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Frantz

 

 

In der Vergangenheit hausen

Einen deutsch-französischen Totentanz inszeniert François Ozon mit seinem schönen Lubitsch-Remake "Frantz".

Das moderne Grauen hat den Bildern die Farbe genommen, ihnen jenes historische Schwarzweiß angezogen, das einen Großteil der jüngeren Vergangenheit kleidet, seit wir durch Fotografie und Film auf sie zurückblicken. Doch im Wald vor den Toren des Harzstädtchens Quedlinburg wippt im Jahr 1919 noch der matte Gruß aus anderen Zeiten im Wind. Einen einzelnen Zweig in Farbe malt sich François Ozons Film "Frantz" in seine erste Einstellung, bevor im Ort die an Leib und Seele Versehrten die Straßen überqueren. Gliedmaßen fehlen ihnen, die Gesichter sind furchig vernarbt. Im Wirtshaus stimmen sie noch immer trotzig die "Wacht am Rhein" an, als sei nicht schon alles verloren. Auf dem Friedhof besuchen sie leere Gräber mit den Namen junger Männer, deren Leichname fern der Heimat in Massengräbern liegen.

"Man kann einen Raum nicht erzählen, sondern nur zur Anschauung bringen", schreibt der Historiker Karl Schlögel in seinem Buch "Im Raume lesen wir die Zeit": "Ortsbeschreibung muss dem Nebeneinander entsprechen, nicht dem Nacheinander." Ozons neuer Film, ein Remake von Ernst Lubitschs "Broken Lullaby" (1931) und wie jener lose basierend auf einem Drama Maurice Rostands, ist eine Ortsbeschreibung im Modus dieses Nebeneinanders: Deutschland und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg, mikrokosmisch gestaucht auf die Größe von Quedlinburg und später Paris. Auf dem Papier, das in Versailles unterzeichnet wird, sind das keine Kriegsgegner mehr, in den Köpfen aber noch immer Erbfeinde. Und auch hier ist es vor allem die aufdringliche Anwesenheit der Toten, die das sortierte Nacheinander historisch-politischer Meistererzählungen aufbricht und den Lebenden keine Ruhe, kein Ankommen in der neuen Zeit gönnt.

Der eine Tote ist physisch abwesend, aber immer präsent: Es ist die Titelfigur Frantz, dessen Name auf einem der Quedlinburger Grabkreuze steht, unter denen kein Sarg modert. Frantz ist an der Westfront gestorben, seine Verlobte Anna (Paula Beer) und die Eltern (Ernst Stötzner und Marie Gruber) hat er in Trauer zurückgelassen. Der zweite Tote hingegen kann zwar noch laufen, sehen und schmecken, sein ganzes Wesen scheint aber an das massenhaften Sterben verloren zu sein, an dem er im Krieg mitgetan hat: Adrien (Pierre Niney) ist Franzose und als er unvermittelt in Quedlinburg auftaucht, um Blumen auf Frantz' Grab zu legen, beginnt im Ort das Rumoren und es offenbart sich das Interesse des Films an unabgeschlossenen Epochen, Zwischenzeiten und der langsamen Formierung neuer Narrativen. "Jeder Franzose ist der Mörder meines Sohnes", sagt Frantz' Vater und verweigert Adrien zunächst eine ärztliche Behandlung. Doch Anna sieht in den nervös flackernden Augen des Besuchers, der sich als enger Vorkriegsfreund von Frantz zu erkennen gibt, die Vergangenheit gespenstisch gegenwärtig werden: Eine Chance, im neuen Freund den alten wieder aufzuerstehen zu lassen - und neben Rilke auch wieder Verlaine lesen zu dürfen.

Diesen Totentanz choreografiert François Ozon als Melodram mit sorgfältig gedrosselter Expressivität. Anstatt der eigentlich allzu sinnfälligen Liebesgeschichte zwischen Anna und Adrien unmittelbar nachzugeben, interessiert ihn vor allem, wie sich Zeit und Geschichte in Körper und Orte einschreiben. Am eindringlichsten gelingt das vielleicht in einer Szene, in der Anna beim Schwimmen Adriens von einer langen Narbe überzogenen Oberkörper betrachtet. Schlimm müsse er gelitten haben, sagt sie. Mit seiner Antwort, "Ma seule blessure, c'est Frantz", verschränken sich durch den Gleichklang von "Frantz" und "France" im Französischen persönliche Biografie und kollektives Leid. Adrien, den Pierre Niney mit einer entseelten Leichenblässe spielt, dass es einen selbst in Schwarzweiß frösteln macht, lässt dagegen die Vorkriegszeit mit Frantz in Paris als überreiche Belle-Epoque-Fantasie vom alten Europa zwischen Bordellen und Bibliotheken lebendig werden. Aber regelmäßig bricht sein schmaler Körper unter den Traumata zusammen, die jenes Europa ihm aufgebürdet hat. Erst allmählich wird klar: Hier ist etwas faul. Adriens verklärte Erinnerung, für die Ozons Film oft fast unmerklich in satte Farben übergeht, ist eine Konstruktion - jedoch eine, die (über)leben hilft.

Der Umgang mit jener edlen Fäulnis, die man nicht Lüge schimpfen möchte, ist wahrscheinlich das Schönste an diesem schönen, sehr eleganten Film. Es ist erlaubt, sich in ihr einzurichten, wie es Frantz' Eltern entlang von Adriens Erzählungen versuchen. Doch Anna, die Paula Beer mit bewundernswerter Genauigkeit quasi minütlich reifen lässt, stellt Fragen, verfolgt die Spuren Frantz' und Adriens und steigt irgendwann, mehr wie in einem Film von Ophüls als von Lubitsch, in einen Zug nach Paris, um Ort und Zeit einander wieder anzugleichen. Aber die Welt bleibt schwarzweiß, die Lügen werden hässlicher, das Nebeneinander weicht dem Nacheinander, Fakten werden geschaffen. Ein Bild Édouard Manets, "Der Selbstmörder", über dem Anna zu sich und der Film ganz zur Farbe findet, wird schließlich zu einer erstaunlich heutigen Chiffre: Die Vergangenheit wärmt, in ihr lässt sich hausen. Doch im alteuropäischen Federbett liegt ein junger Mann, mit blutverschmiertem Hemd und der Pistole in der Hand. Anna will ihm nicht folgen.

Janis El-Bira

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Frantz
Deutschland, Frankreich 2016 - 113 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart(D): 29.09.2016 - Regie: François Ozon - Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo - Produktion: Eric Altmayer, Nicolas Altmayer, Stefan Arndt, Uwe Schott - Kamera: Pascal Marti - Schnitt: Laure Gardette - Musik: Philippe Rombi - Darsteller: Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Johann von Bülow, Anton von Lucke, Cyrielle Clair, Alice de Lencquesaing - Verleih: X-Verleih

 

 

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