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Emma
und Marie
Karneval
der Gefühle
In
ihrem bemerkenswerten Spielfilmdebüt „Emma und Marie“ („Je te mangerais“)
erzählt die französische Regisseurin Sophie Laloy von den komplizierten
Gefühlswirren im Prozess des Erwachsenwerdens einer jungen Frau. Gleich
zu Beginn beobachtet die Kamera aus der Vogelperspektive einen Aufbruch: Marie,
das Mädchen vom Land, zieht in die Stadt nach Lyon, um am dortigen renommierten
Konservatorium Klavier zu studieren. Dabei wird sie von ihrer sorgenden Familie,
den Eltern und drei Schwestern, begleitet: Ein Bild emotionaler Nähe und
Geborgenheit, das sich in einem berührenden Abschied verdichtet. Und das
in gewisser Weise ihren neuen Lebensabschnitt kontrastiert, der im Folgenden
als Loslösung vom behütenden Elternhaus und als schwieriger Prozess
individueller Selbstbehauptung geschildert wird.
Günstig
wohnen kann Marie (Judith Davis) in der geräumigen, sehr gediegenen Wohnung
ihrer früheren Freundin Emma (Isild le Besco), die sehr erfahren, selbstbewusst
und diszipliniert wirkt. Mit verstohlenen Blicken bewundert Marie die kühle
Schönheit ihrer Gastgeberin und die akkurate Vornehmheit ihres Stils. Emma
ist die vernachlässigte Tochter einer abwesenden Künstlerin, die sich
in der geschmackvollen Ruhe einer distinguierten Abgeschiedenheit eingerichtet
hat. Kein Fremder soll die neugewonnene traute Zweisamkeit stören, in der
fast unmerklich die Gefühle zwischen den beiden jungen Frauen zu wachsen
beginnen. Das führt die ungleichen Freundinnen in eine erste vehemente
Krise, als Marie entgegen der Abmachung nächtens heimlich einen Kommilitonen
mit in die Wohnung bringt. Bald wird klar, dass hinter Emmas unmissverständlich
strenger Reaktion Eifersucht steckt. Denn die unnahbare Schöne hat sich
leidenschaftlich in Marie verliebt, was sie verletzbar und abhängig macht.
Daraus resultieren Konflikte, die bei beiden zunächst zu Unausgeglichenheit,
schließlich zu seelischen Erschütterungen führen und ihren Alltag
empfindlich stören, ja geradezu unterminieren.
Sophie
Laloy inszeniert die dramatischen Liebesverwirrungen zwischen Emma und Marie
als undefinierbaren emotionalen Ausnahmezustand. In ihren Kämpfen zwischen
Anziehung und Abstoßung bleibt die Psychologie der Gefühle, in die
auf subtile Weise die wechselnden Machtverhältnisse aus Dominanz, Schuld
und Begehren eingewoben sind, nahezu undurchschaubar. Das steigert sich, von
unterschwelligem Sadomasochismus begleitet, bis zur Liebeskrankheit einer zerstörerischen
Leidenschaft. Reflektiert wird diese Verwirrung der Gefühle mit ihren psychischen
Abhängigkeitsverhältnissen wiederum in der Musik des Films, vornehmlich
in Robert Schumanns Miniaturen des Klavier-Zyklus „Carnaval“. Und so scheint
es, als lägen in „Emma und Marie“ Triumph und Niederlage eng beieinander,
als würden sie sich in den Kämpfen der Liebenden wechselseitig bedingen,
als seien sie die zwei Seiten derselben Medaille.
Wolfgang
Nierlin,
26. Dezember 2009/6. Januar 2010
Emma
und Marie
Frankreich
2008 - Originaltitel: Je te mangerais - Regie: Sophie Laloy - Darsteller: Judith
Davis, Isild Le Besco, Johan Libéreau, Edith Scob, Fabienne Babe, Marc
Chapiteau, Christian Bouillette, Alain Beigel - FSK: ab 16 - Fassung: O.m.d.U.
- Länge: 95 min. - Start: 3.12.2009
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