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The
Fall
Tarsem Singh hat für "The Fall"
vier Jahre lang die Welt bereist und Bilder mitgebracht, die vor allem den Atem
rauben wollen.
War es im frühen Hollywoodkino noch
die Anzahl der Elefanten, mit denen ein Film sensationalistisch auf Plakaten
für sich warb, kann Tarsem Singh für seinen Arthouse-Fantasyfilm "The
Fall" die Anzahl seiner internationalen Kulissen werbekräftig anführen:
18 Länder wurden in vier Jahren Produktionszeit bereist, von der weiten
Steppe bis zum kantigen Gebirgszug, von der naturbelassenen Küste bis zu
prunkvollen Bauten aus vergangenen Zeiten ist alles von der Kamera hochauflösend
eingefangen, stets darum bemüht, dem Zuschauer den Atem zu verschlagen.
Die chinesische Mauer, der Eiffelturm, beide blitzen kaum länger als ein
Lidschlag auf, wie um den verschwenderischen Gestus noch zu unterstreichen.
Ein Film wie eine Ausgabe von National Geographic, schreibt sinnfällig
die Village Voice.
Diese Lust am filmischen Hochglanz kommt
bei Tarsem Singh nicht von ungefähr. Sein Handwerk lernte er in der ganz
auf schönen Schein eingestellten Werbe- und Videoclipbranche. Im Jahr 2000
verwirklichte er mit "The Cell" seinen bislang einzigen Spielfilm,
dessen zahlreiche, an die Arbeiten Salvador Dalis erinnernde Set Pieces er in
einen Science-Fiction-Thrillerplot einbettete und damit zugleich legitimierte:
Psychische Zustände als bizarre Seelenlandschaften, ein Außen, das
in die Bilder des Inneren eindringt.
Eine vergleichbare Rahmung findet auch
in "The Fall" statt: Äußerlich ist dies eine Anekdote im
Leben der kleinen, indischstämmigen Alexandria (Catinca Untaru), die nach
einem Armbruch in einem Hospital nahe dem Hollywood der 20er Jahre Bekanntschaft
mit dem selbstmordgefährdeten Stuntman Roy (Lee Pace) macht. Der liegt
nach einem haarsträubenden Stunt schwerverletzt im Krankenbett und leidet
doch weniger an seinen Versehrungen als vielmehr am gebrochenen Herzen. Um über
die wieselflinke Alexandria an die Tabletten für eine todbringende Überdosis
zu gelangen, improvisiert Roy eine Geschichte für das Mädchen, eine
mit Mythologemen durchtränkte Erzählung von fünf prächtig
kostümierten Helden - darunter ein Charles Darwin im Pfauenkostüm
(Leo Bill) und als Roys Alter Ego der "maskierte blaue Bandit" -,
die in gemeinsamer Sache durch alle Steppen und Städte eines ins Fantastische
verschobenen Globus hechten, um einen geheimnisvollen Herrscher zur Strecke
zu bringen.
Wie in "Wizard of Oz" erscheint
die Visualisierung einer inneren Handlung als Verschiebung einer äußeren.
Die Geschichte von den fünf Helden, begreift man gleich, wird von Alexandria
in Bildern imaginiert, die sich aus der für sie rätselhaften Umgebung
speisen. Vom Film werden sie zu den eigenen und mit viel kostüm- und maskenbildnerischer
Grandezza zur Attraktion erklärt. Da beide Geschichten, die innere und
die äußere, sich überlappen und einander unterbrechen, entstehen
in all dem bildgewaltigen Pathos zwar immer wieder Momente des comic relief
- wenn Alexandria niest, niest auch die prinzessinenartige Schönheit aus
Roys Geschichte -, doch gelingt die Durchdringung der einen Welt mit der anderen
nie ganz. Was schade ist, da gerade das Bersten der Bilder, ihr Überborden
und Abgleiten ins vollkommen Enthobene das Reizvollste an "The Fall"
darstellt, zugleich aber immer schon domestiziert ist: Der ästhetische
Wahnwitz einer hinreißenden, an die Puppentrickaufnahmen der Quay Brothers
erinnernden, aufbrausenden und doch fragilen Sequenz, die Alexandrias Ohnmacht
nach einem Sturz visualisiert, bricht den Film lediglich für einen Moment
auf, ansonsten herrscht die Wucht des Landschaftspanoramas vor.
Als ein Film über visuelle Imaginationskraft
hat "The Fall" auch mit dem Kino zu tun. Nicht zufällig ist er
nahe der "Traumfabrik" Hollywood und zum Zeitpunkt von deren Aufblühen
situiert. Für die neugierige Alexandria ist die Welt eine Anhäufung
von Wundern oder zumindest von Wundersamem, eine blitzschnelle Abfolge kleiner
Rätsel und Sensationen wie zum Beispiel die flüchtig-schattenhafte
Projektion an die Hospitalwand eines kopfstehenden Pferds durch ein Schlüsselloch,
ein zufälliger Camera-Obscura-Effekt und quasi Keimzelle des Kinos. Filme
allerdings, sagt sie an anderer Stelle, habe sie bislang noch nicht gesehen.
Am Ende wird sich das ändern, wenn Alexandria mit deutlicher Versonnenheit
den Film sieht, der Roy ins Krankenhaus gebracht hatte, eine schludrige Slapstickklamotte,
deren rohe Bilder nichts gemein haben mit den Phantasmagorien, die Roys Erzählung
in Alexandria zum Blühen brachte. Das Kino, so ahnt man eine naive Botschaft
hier, gerinnt zur Fantasieprothese, eine Vorrichtung zur Kolonisation und Eindämmung
der Vorstellungskraft. Dass Tarsem Singh sich des dubiosen Widerspruchs bewusst
ist, darauf lässt indes nichts schließen.
Thomas Groh
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 11.03.09 in: www.perlentaucher.de
The
Fall
Indien
/ Großbritannien / USA 2006 - Regie: Tarsem Singh - Darsteller: Lee Pace,
Catinca Untaru, Justine Waddell, Julian Bleach, Leo Bill, Kim Uylenbroek, Ronald
France, Sean Gilder, Andrew Roussouw, Michael Huff
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