegentliche Sicht auf dessen Eltern bildet den Kontrast
zum "Kollektiv" und erinnert nachdrücklich daran, wogegen
die Linke auch in den 70-ern noch rebellieren musste.
"China ist kommunistisch, indien noch nicht."
Bei allen klugen Beobachtungen ist ZUSAMMEN! aber weniger
eine strenge Analyse mit dem Anspruch, letztgültige
Wahrheiten zu vermitteln, als eine sanft-raffinierte
Komödie. Am Ende lässt sich der Film als sehr zeitgemässes
Plädoyer für individuelle Selbstfindung und gegen
übertriebene Angepasstheit lesen. Nie wirkt diese Geschichte einer sehr menschlichen,
unaufdringlichen Annährung dabei aufgesetzt, nie gibt sie
vor, dass plötzlich alle Probleme gelöst seien. Und bei
aller Ironie erinnert man sich doch wieder, dass 68
vielleicht ein paar Dimensionen mehr hatte, als es vielen
heute recht ist. Das stand freilich auch schon im "kleinen
roten schülerbuch".
Rüdiger Suchsland
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:
artechock : FILM- UND KUNSTMAGAZIN
Zu diesem Film gibt es im filmzentrale-Archiv mehrere Kritiken.
Zusammen (Tillsammans)
Schweden/DK/I 2000 - 106 Minuten -
Regie: Lukas Moodysson
Kamera: Ulf Brantas
Drehbuch: Lukas Moodysson
Besetzung: Lisa Lindgren, Michael Nyqvist, Gustaf
Hammarsten, Anja Lundqvist u.a