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Ihr
Name ist Sabine
„Ich erinnere mich!“, murmelt die Frau
auf dem Sofa. Gezeigt bekommt sie gerade DVD-Bilder aus Amerika, Momentaufnahmen
einer Reise, die sie vor Jahren mit ihrer älteren Schwester unternahm.
Die junge Frau, die man hier im Urlaub erlebt, sieht ihrer älteren Schwester
erstaunlich ähnlich. Die ältere Schwester ist Sandrine Bonnaire, der
französische Filmstar, die hier in ihrem dokumentarischen Regiedebüt
ihre jüngere Schwester porträtiert. Das „Problem“: Die jüngere
Schwester Sabine, Diagnose: psycho-infantil mit autistischen Zügen, müsste
die junge Frau im Fernsehen eigentlich mit der Frau hinter der Kamera in Verbindung
bringen, denn sie selbst hat sich sehr verändert. 30 Kilo schwerer, mit
kurzen Haaren, dämmert sie sabbernd vor sich hin, hat nur ab und zu mal
einen lichten Moment, neigt dafür aber unvermittelt zu körperlicher
Aggression.
Sandrine Bonnaire reflektiert die Krankheitsgeschichte
ihrer Schwester, zielt dabei aber durchaus aufs Allgemeine: eine Kritik der
staatlichen Versorgung psychisch Kranker in Frankreich. Bereits als Kind wurde
Sabine auffällig. In der Schule als „Idiotin“ gehänselt, brach sie
ihre Ausbildung ab, wuchs aber in der Familie behütet auf, entwickelte
Talente, spielte Bach, reiste mit der Schwester in die USA. Weil die Filmemacherin
ihre Schwester immer schon gefilmt hat, gibt es alte Aufnahmen, deren Konfrontation
mit der Gegenwart nahezu unerträglich ist. Konnte man zunächst noch
denken, dass Sandrines Erinnerungen an eine andere Sabine vor der Einweisung
in die Psychiatrie vielleicht sentimental geschönt sind, belegen die Bilder
das Gegenteil. Nur manchmal schleicht sich ein dunkler Schatten der Krankheit
in die alten Bilder, reagiert Sabine auf kleine Scherze mit abgründiger
Unsicherheit. Von der Krise selbst fehlen Bilder, hier fungiert Sandrine Bonnaire
als Erzählerin aus dem Off. Nach dem Tod des Bruders, aber wohl auch mit
der altersbedingten Auflösung der festen Familienstruktur verschlechtert
sich Sabines Gesundheitszustand; sie lebt mit der Mutter, der sie zunehmend
mit Gewalt begegnet. Um die Mutter zu entlasten, nehmen die Schwestern Sabine
wieder zu sich, lassen sie psychiatrisch untersuchen. Es gibt keine Diagnose.
Sandrine mietet eine zweite Wohnung, engagiert Pfleger, die nach ein paar Monaten
erschöpft aufgeben. Aus der allgemeinen Ratlosigkeit resultiert schließlich
eine Einweisung in die Psychiatrie. Es werden fünf Jahre daraus, an deren
Ende Sabine buchstäblich kaputt gemacht worden ist.
Mittlerweile lebt sie seit einigen Jahren
in einem betreuten Heim mit anderen psychisch Kranken in der Provinz. Ihre Betreuerin
berichtet von erstaunlichen Fortschritten, die erahnen lassen, was in der Klinik
mit der Patientin angerichtet wurde.
„Ihr Name ist Sabine“ ist ein Furcht erregender
Film, der dem Zuschauer nichts erspart. Nicht die Wut über das „Schicksal“
der Schwester, nicht die Frustration im Umgang mit der Kranken, nicht die Liebe,
mit der sich Sandrine um Sabine kümmert. Der Film dokumentiert die Ohnmacht
und Verzweiflung der Familie, die vergeblich um Sabine kämpft und auf keine
institutionelle Infrastruktur trifft. Sandrine Bonnaires Film zeugt von großer
Nähe und zugleich von disziplinierter Distanz, es wird nichts beschönigt
oder sentimentalisiert. Gegen Ende werden Auseinandersetzungen zwischen den
Schwestern gezeigt, die deutlich machen, dass das fortwährende Einfordern
von Nähe durch Sabine auch ziemlich nerven kann. Man bewundert die Geduld
und Professionalität der Betreuer im Heim, in dem Sabine heute lebt. Man
sieht auch, wie Sabine reagiert, wenn sich Sandrines Kamera einmal anderen Menschen
zuwendet. Ganz am Schluss bekommt Sabine eine DVD mit den besagten Aufnahmen
der Amerika-Reise geschenkt. Als sie die Bilder sieht, beginnt sie zu weinen.
Sandrine wirft ein, wenn es zu viel werde, könne sie den Film auch stoppen,
doch Sabine betont, sie weine vor Glück. Keineswegs, dies stellt der Film
wiederholt unmissverständlich fest, darf man hoffen, dass Sabine ihre Geschichte
nicht mitbekommen hat. Abschließend stellt Sandrine ein paar rhetorische
Fragen, die um die Hoffnung auf Besserung kreisen. Nein, viel Hoffnung gibt
es nicht. So bleibt dieser Film ein zutiefst verstörendes und ehrliches
Dokument einer Krankheitsgeschichte, die in dieser Form wohl nicht so hätte
verlaufen müssen, was politische Fragen über Gesundheitspolitik und
Psychiatrie aufwirft. Sabine ist ein Individuum, dessen Geschichte verallgemeinerbar
ist. Sandrine Bonnaire zeigt das mit aller Schonungslosigkeit und mit außerordentlicher
Liebe. Dass das Heim, in dem Sabine heute lebt, überhaupt existiert, verdankt
sich dem Engagement einiger Privatleute, gepaart mit der Prominenz des Filmstars.
Auch das ist in diesem ganz speziellen Fall eine bittere Einsicht.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Ihr
Name ist Sabine
Frankreich
2007 - Originaltitel: Elle s'appelle Sabine - Regie: Sandrine Bonnaire - Darsteller:
(Mitwirkende) Sabine Bonnaire, Sandrine Bonnaire - FSK: ohne Altersbeschränkung
- Fassung: O.m.d.U. - Länge: 85 min. - Start: 15.1.2009
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