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Berlin-Stettin
Koepp-Country
Der
Dokumentarfilmer Volker Koepp betrachtet in "Berlin-Stettin" sein
eigenes Leben, aber stets so, dass es ihm als Zugang zu anderen Geschichten
und zur (ost)deutschen Nachkriegsgeschichte ingesamt dient.
Seinen
ersten Dokumentarfilm drehte Volker Koepp als Strafarbeit. 1968 war er Student
an der Filmhochschule in Babelsberg, solidarisierte sich in einer Gruppe von
ein paar Freunden dort mit dem Prager Frühling. Sie sollten relegiert werden,
Koepp kam mit einem Film über Ziegelbrenner im brandenburgischen Zehdenick
davon. Die Ausschnitte, die man in "Berlin-Stettin" aus der Strafarbeit
sieht, deuten nicht darauf hin, dass der Ausflug des Filmemachers in die Produktion
zur Zufriedenheit der Lehrenden ausfiel. Einen Mann sieht man kurz zwischen
Wut und Resignation über die Arbeitsbedingungen, die Hitze, die Maloche.
Dokumentarfilm, das gefiel mir, sagt Koepp im Off-Kommentar. Die Arbeiter mochte
ich auch. So blieb er dabei: beim dokumentarischen Filmen und auch beim Mögen
der Menschen, die er vor der Kamera zeigt.
"Berlin-Stettin"
ist Film als Autobiografie, aber nach Volker-Koepp-Art. In den ersten Bildern
sieht man die Gundelfinger Straße in Berlin-Karlshorst, da ist Koepp aufgewachsen.
Geboren ist er in Stettin, im Jahr 1944, bald darauf schon ist die Familie jedoch
auf der Flucht. Wir hören ihn erzählen: Ein Brief erreicht den Filmemacher,
von einer Frau, die einen seiner Filme gesehen hat. Sie fragt darin, ob er der
Volker Koepp sein könne, der 1945 mit seiner Mutter und den Geschwistern
auf einem Bauernhof im Mecklenburgischen untergebracht war. Die Briefschreiberin
war damals zehn und erinnert sich gut an die Zeit. Man begreift dann, warum.
Sie sitzt im Garten. Das Wetter ist schön. Sie hat einen alten, vergilbten
Brief in der Hand. Koepp setzt sie nach Koepp-Manier ins Bild. Nicht zu nah,
nicht zu fern, immer unaufdringlich, ein freundlicher Kamerablick. Auch seine
Stimme - man sieht ihn aber nie - ist zur Stelle, nachfragend, nachhakend, responsiv,
aber nur, wenn der Gesprächspartner auf eine Frage wartet oder den Faden
verliert. Den Brief, den die Frau im Garten vorliest, hat sie im Jahr 1945 an
ihre Mutter geschrieben, die da in Berlin war. Sie schildert, was vorfiel, als
die Russen gegen Ende des Kriegs das Gut erreichten. Die Frauen wurden vergewaltigt,
auch Volker Koepps Mutter, mehrfach. Die alte Frau im Garten liest die Worte
des Mädchens von einst. Nein, ich habe das nicht verstanden damals, sagt
sie. Gewidmet ist "Berlin-Stettin" Thea Koepp, der Mutter des Filmemachers,
die im Jahr 2002 starb.
Dies,
die Bewegung zum traumatischen Erlebnis seiner Mutter, ist nur eine der vielen
Bewegungen des Films. Sie ist, wie es die Regel ist im Werk des Dokumentarfilmers
Koepp, einem Zufall verdankt, für den Koepp offen ist, dem er liebend gern
folgt, ohne sich ihm ganz zu überlassen. Alles Systematische ist ihm fremd.
Er arbeitet keine Strukturen heraus, er komponiert nicht in genauestens abgestimmten
Rhythmen. Es soll am Ende aber ein Bild entstehen. In diesem Bild hat der Zufall
seinen Ort. Koepp sucht Menschen auf, andere trifft er. Was sich mit denen begeben
wird, die er aufsucht, kann er nicht wissen. Die, die er trifft, behandelt er
jedoch immer nach Art des Volker Koepp. Freundlich fragt er, nicht zu nah, nicht
zu fern stellt er die Kamera auf. Er selbst ist immer mit im Bild. Man sieht
ihn zwar nicht, aber man hört ihn und mehr noch spürt man ihn als
den, der den menschenfreundlichen Ton dieser Filme vorgibt. Es ist alles andere
als erstaunlich, dass er mit vielen der von ihm Porträtierten befreundet
bleibt. Dass er, wie exemplarisch im Fall des Städtchens Wittstock, immer
wiederkehrt. Eine weitere Bewegung, dieser Rekurs, an diesen Ort im Wandel der
Zeit.
Mitte
der siebziger Jahre war er das erste Mal dort. Damals war Wittstock ein Zentrum
der DDR-Textilindustrie, heute ist davon nicht das kleinste Fitzelchen übrig.
In den Fabrikhallen, die er aufsuchte, begegnete Koepp mehreren Frauen. Er behielt
sie im Blick, filmte alle paar Jahre, was sich zutrug im Leben der Frauen von
Wittstock. Sieben Film entstanden, kürzere, lange, und dies ist in gewisser
Weise der achte. Volker Koepps Filme sind nicht nur Arbeiten des Erinnerns,
des Lauschens auf die Geschichte, die sich in Landschaften und in den Erinnerungen
der Menschen in diesen Landschaften sedimentiert. Seine Filme sind auch Arbeiten
des gezielten Nicht-Vergessens, des Zurückkommens, des Nachfragens, des
Wiederkehrens. Sie produzieren selbst Geschichte und obwohl - oder gerade weil
- ihnen das explizite Reflektieren beinahe fremd ist, haben sie ein Bewusstsein
für die Schleifen, die das Leben als Gelebtes, als Erinnertes und als im
tätigen Erinnern Gelebtes zieht. Die Reflexion auf das, was Geschichte
heißt und Erinnern, ist Koepps Filmen und insbesondere "Berlin-Stettin"
ganz natürlich.
Der
Film folgt weiteren Bewegungen, eher zufälligen und eher intendierten.
So sucht Koepp die Schauspielerin Fritz Haberlandt auf, die in einem brandenburgischen
Dorf ein Haus gekauft hat, in dem sie nun, abwechselnd allerdings mit Kreuzberg,
lebt. Sie erinnert sich an das Jahr, in dem die Mauer fiel, sie denkt über
ihr Interesse an der DDR nach, ihre eigene Erinnerung wird dann zum Sprungbrett
für den Wittstock-Exkurs des Films. Außerdem liest sie die Texte
aus dem Off, einen Kindervers und auch etwas von Koepps Lieblingsdichter, dem
großen Johannes Bobrowski. Dies und das fügt sich. Einen Mann lernt
man noch kennen, der gegen die Windräder im dünn besiedelten Gebiet
kämpft. Nein, man muss genau sein, denn der Untugend der Unschärfe
oder gar des Pauschalen verfällt Koepp als Lyriker des Dokumentarfilms
nie. Der Mann, den man kennen lernt, kämpft mehr noch als gegen die Windräder
gegen die Unverschämtheit, dass die Regierung mit einem Federstrich das
Land mit seinen 100.000 Wahlberechtigten für unbewohnt erklärt - und
damit dem privaten Windradbetreiber mehr oder minder übereignet.
Diesen
Mann also lernt man kennen. Ihn wie alle anderen fragt Koepp nach seiner Herkunft.
Aus dem Nordhessischen stammt er und ist bald nach Mauerfall in diesen Landstrich
gelangt. Und die Leute vertrauen ihm, unterstützen ihn, obwohl er zugereist
ist. (Dann kommt sein Schatz und das ist noch einmal eine andere, eine sehr
erstaunliche Geschichte.) Von entwurzelten und einwurzelnden und eingewurzelten
Menschen erzählt "Berlin-Stettin" immer wieder. Vielleicht ist
an der Metapher, obgleich sie aus dem Biologischen und seinen anderen Zeiträumen
stammt, so viel gar nicht falsch. Wenigstens scheinen Koepps Filme darauf immer
zu insistieren: Man darf trotz der scheinbaren Schnelligkeit des Sozialen die
longue
duree,
die in der Herkunft steckt, nie unterschätzen. Das Beharren ist ein Faktor
der Geschichte ebenso wie der Wandel. Und als Metapher des Beharrens (nicht
so sehr der Ewigkeit oder gar einer ideologisch aufgeladenen Natur) setzt Koepp
und setzt sein für dafür so grandios begabter Kameramann Thomas Plenert
die Landschaften als Räume ins Bild. Da ist Koepp schon ein enger Geistesverwandter
des Historikers Karl Schlögel, der nicht zufällig in Frankfurt (Oder),
durchaus auch Koepp-Country, lehrt: "Im Raume lesen wir die Zeit."
Man
kommt nicht schnell an ein Ende mit Volker Koepps Filmen. Sie bleiben offen,
auch wenn sie Bilder entwerfen, denen nichts fehlt. Bilder, in denen ganz materiale
Objekte - der alte Brief aus dem Krieg, der Hut der Schweißerin Karin
- ihren Platz haben und ganz immaterielle Dinge wie eben: das Erinnern und sein
Gegenbild: das Vergessen. Koepp lässt in seinen Filmen nämlich stets
genug Luft auch dafür - dass man nicht vergisst, dass das Vergessen dazugehört,
als Kraft einer Vernichtung, der man so viel auch wieder nicht entgegenzusetzen
hat. Nicht mehr jedenfalls als eine Erzählung, eine Erinnerung, einen freundlich
ins Bild gesetzen Menschen hier, einen da. Die Landschaft und den Raum ohne
Menschen so insistent neben den Menschen und sein Maß zu stellen, hat
darum einen tiefen Grund: Im Guten wie im Bösen erscheint bei Koepp die
Landschaft, obwohl ein Dichter wie Bobrowski sie sprechen gemacht hat, als die
Hüterin eines Schweigens, gegen das seine Filme nicht den Widerspruch,
sondern mit dem sie die Zwiesprache suchen.
Ekkehard
Knörer
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de
Berlin
- Stettin
Deutschland
2009 - Regie: Volker Koepp - Darsteller: (Mitwirkende) Doris Krause, Ursula
Panneke, Anetta Kahane, Bruno Olschewski, Hans-Joachim Mengel, Charles Elworthy,
Fritzi Haberlandt - FSK: ab 12 - Länge: 110 min. - Start: 28.1.2010
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