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Day is Done

 


Leben eben

Berückend erzählt Thomas Imbachs Dokumentarfilm "Day is Done" von flüchtigen und ganz unflüchtigen Dingen.

"Day Is Done" ist ein Film über Flüchtigkeiten: immer wieder nimmt die Kamera Rauch, Wolken und Nebel in den Blick, Dinge, die schnell, formlos und unbeschreibbar sind. Daneben geht es um Flüchtigkeiten anderer Art: ein Vater, der stirbt, eine Beziehung, die zerbricht, ein Mann, der sich entzieht.

"Day Is Done" des Schweizer Filmemachers Thomas Imbach erzählt von diesen flüchtigen Dingen auf berückende Art und Weise, deren Reiz aus einer doppelten Beschränkung resultiert: zum einen besteht der Film fast ausschließlich aus Aufnahmen, die Imbach vom Fenster seines Zürcher Ateliers aus gedreht hat. Diese Fensterblicke zeigen wenige, immer wiederkehrende Motive: Wind und Wetterlagen eben, Schlote und Schornsteine, Züge und Flugzeuge, die Straße vor dem Ateliergebäude. Die Einstellungen sind lang und die Kamera oft statisch; nur manchmal macht sich Imbachs Präsenz bemerkbar, wenn suchend justiert, geschwenkt und geruckelt wird. Zeitlich manipuliert in ihrer Abspielgeschwindigkeit sind diese Bilder dagegen immer: Zürich in Zeitraffer und Zeitlupe.

Über diese Fensterblicke - das ist die zweite Beschränkung und der eigentliche Clou des Films - montiert Imbach eine Tonspur aus Nachrichten, die Familie, Freunde, Kollegen und Geschäftspartner über Jahre auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen haben. Bald schon beginnt man, die Stimmen wiederzuerkennen, Eigenheiten auszumachen und sie Figuren zuzuordnen. Der ältere Mann, der ständig auf Reisen zu sein scheint, muss Imbachs Vater sein. Die junge Frau, deren Stimme ein wenig lasch daherkommt, ist Imbachs Freundin. Irgendwann spricht der Vater von Chemotherapie und die Freundin von Geburtshäusern; dann eine Nachricht, die den Termin für ein Urnenbegräbnis bekanntgibt, und eine, auf der man im Hintergrund ein Kind schreien hört. So entspinnt sich, sprunghaft zwar und voller Lücken, ein narrativer Faden.

Der Anrufbeantworter ist heute, im Zeitalter von Handys, so gut wie ausgestorben. Nachrichtenbänder wurden kaum je für archivierungswürdig gehalten. Es ist also auch eine flüchtige Technik, mittels derer Imbach seine "fiktive Autobiografie", wie er es nennt, entwirft. "Day Is Done" ist somit zugleich ein vergessenes Kapitel Mediengeschichte über eine Maschine, die zwar Anrufbeantworter heißt und doch niemals Antworten liefert. Seine Spannung bezieht "Day Is Done" folgerichtig aus der Tatsache, dass all diese Stimmen, die hier fragen und fordern, schmeicheln und bitten, ins Leere laufen. Immer stehen die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter für verpasste Begegnungen und nicht geführte Gespräche ein. Imbach, Adressat aller Botschaften, bleibt stumm, entzogen, nicht erreichbar, das leere Zentrum, um das der Film kreist.

Die Beziehung zur Frau zerbricht, das Kind wächst auf, man hört es schreien, stammeln, schließlich selber sprechen. In diesem Sinne ist "Day Is Done" nicht nur ein Film über Flüchtigkeiten, sondern auch einer über ganz und gar unflüchtige Dinge: Prozesse, Zustände, die sich langsam, unmerklich, über Jahre entwickeln und die gerade deshalb der menschlichen Wahrnehmung genauso entzogen sind wie das Flüchtige: Leben eben. Das Flüchtige und das Unflüchtige als Wahrnehmungsprobleme zu begreifen, die sich mit Hilfe des Kinos bearbeiten lassen - davon handelt "Day Is Done". Zeitraffer, Zeitlupe und Montage werden hier vorgeführt als Techniken, mit denen der Film Wahrnehmung verschieben und ermöglichen kann: Die Bewegung von Wolken wird eben erst im Zeitraffer so richtig anschaulich, während der locker wippende Gang eines Müllmanns sich am besten in Zeitlupe erschließt. Und die Bilder, die "Day Is Done" zusammenfügt, stammen aus den Jahren 1995 bis 2010, die Anrufbeantworternachrichten aus den Jahren 1988 bis 2003: Jahrzehnte, transformiert in eine Spiellänge von knapp zwei Stunden.

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

 

 
Day is Done

Schweiz 2011 - 111 Min. - Kinostart(D): 01.12.2011 - Regie: Thomas Imbach - Drehbuch: Thomas Imbach, Patricia Stotz - Produktion: Thomas Imbach, Andrea Štaka - Kamera: Thomas Imbach - Schnitt: Gion-Reto Killias, Tom La Belle

 

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