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Harlan
- Im Schatten von Jud Süss
Der
Film geht der Frage nach, wie sich die Harlan-Sippe zum Oberhaupt Veit verhält,
der vor einem halben Jahrhundert „Jud
Süss“
gedreht hat. Der antisemitische Paradefilm wird kurz vorgestellt. Dann gibt
es ein Dutzend Wortmeldungen, kunstvoll montiert. Die Meinungen sind geteilt.
Für die einen ist solch ein Vater, Großonkel, Opa, wie auch immer,
ein Problem, oder er war ein Problem gewesen. Für die anderen ist Veit
halt Filmkünstler. Die Dritten regen sich über die anderen auf, weil
die sich über Veit aufgeregt haben.
Was
soll man dazu sagen? Der Film gibt Hilfestellung. Eine Enkelin malt die Stammbaumlinien
auf eine Tafel, damit wir die Verwandtschaftsverhältnisse nicht durcheinander
kriegen. Das merkt sich, wer sich für Stammbäume interessiert, zum
Beispiel bei den weitverzweigten deutschen Fürstenhäusern. Filmfürst
Veit also steht ganz oben und man kann ihn von unten so oder so sehen. Nächste
Frage: wie sieht ihn der Film? Der äußerst sparsame Off-Kommentar,
hinter dem Regisseur Felix Moeller zu vermuten ist, hält sich zurück.
Voll Empathie dagegen führt uns die getragene und gefühlvolle Musik
in das Leben des deutschen Film-Melodramatikers Veit Harlan ein, genauer in
seinen Tod. Eingespielt vom Philharmonischen Filmorchester München, verweilt
die Kamera vor wunderschönen Ansichten der Insel Capri, 1963/64. Das Hospital.
Die Großaufnahme. Kristina Söderbaum schmiegt ihr tapfer lächelndes
Gesicht an das des sterbenden Gatten Veit, der sich so sehr gewünscht hatte,
den 25. Hochzeitstag noch mitnehmen zu dürfen. Wem da nicht die Tränen
kommen, dem kann nicht mehr geholfen werden. Der ist kein Deutscher mehr.
Der
Film hält sich an das Grundgesetz des deutschen Melodrams. Gefühle
müssen ernst genommen werden, sonst geht’s nicht in die Tiefe. Verpönt
ist daher in Moellers Film die Schärfe eines Gedankens, der erhellende
Witz, die ironische Infragestellung, gar die satirische Überspitzung. Was
bleibt, ist allgemeine Wichtigkeit, Sammlerstolz (in der Tat hat der Regisseur
und Filmhistoriker Felix Moeller eine beachtliche Kompilation von Ton- und Bild-Exzerpten
zusammengestellt) und geschickte Aufbereitung des Materials. Aber was ist seine Haltung zu den Sippenstatements?
Moeller zieht sich darauf zurück, Biografie, Film- und Zeitgeschichte zum
Familienportrait zusammengemischt zu haben. Es gehe ihm, so sagt er jetzt über
seinen Film, um „Verstrickung und Schuld“. Das melodramatische Musikfinale unterstreicht
das deutsche Anliegen.
Und
nun zum Positiven. Hat man erst mal kapiert, dass man die eigene Haltung zur
Materialsammlung finden muss, gibt es mancherlei zu entdecken. Eine eher mutwillige
Montage bricht unversehens aus dem Wichtigkeitsallerlei aus und führt von
einer Hospitalsinschrift auf Capri direkt zum Straßenschild in Bayern,
das auf dem Weg zum Klinikum Berchtesgadener Land einen Abzweig zum Obersalzberg
signalisiert, unmittelbar gefolgt vom Ortsschild Gorleben.
Hä? Augen reib. Munter werd. Eine alte Fachwerkscheune. Der Zaun ums Endlager. Ein Gruppenbild. Ein Harlansohn mit Familie als Widerstandsgruppe. Die Schuld des Vaters muss uns eine Lehre sein: sich rechtzeitig wehren. Hinter dem Zaun wird das größte Verbrechen begangen, das heute in Deutschland denkbar ist. Ein Verbrechen der Wirtschaft.
Ist
dies das Fazit des Films? Sicherlich nicht. Denn alle anderen Harlans reden
über ihr eigenes Befinden und sei es
in der schärfsten Abgrenzung zum Vater Veit (Thomas Harlan). Warum erfahren
wir nicht mehr von Thomas Harlans politischem Engagement?
Ich ahne es. Es gehört nicht zum Sippenporträt. Und diese strenge
Begrenzung auf das Thema ist etwas, was man Moeller zwar nicht vorwerfen kann,
aber gleichwohl etwas, was über die Wirkung vom „Jud Süss“-Film in
der Nachkriegszeit ausgesagt hätte, und wir wären vom zunehmend uninteressanteren
Familienfotoabend mit seinen nichtssagenden Anekdoten weg ("Stanley Kubrick,
der Regisseur von „2001: Odyssee im Weltraum“
und verheiratet mit einer aus der Harlan-Sippe, musste vor der persönlichen
Begegnung mit dem „Jud Süss“-Regisseur ein Glas Wodka trinken. Was sagen
Sie nun?"). Mir würde es mehr sagen, wenn wir wüssten, warum
wir uns für die Harlans so sehr interessieren sollen. Damit wären
wir bei der Rolle, die der unbelehrbare und streitbare Veit Harlan in den fünfziger
und frühen sechziger Jahren für die jungen Leute dieser Zeit spielte.
Es war eine große Rolle. Er, der nach wie vor Melodramen im Stil der dreißiger
Jahre drehte und in von Älteren gefüllte Kinos brachte, - er, der
jede Kritik und jeden Angriff vehement zurückwies und jedermann mit – willfähriger
– Justiz und mit Klagen drohte, – er war das Feindbild schlechthin für
die Studentengeneration der fünfziger Jahre. Er verkörperte die Kontinuität
der alten Nazis im Nachkriegsdeutschland. Gern speiste er mit dem Polizeipräsidenten
bei der Premierenfeier im besten Restaurant, während die Bullen die Studentendemo
zusammenschlugen. Dank Veit Harlan entstand nicht nur die erste deutsche Studentenbewegung,
sondern auch die Protestbewegung Frieden mit Israel, initiiert vom Hamburger
Pressesprecher Erich Lüth, der prompt seinerseits vom Hanseatischen Oberlandesgericht
Hamburg abgestraft wurde (wegen Aufruf zum Boykott gegen Harlan-Filme und wirtschaftlicher
Schädigung), bis dann später zu aller Überraschung das Bundesverfassungsgericht
erlaubte, eine von Veit Harlan abweichende politische Meinung haben zu dürfen.
Es war eine große Zeit und Veit Harlan samt seinem „Jud Süss“ in
aller Munde. Und es war der erste große Schatten auf die bis dahin blühende
und gedeihende Adenauerzeit mit Ihrer Nazikontinuität.
Wenn
die so heterogene Harlan-Sippschaft zu dieser (ungewollten) Rolle ihres Oberhaupts
merkwürdigerweise nichts sagt, dann wird es daran liegen, dass Autor Felix
Moeller nicht gefragt hat. Warum? Unbegreiflich, denn sein „Familienporträt“,
im Verlauf des Films zusehends entpolitisiert und ins Private abgeschoben, verliert
an Relevanz. – Begreiflich aber, wenn wir Veit Harlan in die Reihe der Moellerschen
„Künstlerporträts“ einfügen wie „Knef – Die frühen Jahre“
(WDR, RBB) und „Katja Riemann“ (WDR, Arte). „Napola
– Elite für den Führer“
(2004), der berüchtigte Film von Dennis Gansel, ist Moellers historischer
Beratung zu verdanken. Stars und Elite. Klar, dass Veit Harlan dazugehört.
Und im nachhinein, mal ehrlich, von der betroffenen
Harlan-Sippschaft mal abgesehen, so furchtbar viel Schatten hat der vermaledeite
„Jud Süss“ auf den Filmkünstler Veit Harlan dann doch nicht geworfen.
Glaubt man dem Film.
Dietrich
Kuhlbrodt
Dieser Text erscheint auch
in: Konkret 5/2009
Harlan
- Im Schatten von Jud Süß
Deutschland 2008 - Regie: Felix Moeller - Darsteller: (Mitwirkende) Thomas Harlan, Maria Körber, Caspar Harlan, Kristian Harlan, Jan Harlan, Christiane Kubrick, Jessica Jacoby, Alice Harlan, Chester Harlan, Nele Harlan - FSK: ab 12 - Länge: 99 min. - Start: 23.4.2009
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