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Drei
Wochen Nordost
Wenn man von einem Ort an einen anderen
gelangen will, kann man sich ins Flugzeug, in den Zug oder ins Auto setzen und
wird meist schnell und ohne Komplikationen ankommen. Man kann es aber auch anders
machen, beispielsweise den Schwarzwald mit einer Straßenkarte von London
durchqueren. Das wird einige Schwierigkeiten mit sich bringen, aber man wird
auch um einige Erfahrungen reicher werden, die man sonst nicht macht.
Die Neugier auf Erfahrungen, die im Alltag
nicht zu machen sind, steht am Anfang des Unternehmens, über das Detlef
Gumm und Hans-Georg Ullrich ihren Dokumentarfilm gedreht haben: mit drei Pferden
ziehen der 14jährige Ralf und sein Vater von ihrem Wohnort im Hunsrück
aus durch Deutschland Richtung Nordost. Die beiden reiten los, um sich von dem
überraschen zu lassen, was sie bei ihrer unzeitgemäßen Reiseart
erleben können. Dem Film merkt man die gleiche gelassene Haltung an: sein
Konzept ist nur, die beiden mit der Kamera zu begleiten und für das offen
zu sein, was passiert.
Am Anfang sind einige Vorbereitungen erforderlich:
die Pferde müssen besondere Hufeisen bekommen, um auf Asphalt gehen zu
können, das Auto der Filmemacher wird präpariert: der Auspuff wird
nach vorne verlegt, damit er nicht auf die Pferde gerichtet ist, das Dach wird
geöffnet, damit eine Kamera Platz finden kann. Später ist das nebenher
fahrende Auto mit der oben aufmontierten Kamera häufig mit im Bild, und
auch die Mühen, die das Team mit dem Auto hat, werden gezeigt.
Zuerst sieht es so aus, als ob sich die
beiden Reiter etwas unmögliches vorgenommen
hätten: zu sehr sind Städte und Straßen auf den Autoverkehr
zugeschnitten. Es wird schnell gefährlich, wenn sich die beiden mit ihren
Pferden da hineinwagen, die Notwendigkeit ihres Warnrufs „Auto!" ist offensichtlich.
Selbst die Überquerung des Rheins mit einer Fähre wird zum komplizierten
Unterfangen. Doch als die Reiter dann Städte und Autostraßen vermeiden
können, kehren sich die Verhältnisse um. Nun können die beiden
ohne Schwierigkeiten einem Waldweg folgen, während das Auto des Kamerateams
bald im tiefen Boden steckenbleibt. Mit milder Schadenfreude werden die Bemühungen
des Teams gezeigt, den Wagen wieder aus dem Schlamm zu bekommen, wobei ein Förster
auftaucht, der sehr deutsch erst einmal nach der Genehmigung fragt. Der weitere
Weg ist für die Reiter dann erstaunlich problemlos, obwohl es nicht einfach
ist, für die Pferde Quartiere zu finden. Sie müssen schließlich
ihre Reise abbrechen, weil eines der Pferde keinen Sattel mehr tragen kann.
Über Ralf und seinen Vater erfährt man relativ wenig. Beide neigen
nicht zur Selbstdarstellung, und die Filmer respektieren ihre Privatsphäre.
Aber der Film läßt sich auf ihre Erlebnisse unterwegs ein und nimmt
die Menschen, denen sie begegnen, ernst. Weltbewegendes passiert dabei nicht,
und der Film versucht nicht, irgendwelche Sensationen vorzutäuschen. Fast
ist es schon das Aufregendste, wenn sie einem trainierenden Langläufer
begegnen, der sich als Deutscher Meister herausstellt, wenn sie eine ausgesetzte
kleine Katze mitnehmen oder wenn Ralf Zahnweh bekommt und es fraglich ist, ob
er weiterreiten kann.
Aber das Zusehen bereitet Vergnügen,
weil man das Interesse spürt, das die Filmemacher auch den kleinen Ereignissen
entgegenbringen. Auf unaufdringliche, aber unüberhörbare Art sprechen
diese für sich. Ganz beiläufig ergibt
sich eine Schilderung von Lebensformen abseits der Ballungszentren und das Bild
einer fast unbekannten Bundesrepublik, in der die Landschaft noch nicht der
Industrie und den Autostraßen zum Opfer gefallen ist. Nicht zufällig
ist allerdings ein immer wiederkehrendes Thema in den Äußerungen
der Menschen die Sorge um die Zerstörung der Natur, etwa wenn ein Pilzsammler
vom sauren Regen spricht oder wenn ein Imker die Auswirkungen von Chemikalien
auf seine Bienen beklagt. Der ökologische Aspekt, den das Sujet zwangsläufig
hat, wird dann zum sanften Appell. Aber die Filmemacher lassen sich nicht eine
vorgefaßte Meinung bestätigen, sondern fügen Beobachtungen aneinander
und vermeiden sowohl Wehleidigkeit wie Cowboy-Romantik. Sie zeigen Tugenden,
die jeder Reisende, ob im eigenen oder im fremden Land, haben sollte: Neugier
und Offenheit.
Karlheinz Oplustil
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 2/84
Drei
Wochen Nordost
Bundesrepublik
Deutschland 1983. Regie: Detlef Gumm, Hans Georg Ullrich. Drehbuch: Detlef Gumm,
Hans-Georg Ullrich: Kamera: Hans-Georg Ullrich. Schnitt: Ute Wenzel-Spoo. Musik:
Arpad Bondy. Ton: Detlef Gumm. Produktion: KänguruhFilm. Verleih: Nickelodeon.
Länge: 92 Min. FSK: ab 6, ffr. Kinostart: 13.1.1984. FBW-Prädikat:
wertvoll.
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