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Gentlemen
Broncos
Nur
auf Hirschen fliegen ist genauso schön
Wer
noch nicht das Vergnügen hatte, mit dem Filmen des US-amerikanischen Regisseurs
Jared Hess Kontakt zu bekommen, sollte das jetzt auf der Berlinale nachholen.
Ich hatte mir zwar nicht vorgenommen, hier ausschließlich über einzelne
Filme ohne “besonderen Kontext” zu bloggen, “Gentlemen Broncos” scheint mir
die Ausnahme jedoch zu rechtfertigen – zumal mein erster Gedanke, als ich gestern
aus der K14-Vorführung am Cubix kam, war: “Allein für diesen Film
hat sich die Akkreditierungsgebühr schon gelohnt.”
Was
ist so Besonderes an Jared Hess’ Filmen und insbesondere an “Gentlemen Broncos”?
Nun, es sind jedenfalls nicht die Stories – die ist bei “Gentlemen Broncos”
ebenso unspektakulär wie bei den vorherigen Filmen: Ein hoffnungsvoller
Teenager-Autor schreibt eine abgefahrene Science-Fiction-Geschichte und stellt
sie auf einem creative-writing-Seminar einem etwas obskuren und abgehalftertem
Profi-Autor vor. Weil diesem der Verlag mangels origineller Ideen gekündigt
zu werden droht, klaut er einfach die Geschichte des Jungen, ändert den
Namen der Hauptfigur und vermarktet sie als seine eigene – mit Erfolg. (Normalerweise
läuft das im Kulturbetrieb ja anders herum: Teenager klauen bei arrivierten
Autoren … anderer Diskurs.) Die Sache geht übrigens gut aus und jeder bekommt
das, was er verdient.
Das
ganz Besondere an “Gentlemen Broncos” (und auch schon an Hess’ Erstling “Napoleon
Dynamite”)
sind die Darsteller und das, was ihre Figuren erleben, wie sie die Welt sehen,
mit ihr interagieren, wie sich ihre Geschichten entwickeln und wie sie sich
dem Zuschauer unvergesslich machen. Es sind allesamt Außenseiter, hässliche,
skurrile, bestenfalls auf den ersten Blick unscheinbare Figuren. Randerscheinungen,
die gerade deshalb, weil sie sich nie inszenieren müssen, so unglaublich
authentisch erscheinen. Schaut man sich die Darsteller-Riege von Hess’ Filmen
an, wird schnell klar, was gemeint ist.
Ich
habe beim Sehen des Films mehr als einmal gedacht, dass es eine überaus
originelle Kombination ist, wie Hess diese Figuren zusammenstellt und entwickelt;
am ehesten vielleicht noch vergleichbar mit den frühen Filmen Jim Jarmuschs
oder den späten Federico Fellinis – aber doch irgendwie ganz anders. In
den Figuren zeigt sich ein Amerika, wie man es sonst nie zu sehen bekommt: in
seiner ganzen Normopathie, Lethargie und Traurigkeit. Und dennoch leuchten sie
alle: die übergewichtige Mutter in ihren selbst entworfenen, schrillen
Fantasy-Motiv-Kleidern, der indisch-stämmige Video-Stümper mit den
schiefen Zähnen und dem unglaublichen Lächeln, der dumpf-brutale “Engel”
aus dem Krichenchor mit seinen langen blonden Haaren und dem blonden Oberlippenbart
– und sogar der schmierige SF-Autor, der den Bösewicht des Films mimt.
Ich
glaube, Jared Hess liebt alle seine Figuren; nicht so, wie ein normaler Autor
eine intensive, intellektuelle Beziehung zu den Protagonisten seiner Story hat,
sondern eher auf eine romantisch-verklärende Art: Diese Liebe drückt
sich darin aus, dass er jeder von ihnen detaillierte Aufmerksamkeit schenkt,
sie mit echten Gefühlen und tollen Geschichten versieht und Schauspieler
für sie sucht, die den perfekten Ausdruck für diese Liebe hervorzubringen
im Stande sind.
Ich
kann mich nur wiederholen: “Gentlemen Broncos” ist zauberhaft und man sollte
ihn auf keinen Fall verpassen. Man kommt danach mit einem Lächeln im Gesicht
aus dem Kino und möchte auf dem nächstbesten ausgestopften Hirsch
davon fliegen …
Stefan
Höltgen
Dieser
Text ist zuerst erschienen am 15. Februar 2010 im:
epd-berlinale-blog
Gentlemen
Broncos
USA
2009 - Regie: Jared Hess - Darsteller: Michael Angarano, Jennifer Coolidge,
Jemaine Clement, Halley Feiffer, Sam Rockwell, Suzanne May, Hector Jimenez,
Josh Pais, Clive Revill, Edgar Oliver, Mike White - FSK: ab 12 - Länge:
89 min. - Start: 27.5.2010
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