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Burn
After Reading
Die
Komik der Eskalation
Was sieht man eigentlich beim Blick durch
einen US-Spionagesatelliten? Die Coens eröffnen ihren neuen Film nicht
zufällig mit einer Aufnahme aus dem Weltraum, und siehe da: Wir sehen die
USA, New York. Man sollte meinen, die US-Geheimdienste hätten Besseres
zu tun, als die guten Bürger von Brooklyn zu überwachen, aber genau
darauf schaut der Satellit. Und er zoomt und zoomt und versteht doch nichts.
Nach der pechschwarzen Existenzialismusparabel
No
Country for Old Men
sind die Coens nur scheinbar zurück auf altem Komödienterrain. Sicher,
ihre Figuren heißen wieder Linda Litzke und Ted Treffon und Krapotkin,
sie tragen Kleidung, die in ihrer Uniformität lächerlich wirkt, sie
schlürfen mit den Strohhalmen beim Konsumieren von Kaltgetränken,
und sie haben sich mal wieder die zielstrebig hirnrissigsten Methoden ausgesucht,
um zu Reichtum, Glück und Schönheit zu finden. Namentlich versuchen
sie sich mal wieder im ohnehin nicht sehr Erfolg versprechenden Spiel der Erpressung,
das nur noch komplizierter wird, wenn man über die taktische Finesse einer
Steinlaus verfügt. Dieses Knallchargentum, dargeboten mit unbestechlichem
Timing von Clooney, McDormand und vor allem Pitt, macht Burn
After Reading zum lustigsten
Coen-Film seit The
Big Lebowski.
Aber die Brüder haben sich auch eine
dunkle Seite bewahrt: Ihre Protagonisten waren schon immer mit einer solch begnadeten
Inkompetenz gesegnet, daß ihre völlig vermasselten kriminellen Aktionen
nicht einmal mehr in der Grundabsicht erkennbar waren und somit eher zur allgemeinen
Verwirrung als zu konkretem Schaden führten. Dies aber ist das perfekte
Rezept für eine endlose Eskalation: Alle wissen, dass irgendwas los ist,
aber keiner kapiert, was. Und nachdem alle vom Schlimmsten ausgehen und entsprechend
reagieren, kommt es zu haarsträubenden Konflikten und grotesk überzogener
Gewaltanwendung. Und genau da legt die perfide Komik der Coens die allgegenwärtige
Paranoia der USA bloß – gar nicht so sehr im Zentrum der Geheimdienstbranche,
wo man das bunte Treiben eher befremdet registriert, sondern an ihren ausgefransten
Rändern, wo man zu viele Spionageromane gelesen hat und die persönlichen
Probleme gerne mit den beruflichen vermischt. Sie wird in Burn
After Reading zu mehr
Leichen führen, als dies in normalen Komödien auch nur diskutabel
wäre. Paradoxerweise lacht man sich genau deswegen unter den Kinosessel,
weil es dabei dauernd die unschuldigen Trottel trifft, die zur falschen Zeit
aus völlig albernen Gründen am falschen Ort sind. Die Autoritäten
erstarren derweil in einer lächerlichen Hilflosigkeit: Man kann das eigene
Volk überwachen, so viel man mag, und vielleicht findet man dabei auch
Bruchstücke der Banalität, die hinter dem Bösen steckt – eine
Frau, die unbedingt eine Schönheits-OP will; einen Mann, der das Internet-Dating
entdeckt hat; einen arbeitslosen Agenten, der im Suff seine Autobiographie schreibt
– aber wirklich durchschauen wird man es nicht.
Gefilmt haben die Coens diesen bittersüßen
und urkomischen Kriminaltango erstmals seit Menschengedenken nicht mit Roger
Deakins, sondern dem ähnlich brillanten Emmanuel Lubezki hinter der Kamera
– was allerdings wenig auffällt und wohl auch ein einmaliger Ausflug bleibt.
Ihre Welt ist auch hier visuell immer leicht neben der Spur, die Büros
eklig eierschalenfarben, die Anzüge grau und unförmig, das Fitnessstudio
ein weinroter Ort der Liebe und anderer neurotischer Idiotien. Erstaunlich gut
fügen sich auch die neuen Schauspieler ein: Malkovich als cholerischer
Ex-CIA-Analytiker ist eine ebenso passende Beigabe für den Coen-Kosmos
wie Brad Pitt, der hier ein spektakuläres Talent für die Komödie
offenbart, während J.K. Simmons und David »Sledge Hammer« Rasche
als CIA-Agenten mit ebenso nüchternen wie hilflosen Versuchen, in kurzen
Zwischenszenen die immer neuen Verwirrungen des Plots nachzuvollziehen, für
die größten Lacher sorgen. Die hinreißende Tilda Swinton wirkt
mit ihrer natürlichen Distinguiertheit anfangs noch wie ein Fremdkörper
in dieser haarsträubenden Welt, doch auch für sie haben sich die Coens
einige herrliche Gemeinheiten ausgedacht.
Am Ende, oder besser: am Höhepunkt
der Eskalation, verschwinden all diese Charaktere einfach wieder in der Unübersichtlichkeit
des New Yorker Gewusels, auch die Handlung findet nur einen lakonischen Fisch
namens Wanda-Gedenk-Abschluss,
während der Satellit wieder aus Brooklyn herauszoomt – keinen Deut klüger,
aber sicherlich sehr belustigt.
Daniel Bickermann
Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Burn
after Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?
USA 2008 - Originaltitel: Burn After Reading - Regie: Ethan Coen, Joel Coen - Darsteller: Brad Pitt, Frances McDormand, George Clooney, John Malkovich, J. K. Simmons, Tilda Swinton, Richard Jenkins, Matt Walton, David Huddleston - Länge: 95 min. - Start: 2.10.2008
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