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Empire Me - Der Staat bin ich!
„Wenn Dir Deine Welt nicht passt, dann bau’ Dir Deine eigene!“, heißt es einmal lapidar. Am Rande der Globalisierung existieren über 500 Mikro-Nationen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen versuchen, alternative Lebensformen zu etablieren. Der österreichische Filmemacher Paul Poet hat ein paar dieser Biotope besucht und dabei als teilnehmender Beobachter Impressionen gesammelt. Das fängt ganz schrullig an, denn die erste Station ist „Sealand“, eine Flugabwehranlage in der Nordsee, die in der Zeit, als es noch Piratenstationen im Radio gab, zum Fürstentum ausgerufen wurde. Wer nach „Sealand“ reist, bekommt einen Stempel in den Pass, lernt alle Seeländer per Handschlag kennen und erfreut sich an Anekdotischem aus besseren Tagen. Mittlerweile hat man sich dem Schutz digitaler Informationen vor staatlichem Zugriff verschrieben: aus dem Piratenradio wird die Piratenpartei. Ähnlich buntscheckig geht es im australischen Busch zu, wo sich die „Hutt River Provinz“ zum zweitgrößten (Operetten-)Staat des Kontinents ausgerufen hat. Auch hier: Eintrag in den Reisepass, eigene Währung, Hymne, Briefmarken und viel ritualisierte Eigenbrötelei als liebenswerte Variante afrikanischer Potentaten – eine Touristenattraktion.
Der Film fängt harmlos an, doch dann führt die Reise nach Norditalien, wo sich in Damanhur eine esoterische Groß-Kommune den Fährnissen der Moderne mit einer abenteuerlichen Mischung aus Freiheitsdoktrin und autoritären Strukturen entgegenstemmt. Poet gibt den Beobachter dieser fremden Kultur, verzichtet aber explizit auf Wertungen, weil es ihm um Möglichkeitsräume geht: „New Worlds are happening!“ Doch sein pathetisch-poetischer Off-Kommentar ersetzt keineswegs das analytische Offenlegen der Drehsituation vor Ort. Spätestens im Falle von „ZEGG“, dem Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung, in Brandenburg wird die reine Beobachterposition prekär, weil die Widersprüche zwischen der postulierten Sexualität und einem reaktionären Frauenbild überdeutlich vor Augen treten. „Ich schätze an euch Männern, dass ihr so gut in mich reinpasst“, sagt eine Frau während einer Gruppensitzung, in der Menschen durch Sex gestaltet werden. Anschließend geht es ins gemeinsame Öl-Bad mit Streicheleinheiten. Poet immer mitten drin, wobei er auch hier noch die Schönheit der kämpferischen Eigenermächtigung preist, obwohl der Sezessionismus längst ins Sektenhafte abgeglitten ist.
Spätestens jetzt räumt der Film fast wider Willen mit dem
Vorurteil auf, dass die Staatenbildung jenseits der etablierten Staaten irgendetwas
mit Freiheit oder Anarchie zu tun haben könnte. Im ZEGG geht es nicht mehr
um befreiende Emanzipation, sondern um radikale Selbstverwirklichung einzelner
auf Kosten Dritter. Wie sehr eine einst gute Idee auf den Hund kommen kann,
zeigt sich in Christiania, dem autonomen Stadtteil Kopenhagens. Hier hat sich
ein alternativer Lebensraum der Wirklichkeit so weit geöffnet, dass auch
Gewalt und Drogenhandel Teil des alternativen Alltags wurden. Hier, wo die Dreharbeiten
gewissermaßen zum Slalomlauf werden, weil die Dealer nicht gefilmt werden
wollten und auch nicht sollten, wird Poets Film endgültig zum Spielball
von externen Interessen, die allenfalls spekulativ thematisiert werden. Hier
wird die Indifferenz des Filmemachers zum Ärgernis, weil der Preis für
die Emphase des „Sei Du selbst! Sei eigen!“ mit Händen zu greifen ist.
Insofern ist es nur konsequent, wenn der Film nach der Konfrontation mit den
Widersprüchen der Autonomie in der sozialen Realität wieder zur Spleenigkeit
des Kunstprojektes zurückkehrt: die schwimmenden Schrotthaufen der Nomaden
von „Serenissima“ haben nicht nur mit der Naturgewalt, sondern auch mit wasserpolizeilichen
Vorschriften zu kämpfen. In ihrem alternativen Lebensentwurf gilt es, den
Moment des Gelingens zu genießen und das Scheitern als Chance zu begreifen.
Erst hier vermittelt sich ein flüchtiger Eindruck von der potentiellen
Schönheit der Autonomie, die der Film in seiner ausgestellten Oberflächlichkeit
sonst vermissen lässt. Unter der Hand ist dieser Film eine böse, schwarze
Polemik gegen jeden Sozialverband jenseits des traditionellen Staatsverständnisses.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen in:film-Dienst
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Empire Me - Der Staat bin ich!
Österreich / Luxemburg / Deutschland 2011 - 98 min.
Regie: Paul Poet - Drehbuch: Paul Poet - Produktion: Christian Beetz, Johannes
Rosenberger, Bady Mink - Kamera: Jerzy Palacz, Gerald Kerkletz, Heinz Brandner
- Schnitt: Karina Ressler - Musik: Alexander Hacke - Verleih: Real Fiction -
FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Caledonia Curry, Robert Jelinek,
Leonard Casley, John Rinaldi, Achim Ecker, Erwin Strauss, James Bates
Kinostart (D): 19.01.2012
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