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Der
geheimnisvolle Klub
Schon in der ersten Einstellung dieses
1913 in Deutschland gedrehten Films geschieht etwas Ungewöhnliches. Die
Kamera blickt aus einem Innenraum durch die Glasfläche eines großen
geschlossenen Fensters auf eine Veranda, auf der zwei Personen sitzen. Eine
zweite Glasfläche schiebt sich schnell von links ins Bild und vor das große
Fenster; sie gehört zu einer Tür, die ein Mann, der nur im Anschnitt
zu sehen ist, geöffnet hat, um durch sie aus dem Innenraum seitlich nach
draußen zu gehen und die Veranda zu betreten. Man sieht noch seinen Arm,
der die Glastür schließt, dann verschwindet er kurz hinter der Umrahmung
des Fensters und taucht sogleich auf der Veranda wieder auf, um die Dame des
Hauses mit einem Handkuss zu begrüßen. Die ganze Aktion ist sehr
kurz: bis zum Handkuss sind exakt vier Sekunden vergangen.
Film ist Bewegung, das ist ein Gemeinplatz
von durchschlagender Simplizität. Es gibt die Bewegung der Objekte vor
der Kamera, und es gibt die Bewegungsmanöver, die von der Kamera ausgeübt
werden können und in den ersten beiden Jahrzehnten des Kinos noch sehr
vorsichtig und gleichsam Zentimeter für Zentimeter der Technik abgerungen
werden. Das ist ein mühsames Geschäft, und in vielen Filmen dieser
Epoche kann man gleichsam mit der Lupe studieren, wie die Kameraleute ihrem
Gerät beibringen, über ein Gelände, eine Hausfassade oder eine
Ansammlung von Strohhüten „die Augen wandern zu lassen“.
Hier aber geht es um etwas anderes. Es
geht auch um Bewegung, aber diese Bewegung findet in unserem Wahrnehmungsakt
statt: eine Bewegung zweiter Ordnung sozusagen, die etwas mit der Flexibilität
unserer Sinnesorgane, in diesem Fall unseres Sehorgans zu tun hat. Es geht um
die Physiologie und Psychologie des Auges und seine Schwierigkeit, aber auch
seine Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Denn zweifellos ist es
ein Überraschungseffekt, mit dem dieser Film beginnt – ein Effekt, der
ausschließlich aufs Visuelle zielt und visuell strukturiert ist. Eine
Glasfläche, die sich über eine andere Glasfläche schiebt; ein
Türrahmen, der die Rahmung eines Fensters durchschneidet: Ganz plötzlich
findet nicht nur die „Handlung“ (einer agierenden Person), sondern die Aktion
unseres Sehens auf einer verschachtelten, kompliziert gestaffelten Wahrnehmungsbühne
statt.
Ein paar Sequenzen später: Ankunft
in Rotterdam, der Hauptbahnhof – eine moderne Glas- und Eisenkonstruktion, die
den Bildhintergrund beherrscht. Zwei Ankömmlinge streben einer Pferdedroschke
im Vordergrund zu, die Kamera nimmt ihre Bewegung auf und schwenkt von links
zügig über den Pferdeleib auf die Kutsche. Doch noch schneller eilen,
dicht vor dem Kameraobjektiv und somit näher im Vordergrund, zwei Arbeiter
mit einer Karre durch das Bild, sie „überholen“ gleichsam den Schwenk,
zugleich setzen sie ihn fort ins Off. Wenn sie wieder aus dem Bild sind, haben
die beiden Herren in der Kutsche Platz genommen; das Fuhrwerk setzt sich in
Gegenrichtung in Bewegung. Die fließende Bewegung der Menschen und Objekte
im Bild und die technische Bewegung des „Apparats“ konkurrieren miteinander
und ergänzen sich zugleich. Diese Einstellung ist acht Sekunden lang.
Rotterdam ist eine Stadt, in der viel
passieren kann – wenn es um einen Kriminalfall oder auch nur um das Sehen, um
die Arbeit der Augen geht. In einer Großstadt funktioniert alles „schneller“
als in der Provinz. Bald haben Automobile die Pferdedroschken abgelöst.
Es geht schließlich darum, einem Verbrecher auf die Spur zu kommen und
ihn bei einer bösen Tat zu ertappen. Da können Sekunden entscheiden,
und so ist es nur konsequent, dass zweimal in Großeinstellung eine Hand
mit einer Taschenuhr einmontiert wird: der Chronometer als Emblem einer Lebenswelt,
in der Zeit als Äquivalent für nahezu alles figuriert: für Geld
natürlich und für den geschäftlichen Erfolg, gegebenenfalls aber
auch für den Sieg der Rechtsordnung und der Moral. Eine ähnliche Konnotation
ist dem Telefon zuzuordnen, das zu Beginn des Films, in der zweiten Einstellung,
im Büro des Detektivs groß im Vordergrund zu sehen ist.
Alles muss schnell gehen. In einer Einstellung
ist zu sehen, wie sich der Held und der von ihm angeheuerte Detektiv vor einem
Hoteleingang ins offene, bereits anfahrende Auto schwingen; der Wagen verschwindet
links aus dem Bild und ist in der nächsten Einstellung nach präzisem
Umschnitt von vorn zu sehen, in hohem Tempo durch ein Stadttor fahrend, dann
unter einer Eisenbahnbrücke hindurch, auf einen freien Platz mit Wasserturm
im Hintergrund. Zwischengeschnitten die Taschenuhr, die zur Eile mahnt. Das
Aufnahmeverfahren mit der in einem
anderen Auto vorausfahrenden Kamera ist zu dieser Zeit im französischen
und amerikanischen Film längst erprobt und auch in Deutschland nicht mehr
ganz ungewöhnlich. Die hohe Schnittfrequenz (4 sec.- 3 sec.-1 sec.- 1 sec.-
2 sec.), die mit dem erhöhten Tempo der Objekte korrespondiert und sich
von ihr stimulieren lässt, verdankt sich amerikanischer Erfahrung und Routine.
Es geht um die Attraktionen eines urbanen Milieus. Große Reklameflächen,
am Bahnhof und unter der Eisenbahnbrücke, weisen Rotterdam als eine Stadt
der Moderne aus. Auf den Originalschauplätzen
werden die Dreharbeiten noch als sensationell empfunden: drei Straßenjungs
laufen begeistert und mützeschwingend den Autos hinterher.
Der Film heißt
Der geheimnisvolle Klub, er ist – in einer Kopie des Nederlands
Filmmuseum, Amsterdam – 31 Minuten lang, besteht aus drei Akten und stammt von
dem in Österreich geborenen Regisseur Joseph Delmont. Seine Jugend in einem
Wanderzirkus prädestinierte Delmont offenbar für eine vielseitige,
teilweise recht abenteuerliche Karriere, die ihn (wie Jahre später etliche
filmende oder schreibende Globetrotter:
Hanns Heinz Ewers, Norbert Jacques, Heinrich Hauser oder Colin Ross)
um die halbe Welt getrieben hat. Seine Zirkuserfahrungen begründeten seinen
frühen Ruhm als Tierfänger und Dompteur, der ihn zu Beginn des 20.
Jahrhunderts in den USA rasch zum Spezialisten für einschlägige Ein-
und Zweiakter der Vitagraph avancieren ließ. 1910 nach Europa zurückgekehrt,
arbeitete Delmont als Kameramann in Österreich (Der Müller und
sein Kind, 1911), wenig später auch als Regisseur, Drehbuchautor und
Schauspieler in deutschen Ateliers, vor allem bei der Deutschen Mutoskop- und
Biograph und der Eiko-Film GmbH, oft zusammen mit Fred Sauer und Ilse Bois.
Sie spielen auch die Hauptrollen in Der geheimnisvolle Klub, den Delmont nach Motiven von Robert Louis Stevensons
Erzählung „Der Selbstmörderklub“ 1913 für die Eiko realisiert
hat. Bis 1926 entstanden noch mehr als 30 weitere Filme; fast alle behandeln
abenteuerliche, actionbetonte, von Fernweh und Reiselust inspirierte Sujets:
Präferenzen, die Delmont in den letzten Jahren vor seinem Tod (1935) noch
einmal schriftstellerisch in zahlreichen populären Büchern verarbeitet
hat.
Kleine „Sensationen“ für das Auge:
das war, in den frühen Filmen vor 1914, eine Delmontsche Spezialität.
Auf diesem Gebiet hat er schon manches ausprobiert, was erst Jahre später
Joe May oder Fritz Lang aufgreifen werden. Vom Tempo des urbanen Lebens besessen
wie nur wenige deutsche oder österreichische Regisseure (allenfalls Max
Mack in den Verfolgungsszenen von Wo
ist Coletti?, 1913, kann
sich mit ihm messen), übertraf er auch alle anderen in seiner Leidenschaft
für die plein air-Aufnahme, für überraschungsreiche Außenszenen,
in denen Licht, Luft und Bewegung die Akzente setzen, sich in die Handlung einmischen
und ihr eine spezifische Dynamik verleihen. Den „Sensationsfilm“ der Jahre vor
dem ersten Weltkrieg hat Delmont, nimmt man Der
geheimnisvolle Klub zum
Maßstab, mit seinen sorgfältig gewählten Außensets geprägt.
Es ist die Rotterdamer Innenstadt, in deren Straßen der Kaufmannssohn
Gerhard Bern (Fred Sauer) einem Selbstmörderklub, sprich: einem Ring von
Versicherungsbetrügern auf der Spur ist; es ist der als subtropischer Traum
angelegte Park des Konsuls Verstraaten, in dessen Tochter Ilse (Ilse Bois) sich
Gerhard verliebt; es sind die Strände und die elegante Mole von Scheveningen
mit ihrem mondänen Publikum, schließlich die düsteren Grachten
der Altstadt und die Hafengewässer von Rotterdam, die der Verfolgung und
dramatischen Verhaftung des Bösewichts van Geldern (gespielt von Delmont
selbst) exzellente Schauwerte hinzufügen und zum Kolorit verhelfen.
Doch es geht um weit mehr als nur um das
Kolorit: Den engen Interieurs zahlloser deutscher und französischer Gesellschaftsdramen
vor 1914, den mit Portieren, Säulen, Spiegeln, Topfpalmen, schweren Möbeln
und Teppichen vollgestopften Salons und Boudoirs einer weder psychisch noch
gar politisch verarbeiteten Gründerzeit setzt Delmont in seinen Außenszenerien
ein Flair von Freiheit, Wagemut und Unberechenbarkeit entgegen. Er zeigt eine
obere Mittelschicht, die in Bewegung geraten ist. Man liebt das Unterwegssein
und nutzt die Verkehrsmittel nicht nur zur Fortbewegung, sondern zur Temposteigerung.
Dies gilt gerade auch für die gebildete, auf die moderne Welt und ihre
Abenteuer neugierige junge Frau, soweit sie den „besseren Kreisen“ entstammt
und das Privileg genießt, sich weitgehend unabhängig zu bewegen.
Ilse Verstraaten begnügt sich nicht mit den diversen Briefbotschaften ihres
Verlobten; sie macht sich selbst auf den Weg, um ihm bei seinen gefährlichen
Recherchen zur Seite zu stehen. Sie ist besorgt – und wird aus Sorge um den
geliebten Mann zu einer aktiven, umsichtig handelnden Frau. Teilnahmsvoll beobachtet
die Kamera aus der Nähe ihr Gesicht im Eisenbahnabteil, während am
Fenster die grauen Stadtlandschaften monoton vorüberziehen; sie verfolgt
Ilses beschleunigte Autofahrt durch das Stadtzentrum und gleitet schließlich
mit ihr im Ruderboot durch die Kanäle auf der Suche nach dem Haus, in dem
der geheimnisvolle Klub sein Unwesen treibt. Bei einer riskanten Fassadenkletterei
steigt die junge Frau, sportlich trainiert, voran und greift dem gemächlicheren
Detektiv noch unter die Arme.
Delmont entwickelt in diesem Film ein
ausgeprägtes Gespür für die narrativen, gleichzeitig emotionalen
Qualitäten des Lichts: für das Spiel der Sonnenstrahlen auf einer
Glasfläche, die Gegenlichteffekte bei der Verfolgungsjagd im Hafen, das
wechselnde Hell/Dunkel unter den Hafenbrücken oder die fahlen, schattenhaften
Stimmungswerte in den engen Grachten Rotterdams, denen die bläuliche Virage
zusätzlich eine unheimliche Tönung verleiht. Ein jäher Lichtausfall
fungiert als Spannungsmoment und, für den bedrohten Helden, als Blackout
der Handlungsoptionen: Gerhard Bern sitzt im Klub der Selbstmörder buchstäblich
in der Falle, wenn im Raum, in dem ihn seine Feinde gefangen halten, von außen
das Licht abgeschaltet wird und seine im Dunkeln tastende Hand unvermittelt
eben jenen Revolver umklammert, mit dem er sich erschießen soll. Kurz
danach sorgt ein neuer Lichtausfall für eine dramatische Zuspitzung – er
verhilft im allgemeinen Durcheinander Gerhards Gegenspieler van Geldern zur
Flucht mit Ilse, die er als Geisel genommen hat. Sehr ähnlich wird Joe
May ein Jahr später in Der
Mann im Keller (1914),
dem dritten Abenteuer seiner Stuart Webbs-Serie, das Dunkel oder das Halblicht
nutzen, um aus der Spannung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren einen
zusätzlichen Thrilleffekt für den dramatischen Höhepunkt zu schaffen.
Man kann nicht behaupten, dass Delmont
in diesem Film der Kamera mehr Mobilität entlockt, als zu dieser Zeit in
zahlreichen französischen und vor allem US-amerikanischen Actionfilmen
zu sehen ist – es gibt, wie schon erwähnt, einige solide ausgeführte
Horizontalschwenks zu bewundern, und wenn Ilse und der Detektiv in der Gracht
von ihrem Boot ins Haus des Gegners klettern, wenn sich Gerhard von einem Balkon
ins Boot der Hafenpolizei abseilt, verfolgt die Kamera ihre Aktionen mit einer
angedeuteten vertikalen Bewegung. Interessanter sind einige Groß- und
Detailaufnahmen (ein zerschossenes Türschloss, die Hand mit der Taschenuhr),
sind wechselnde Einstellungsgrößen (z.B. Gerhards Reaktionen beim
verhängnisvollen Kartenspiel), ist vor allem die (von Griffith inspirierte)
zunehmende Verdichtung des Geschehens, wenn mehrere Handlungsstränge parallel
verfolgt und in immer kürzeren Einstellungen auf ihren Höhepunkt getrieben
werden. Mobilität ist in diesem Film ein Produkt aus einer Vielzahl dynamischer
Operationen, zu denen auch jene Effekte gehören, mit denen die Kamera als
Beobachtungsinstanz des Alltäglichen unsere Augen überrascht und,
im Idealfall, das Feld unserer Wahrnehmungen erweitert.
Eine Großstadtperzeption par excellence
mag hier als Beispiel stehen. An-, ab- und vorfahrende Automobile regen die
kinematografische Phantasie an, evozieren das visuelle Experiment. Mit Delmonts
Kamera blicken wir aus einem dunklen Innenraum durch eine halb geöffnete
Tür auf die Straße; ein Auto fährt vor und hält. Links
neben der Tür befindet sich eine Vitrine, deren Spiegelglas für den
Winkel, den die Kamera gewählt hat, die Reflexe des heranfahrenden Autos
aus einem gegenüber postierten unsichtbaren Spiegel einfängt: Das
Licht-und-Schattenspiel auf der Spiegelfläche, die Bewegung der Radspeichen,
die irritierenden Verdopplungen schaffen für ein paar Sekunden ein Wahrnehmungsphänomen,
das empirische Erfahrung und physikalische Evidenz in Abstraktion aufzulösen
scheint: Kino pur. „Wie im Nachhall des plötzlichen Gedankens, daß
Aufklärung eines Unheimlichen gerade ins Rollen kam, taucht die nach rechts
aus dem Blickfeld herausgefahrene Kutsche für einen Moment nochmals in
Bewegung links auf, gespiegelt von dem halbdunklen Grund der seitlich im Schatten
liegenden Schaufensterscheibe.“ So interpretiert Heide Schlüpmann diese
Einstellung in ihrer ausführlichen Filmanalyse von 1990.
Doch das von links hereinfahrende Auto wirft, dank der komplizierten
Anordnung der Spiegel, sein Spiegelbild voraus; es verharrt kurz vor dem Eingang, im
Glas der Vitrine überlagern sich jetzt zwei Spiegelbilder, van Geldern
steigt aus, geht auf die Kamera, d.h. auf den Eingang zu – Schnitt. Der Vorschlag,
das visuelle Geschehen mit der „Aufklärung eines Unheimlichen“ zu verknüpfen,
bindet das filmsprachliche Raffinement an die „Geschichte“, schließt es
gleichsam kurz mit der referierten Moral und weist ihm unter dem Dach einer
unterstellten höheren Ordnung einen Stellenwert zu. Dabei ist das, was
hier zu sehen ist, zunächst nichts anderes als ein visuelles Ereignis,
dessen Aufklärungsqualität sich auf das Vermögen unseres Auges
bezieht; das Terrain, auf dem hier etwas gelernt, erfahren und vielleicht verallgemeinert
werden kann, ist der Bereich großstädtischer Erfahrung, der Erfahrung
von Technizität und Modernität.
In diesem Bereich leistet die Kamera in
vielen Filmen vor 1914 ganze Arbeit: Sie ist, ganz unabhängigkeit von ihrer
instrumentellen Mobilität, permanent auf einer Entdeckungsreise. In ihren
besten Momenten erschließt sie uns, fast „zufällig“, Detailansichten
einer im Umbruch befindlichen, sich unablässig wandelnden Lebenswelt. Die
soziale Relevanz dieser sinnlichen Entdeckungsreisen liegt auf der Hand. Doch
Heide Schlüpmanns These, die „soziale Mobilität, die sich in der Mobilisierung
der Kamera (…) niederschlägt“, sei „die des in Bewegung geratenen Geschlechterverhältnisses“,
verengt den Befund. Die Filme verhandeln eine Epoche, in der vieles in Bewegung
gerät und nach Emanzipation drängt, aber ihr authentisches Operationsfeld
ist zunächst die Emanzipation einer noch vorindustriell geprägten,
literarisch gefesselten oder moralisch genormten Sinneswelt.
Theoretisches
Postscriptum
Emanzipation: Dieser verheißungsvolle
Begriff verschleiert freilich eher eine durchaus zweischneidige Angelegenheit.
In den Jahrzehnten, die der Etablierung des Kinos vorausgehen, findet nach Jonathan
Crary ein epochaler Abschied und ein nicht minder epochaler Durchbruch statt:
der Abschied von der Jahrhunderte lang gültigen Vorstellung, die Abbilder
unserer Wahrnehmung seien ein „natürliches“ Produkt äußerer
Sinnesreize – und der Durchbruch zur Erkenntnis, dass sich unsere sinnlichen
Erfahrungen der Zusammensetzung und Funktionsweise unseres Wahrnehmungsapparats
verdanken. Ein Akt der „Befreiung“ sei dies insofern, als in diesem Paradigmenwechsel
die „äußere Welt“ ihren Nimbus als exklusive Instanz für die
Konstitution unserer Sinneswahrnehmungen verliert.
Die (naturwissenschaftlichen, philosophischen,
psychologischen) Diskurse der Epoche focussieren nun ein neues Phänomen,
das Crary unter dem zentralen Begriff „attention“ abhandelt. Die wörtliche
Übersetzung mit „Aufmerksamkeit“ umschreibt nur unzulänglich, worum
es geht, nämlich eine psycho-physische Qualität unseres Bewusstseins,
die uns befähigt, uns nicht „steuerlos“ durch den Ozean unserer Wahrnehmungen
und Assoziationen treiben zu lassen, sondern unseren Erfahrungen, letztlich
unserem Verhalten Struktur und Richtung zu verleihen. Der Begriff macht eine
erstaunliche Karriere in der akademischen und populärwissenschaftlichen
Literatur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts; Autoren wie
Max Nordau erheben „attention“ sogar zu einer absoluten Instanz, wenn sie deklarieren,
die Macht des Menschen über die Natur und seine Fähigkeit zur Kultur
seien allein ihr zuzuschreiben – fehle sie, falle der Mensch vagen Vermutungen
und Irrtümern anheim. Einmütig betonen die Autoren die Affinität
ihres Diskurses zur Modernität und zur Konstitution eines „modernen“ Subjekts.
Die Selektionsfähigkeit des menschlichen
Wahrnehmungssystems – sie beherrscht die Diskurse und öffnet, so Crary,
das Feld für neue Fragen: Konstituiert „attention“, als Ausdruck des freien
Willens, das autonome, selbstbestimmte und seiner selbst bewusste Subjekt? Ist
sie lediglich eine Funktion unserer biologisch festgelegten Instinkte und insoweit
ein archaisches Produkt der Evolution, in deren Verlauf wir gelernt haben, uns
der jeweiligen Umgebung anzupassen? Kann „attention“ womöglich produziert
und von außen gesteuert werden ? Crary
selbst verweist in diesem Kontext auf Tom Gunning: Die Errungenschaft des frühen
Kinos liege weniger im Bereich der Repräsentation, der Imitation, der Erzählung
oder der Erneuerung der schaustellerischen Performance als in der Strategie,
einen „attentive spectator“ zu fesseln. Einer Strategie, die auf Sichtbarkeit
und Versinnlichung zielt, auf die Durchbrechung des geschlossenen fiktionalen
Rahmens, auf die unvorhergesehene „Attraktion“ – kurzum: auf die Bereitschaft
des Zuschauers, sich als wahrnehmendes Subjekt überraschen und erregen
zu lassen.
Der geheimnisvolle Klub ist, im schönen Kontrast zum teils
noch recht behäbigen, den internationalen Standards hinterhereilenden Gros
der deutschen Filmproduktion vor 1914, ein gelungenes Beispiel für ein
Kino perzeptiver Attraktionen, für die Kinematografie als eine Maschine
der Sichtbarkeit, die ihre neuen technischen Qualitäten nutzt, um den „attentive
spectator“ des bürgerlichen und literarischen Zeitalters auf die Anforderungen
und Stimulationen des 20. Jahrhunderts zu orientieren. Seine „attentiveness“
ist auf das Wahrnehmbare gerichtet, auf etwas, das jeglichem Geschichtenerzählen
und gar dem Sinn oder der Moral einer Geschichte vorgelagert ist: Es ist die
unerschöpfliche Visualität der Welt.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Christoph Fuchs / Michael Töteberg (Hrsg.): Fredy
Bockbein trifft Mister Dynamit.
Filme auf den zweiten Blick. München 2007, S. 21-28.
Der
geheimnisvolle Klub
Deutschland
1913. Regie: Joseph Delmont. Darsteller: Fred Sauer, Ilse Bois, Joseph Delmont.
Länge: 851 m. Produktion: Eiko-Film, Berlin. Erstaufführung: 18.11.1913,
Berlin
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