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Der
fremde Sohn
Wechselbalg
und Widerstand
Clint Eastwoods neuer Film zerfällt
in zwei Teile (ein Problem, das den Regisseur in den letzten Jahren häufiger
beschäftigt), was nicht weiter tragisch wäre, wenn nicht einer davon
– die titelgebende Episode um den vertauschten Sohn, die den Film eröffnet
und abschließt – ein sentimentales Rührstück wäre, das
der Hauptgeschichte nur als Auslöser dient. Nicht einmal Eastwood selbst
scheint sich mit diesem Aspekt des Plots wohlzufühlen, er handelt das Zusammenleben
der Mutter mit dem fremden Kind in wenigen Szenen ab; das psychologische Potential
solcher Sequenzen lässt er, zugunsten einer ganzen Handvoll Schrei- und
Ohnmachtsszenen der überdramatisierenden Jolie, unausgeschöpft. Selbst
Eastwoods sonst so sparsam dosierte Jazzmusik meint es hier zu gut mit der Emotionsführung.
In der mittleren Stunde dagegen gelingt
Eastwood ein Paranoiathriller über rechtsfreien Raum und institutionalisierte
Misshandlungsmethoden, ein kafkaeskes Gleichnis voller haarsträubender
Catch-22s: der Polizist, der rät, den fremden Sohn doch mal »probeweise«
mitzunehmen; die »Spezialisten für Kindsidentifikation«, die
zu bedenken geben, dass die Ablehnung des fremden Jungen »gar nicht gut
für sein Selbstbewusstsein« wäre; und schließlich die
horrende Irrenhauslogik, mit deren Hilfe man jede denkbare Reaktion als krankhaftes
Verhalten deuten kann. Selbst die Lösung besteht in der Verstrickung der
Verschwörer in eigenen Paradoxien: Die Polizei muss irgendwann sämtliche
Ermittlungsarbeit unterbinden, um sich nicht selbst zu blamieren; und die Bürger,
denen man alles genommen hat, haben plötzlich nichts mehr zu verlieren
und fassen neuen Kampfesmut. Kurz: Es ist die Art von Geschichte, die man mit
einem Vermerk auf ihre wahre Begebenheit überschreiben muss, damit sie
nicht völlig überkonstruiert erscheint.
Im Politthrillerteil des Films finden
sich denn auch Nebenfiguren, die direkt aus dem Drehbuchhimmel gepflückt
wurden: zuvorderst ein emphatischer John Malkovich als Politprediger und Strickjackensnob,
aber auch Amy Ryan als aufsässige Nutte kann voll überzeugen. Sie
darf auch das unflätige Motto des Films ausgeben: »Fuck you and the
horse you rode in on.« Eastwood war
schon immer ein Obrigkeitsskeptiker, aber hier nimmt seine Verachtung gegenüber
gesellschaftlichen Autoritäten geradezu klassenkämpferische Züge
an. Zusammen mit seinem wiederkehrenden Thema der kindlichen Traumatisierung,
seiner stringenten narrativen Sparsamkeit und den von Tom Stern in harten Kontrasten
komponierten Bildern hätte dies ein weiteres gesellschaftsmoralisches Meisterwerk
werden können – würde es zum Schluss nicht wieder zur überdramatisierenden
Jolie zurückkehren, ihrem vermissten Sohn und der etwas zu aufdringlichen
Musik.
Daniel Bickermann
Dieser Text ist zuerst erschienen
(leider noch in alter Rechtschreibung) im:
Der
fremde Sohn
Changeling.
USA 2008. R:
Clint Eastwood. B: J. Michael Straczynski. K: Tom Stern. S: Joel Cox. M: Clint
Eastwood. P: Imagine Entertainment, Malpaso Productions. D: Angelina Jolie,
John Malkovich, Jeffrey Donovan, Colm Feore, Amy Ryan, Riki Lindhome u.a.
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Min. Universal ab 22.1.09
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