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Faust
Der Herr Doktor sucht den Sitz der Seele, tief in den Eingeweiden des Menschen. Um diese freizulegen, muss zunächst ein großer Hautlappen entfernt werden. Der Assistent vermutet die Seele hingegen in den Füßen, weil der Schrecken dem Menschen doch bekanntlich in die Glieder fährt. Dann ziehen sie die Leiche gemeinsam an einer Winde hoch, worauf die übrigen Eingeweide auf den Boden pladdern. Schon mit seiner Eröffnung deutet Regisseur Alexander Sokurow an, dass ihm an einer werkgetreuen Adaption von Goethes „Faust“ wenig gelegen ist. Die erste Einstellung zeigt den schrumpeligen, haarigen Schwanz des Toten in Großaufnahme. Ein anti-phallisches Bild. Sokurow hat in seinen Filmen „Moloch“, „Taurus “ und „Die Sonne“ das Wesen der Macht anhand von historischen Figuren (Hitler, Lenin, Hirohito) in all ihren Facetten erkundet. „Faust“ dagegen, der seine Macht-Tetralogie nun abschließt, eröffnet gewissermaßen mit einem Bild männlicher Impotenz.
Dieser Faust ist ein Getriebener, zerrissen zwischen dem Streben nach Erkenntnis
und seinem Verlangen nach der jungen Margarete. Sokurow hat den Mythos auf Menschenmaß
zurechtgestutzt. Die großen philosophischen Fragen, die seinen neurotischen
Assistenten Wagner noch umtreiben, interessieren Faust nur am Rande. Viel mehr
interessiert ihn, was sich unter den Röcken der Mädchen befindet,
die sich im Badehaus zum gemeinsamen Waschen treffen. Der Wiener Bühnenschauspieler
Johannes Zeiler spielt Faust als Hasardeur: rastlos, schelmisch und von einem
permanenten Hungergefühl geplagt. Das Geld reicht nicht einmal für
richtige Tinte. Nur deshalb wird er den faustischen Pakt später mit seinem
Blut besiegeln.
Sokurow hat sich vom Geist Goethes weitgehend frei gemacht. Seine Adaption beginnt
als Schelmenstück (in seiner rustikalen Folkloristik dem Frühwerk
Werner Herzogs nicht unähnlich), nimmt jedoch schon bald teuflische Züge
an. Anfangs befindet sich die Kamera im Sinkflug über einer namenlosen
deutschen Kleinstadt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Die verwinkelten
Gassen greifen den Expressionismus des kommenden Jahrhunderts vorweg (Sokurow
hat seinen Film hübsch im Stummfilmformat kadriert), gleichzeitig sind
im Stadtbild noch Spuren der Romantik erkennbar. Aschfahl sehen die Außenaufnahmen
aus, zusätzlich arbeitet Sokurow mit dem Licht der Alten Meister, was den
Bildern eine malerische Qualität verleiht.
„Amélie“-Kameramann Bruno Delbonnel durchstreift die Straßen
erneut mit großer Verve; den Faust, der sich orientierungslos vom Getümmel
treiben lässt, immer im Schlepptau. Stellenweise erinnert der Film an ein
Kuriositätenkabinett, wenn Delbonnel die Figuren und Räume wie durch
Zerrspiegel filmt. Die deutsche Mundart der wimmelnden Statisten unterstreicht
nur den burlesken Humor, der für Sokurow eigentlich ganz untypisch ist.
Stimmen sind es schließlich auch, die Faust in das Haus des Pfandleihers
locken. Eine schicksalshafte Zufallsbekanntschaft, mehr ist es zunächst
nicht.
Sokurows Distanz zum klassischen Stoff zeigt sich am deutlichsten
in der Auflösung der tragischen Struktur. Es steht kein höherer Plan
hinter der Begegnung von Faust und Mephisto, dem Wucherer. Weder scheint Mephisto
sonderlich interessiert an Fausts Seele, noch drängt es diesen nach der
Beantwortung der großen Menschheitsfragen. Das Geschäft der beiden
läuft auf eine Posse hinaus. So zieht es das seltsame Gespann immer wieder
an die Orte des öffentlichen Lebens: ins Wirtshaus zum Beispiel, wo Faust
möglicherweise in eine Falle Mephistos tappt. Im Badehaus entblößt
der Wucherer zum Gespött der anwesenden Frauen seinen grotesken Körper:
der geschlechtlose Mephisto trägt seinen „Zipfel“ als verkümmertes
Schwänzlein am Rückgrat. Und auch diese Offenbarung trägt der
Stoiker Faust mit Fassung.
Die Passivität Fausts erweist sich allmählich als politisches Kalkül. Faust ist ein Triebtäter, der seinem Gretchen liebend gern an die Wäsche will, aber in den neu gewonnenen Freiheiten, die Mephisto ihm offenbart, auch ein Machtpotential erkennt, das weit über die Willensbildung des freien Menschen hinausgeht. „Weiter, weiter!“ schreit er schließlich irre, nachdem er seinen Lehrmeister mit Steinen erschlagen hat. Die Frage, ob „Faust“ mit einem Tyrannenmord endet oder dieser selbst den Beginn eines tyrannischen Regimes darstellt, lässt Sukorow offen. Vielleicht zeichnet sich auch nur ein Epochenwechsel ab. Demnach wäre Sokurows Faust der erste Mensch der Moderne.
Andreas Busche
Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd film 1/2012
Faust
Russland 2011 - Regie: Alexander Sokurow - Darsteller: Johannes Zeiler, Anton
Adassinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Antje Lewald,
Florian Brückner - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge:
134 min. - Start: 19.1.2012
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