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Jeanne
Dielman, 23 Quai de Commerce, 1080 Bruxelles
Im
Gefängnis
Chantal
Akermans Film „Jeanne Dielman“
Der
Berichtszeitraum umfasst drei Tage: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Am ersten
herrscht eine schreckliche Normalität, am zweiten führen die Irritationen
der Ordnung zu einem Erschrecken und am dritten implodiert das unter Druck geratene
Gefüge. Um diesen Prozess zu zeigen, braucht Chantal Akermans Film „Jeanne
Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ dreieinhalb Stunden. In langen,
statischen Einstellungen beobachtet die belgische Autorenfilmerin die Arbeit
einer Hausfrau zwischen Kochen, Abwasch und Einkäufen. Ihre präzisen,
genauen Bewegungen, die sich immer wieder wiederholen, konstituieren dabei eine
beunruhigende Ordnung aus strenger Sorgfalt und unterdrückter Langeweile.
Akerman zeichnet diese Abläufe und Verrichtungen, die die zeitlichen und
räumlichen Koordinaten strukturieren, minutiös auf und charakterisiert
so die unerbittliche Ereignislosigkeit der Tage in ihrer mechanischen Routine
des Immergleichen als inneres und äußeres Gefängnis.
Dabei
entsteht beim Zuschauer ein Gefühl für die Gesten der Handarbeit und
für ihre zeitliche Dauer. Die ganz eigene, von Geräuschen und dem
Ein- und Ausknipsen der Lichtschalter rhythmisierte Stimmung dieses einsamen,
tristen Lebens überträgt sich und zieht den Betrachter in eine ebenso
wirkliche wie unwirkliche Atmosphäre. Zugleich wird die physische Erfahrung
von einem inneren Druck begleitet, der sich innerhalb der Plansequenz aufbaut.
Diese verwickelt den distanzierten Blick in eine teilnehmende Beobachtung.
Im
Zentrum des reduzierten, entfremdeten Alltags steht die Ausbeutung einer Frau.
Die etwas 40-jährige Jeanne (Delphine Seyrig) lebt seit dem Tod ihres Mannes
allein mit ihrem jetzt 16-jährigen Sohn Sylvain, der noch zur Schule geht.
Einmal übt er mit seiner Mutter das Baudelaire-Gedicht „Der Feind“: „Mein
Kinderland war voll Gewittertagen, nur selten hat die Sonne mich gestreift…“.
Ein anderes Mal erzählt der sonst eher Verschlossene freimütig, ein
Schulfreund habe ihm erklärt, das Glied des Mannes müsse sein wie
ein Schwert. Jeanne, die in ihrem monotonen Alltag kaum am Leben anderer teilnimmt,
hütet um die Mittagszeit das Baby einer Nachbarin und empfängt spätnachmittags
Freier. Das wirkt eingespielt, abgezirkelt, ausdruckslos. Bis sich eine Störung
einschleicht, die eine Lücke öffnet für die Nachlässigkeit,
das Grübeln und schließlich den Stillstand. Jeanne sticht mit einer
Schere zu; dann richtet sich ihr starrer Blick ins Leere.
Wolfgang
Nierlin (1.
März 2010)
Jeanne
Dielman, 23 Quai de Commerce, 1080 Bruxelles
(Jeanne
Dielman, 23 Quai du commerce - 1080 Bruxelles)
Belgien,
Frankreich 1975, Regie: Chantal Akerman, Buch: Chantal Akerman, Kamera: Bennie
Mangolte, Produzent: Alain Dahan, Evelyne Paul. Mit:
Delphine Seyrig, Jan Decorte, Henri Storck, Jacques Doniol-Valcroze, Yves Bical.
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