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District
9
Neill
Blomkamp beobachtet in seinem Science-Fiction-Film "District 9" das
Auseinanderfallen einer Welt - bis der Held in Schwierigkeiten gerät. Dann
geht's nur noch um Wumm.
"Wie
man eine Welt erbaut, die nicht nach zwei Tagen wieder auseinander fällt",
hatte Philip K. Dick dereinst einen Vortrag überschrieben. Und selbst wenn
der große SF-Autor darin eher seine Psychosen reflektiert als eine Anleitung
für angehende Autoren zu bieten, hat er damit doch eine der grundsätzlichen
Herausforderungen jeglicher Phantastik auf den Punkt gebracht: Der künstlerische
Erfolg hängt zum Gutteil von der Plausibilisierung im selbst gesteckten
Rahmen der vorgetragenen Unwahrscheinlichkeiten, vom "World Building"
im Allgemeinen ab.
Die
Unwahrscheinlichkeiten im südafrikanischen Science-Fiction/Horror-Grenzgänger
"District 9", den Peter Jackson ("Herr
der Ringe")
werbewirksam als Produzent unter seine Fittiche genommen hat, sind zwar altbekannt
- eine riesige Raumstation mit einer millionenstarken Kolonie insektenähnlicher
Außerirdischer erscheint am Himmel -, doch die Vorzeichen sind andere:
Nicht New York oder Washington, Johannesburg ist der Ort des Geschehens und
die Wesen aus dem All führen keine Invasion im Schilde, sie sind apathische
Gestrandete, ein Heer von Flüchtlingen, die um Asyl bitten, eine Multitude
buchstäblicher Aliens von der äußersten Peripherie. Und: Dies
geschah vor über 20 Jahren.
Seitdem
dräut die Station über der Stadt, unerreichbar für die Menschen,
die direkt darunter im Ghetto aus Wellblechhütten, Schrott und Pappe mehr
siechen als leben. Schwarzmarkt, Waffenhandel, Prostitution und mafiöse
Strukturen florieren zum lautstark geäußerten Unmut der Bevölkerung.
Die Lösung der brodelnden Spannungen: Eine mit erheblichem Aufwand von
einem Konzern durchgeführte Massenumsiedelung in neue "Happy Homes"
- andere sagen: Eine Deportation ins Konzentrationslager.
Damit
seine Welt nicht auseinander fällt, bedient sich der aus Kanada in seine
alte Heimat zurückgekehrte Spielfilmdebütant Neill Blomkamp eines
Kniffs, dessen Wirkung er schon im thematisch ähnlichen Kurzfilm "Alive
in Joburg" erprobte und der sich im Horror/SF-Kino derzeit ohnehin einiger
Beliebtheit erfreut: Eine subjektive Kamera ist über weite Strecken unmittelbarer
Bestandteil des Geschehens, embedded journalism sozusagen, der auch das aufzeichnet,
was zur Produktion offizieller Bilder später meist geschnitten wird. Daneben
skizziert und erdet News Footage die Ausmaße des Szenarios, Soziologen
und andere Koryphäen kommentieren in Ausschnitten einer fiktiven Dokumentation
rückblickend das Geschehen.
Diese
Manöver, die im parallel montierten, wechselseitigen Kommentar vom Subjektiven
aufs Allgemeine schließen lassen, sind, im Verbund mit dem sorgfältigen
Production Design - die Ironie des Schicksals wollte es, dass für "District
9" ein gerade geräumtes Ghetto als Kulisse zur Verfügung stand
- und den dezent eingesetzten Computereffekten, zunächst ungeheuer effektiv
und der soziale, satirische Kommentar, den gute Science Fiction mitunter auszeichnet,
erfreulich gallig.
Und
dennoch, es bleiben Manöver zur bloßen Exposition, deren Strategien
nie zum Motor des Films - wie etwa zuletzt in "[Rec]"
oder "Cloverfield"
- werden. Schon bald fällt Blomkamp ins herkömmliche Fabulieren zurück:
Der zwar herzige, aber auch sehr kleinbürgerliche Schreibtischheld Wikus
(Sharlto Copley), der mit der Durchführung der Operation beauftragt ist,
kommt dabei mit einer Flüssigkeit in Berührung, die ihn zum Mensch/Alien-Zwitter
und damit zum heißbegehrten Forschungsobjekt skrupelloser Wissenschaftler
werden lässt, und muss sich fortan selbst dem Zugriff der Räumungseinheiten
entziehen.
Statt
das komplexe "World Building" weiterzuführen, sucht Blomkamp
in diesem eigentlichen Plot, der viel von dem beiseite wischt, was vorher lang
etabliert wurde, nur die Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen
Verborgenheit und Hetzjagd, zwischen Fadenkreuz und Explosion. Seinen guten
Prämissen zum Trotz ist "District 9" zwar ein mit Anspielungen
auf Horror- und SF-Kino reich gespickter, letztlich aber eher doch gewöhnlicher
Actionfilm. Seinen faszinierenden Beginn - hilflos wie erschrocken muss man
dabei zuschauen - verschenkt Blomkamp für ein an Hollywood adressiertes
Bewerbungsschreiben. Für das allegorische Potenzial des Straßenkampfes
vor zertrümmerter Kulisse unter gleißender Sonne, für den Subtext
seiner Story, interessiert er sich nur gerade soweit, wie sich darin große
und größere Wummen verstecken lassen, auf deren Anwendung das Spektakel
es schlussendlich auch beruhen lassen will.
Zugegeben,
dies geschieht auf beträchtlichem Niveau und "District 9" fällt
als Genrefilm markiger aus als jüngste US-Blockbuster. Auch der bisherige
Erfolg des Films, zumal unter den Nerds der imdb-Community und beim Publikum
des Fantasy Filmfests, das den Film vorab präsentierte, macht offensichtlich,
dass "District 9" als von viralen Marketingkampagnen lange vorbereiteter
Hype einigen Erwartungen sehr gerecht wird. Da unter solchen Bedingungen ein
Franchise unausweichlich ist, bleibt abschließend zu hoffen, dass richtige
und fähige Köpfe auf das hier schlummernde Potenzial bereits aufmerksam
geworden sind: Eine sorgfältige Adaption durch das US-Fernsehen, das den
öden Actionballast als solchen über Bord wirft und den kaum ausgeschöpften
Stoff vielleicht sogar im Stil von "The Wire" als Möglichkeit
zu einer soziologischen SF-Studie zu nutzen versteht, deren Welt eben nicht
unter Getöse wieder auseinander fällt, eine solche Serie also wäre
zweifellos atemberaubend gut.
Thomas
Groh
Dieser
Text ist zuerst erschienen am 09.09.09 in: www.perlentaucher.de
District
9
USA
/ Neuseeland 2009 - Regie: Neill Blomkamp - Darsteller: Sharlto Copley, Jason
Cope, Nathalie Boltt, Sylvaine Strike, Elizabeth Mkandawie, John Summer, William
Allen Young, Greg Melvill-Smith, Nick Blake - FSK: ab 16 - Länge: 112 min.
- Start: 10.9.2009 (nächste Woche)
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