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Til
Schweigers romantische Komödie um einen Klatschreporter und eine Kindergärtnerin
ist der deutsche Kinohit des Jahres. Das größte Mysterium seit Der Schuh des Manitu?
„Ich habe
immer nur diese Arthouse-Kacke gedreht, und dann haben sich irgendwelche pseudointellektuellen
Berliner Popkultur-Idioten die Scheiße im Kino angeguckt.“ So die ersten
Worte in Keinohrhasen, gesprochen
von Jürgen Vogel in der Rolle des Jürgen Vogel, der dem Klatschreporter
Ludo alias Til Schweiger in einem schicken Berliner Hotel von seiner Läuterung
zur Oberflächlichkeit berichtet, frisch geliftet und mit weißen Zähnen.
Später erfahren wir zwar, dass er den Paparazzo nur „verarschen“ wollte
– doch nicht nur Drehbuchratgeber wissen um die Bedeutung des ersten Satzes,
und ohne den abmildernden Rahmen lässt er sich auch ganz wörtlich
verstehen: Wer sich hier angesprochen fühlt, darf nach Hause gehen. Der
Rest, und das ist an den Besucherzahlen gemessen ein guter Teil der Republik,
ist gerne geblieben: Keinohrhasen
ist
mit über 6 Millionen Zuschauern der größte deutsche Kinoerfolg
seit Jahren. Dessen Geheimnis ist dabei vielleicht nur zum kleineren Teil in
der Story selbst zu suchen, auch wenn Keinohrhasen eine
romantische Komödie wie aus dem Lehrbuch ist.
Weil Ludo
bei einer illegalen Fotobeschaffungsmaßnahme durch ein Hotelglasdach kracht,
wird er dazu verurteilt, Sozialstunden in einem Kindergarten abzuleisten, und
gerät so in die Hände der Erzieherin Anna (Nora Tschirner). Die hat
nicht vergessen, wie oft sie von Ludo in der Kindheit gepiesackt wurde (zu sehen
in Flashbacks in schönem Sepia-Look), und rächt sich nun, indem sie
ihn mit möglichst unangenehmen oder lächerlichen Aufgaben betraut.
Den Weg zur zwangsläufigen Paarbildung erzählt Schweiger mit viel
Witz, wenn auch in eher gemächlichem Tempo. Während deutsche Erfolgskomödien
wie die Bully- oder die Sieben
Zwerge-Filme
im Grunde aus aneinandergereihten Witzen bestehen, entwickelt Keinohrhasen einen
guten Teil seiner Komik aus der Handlung selbst.
Diese
mag hier und da dramaturgisch holpern oder unplausibel erscheinen, doch besteht
sie aus für sich genommen fast durchweg gelungenen Einzelszenen. Die Chemie
zwischen den Hauptdarstellern stimmt; Schweiger hat sich die Rolle des frauenverschleißenden
Lebemanns wie auf den Leib geschrieben, und vor allem Nora Tschirner, die trotz
dicker Brille und Schlabberlook beim besten Willen nicht als hässliches
Entlein durchgeht, gehören zahlreiche charmante Auftritte. Etwa wenn sie
einen ersten telefonischen Annäherungsversuch komplett vom Blatt abliest
oder bei Ludos nächtlichem Überraschungsbesuch vergeblich etwas zum
Anziehen sucht und dann doch in ihrem albernen Bärchen-Schlafanzug aufkreuzt.
Zwar kommt
der Film nicht ohne gelegentliche Zoten und Plattheiten aus, bleibt aber für
deutsche Comedy-Verhältnisse deutlich unterhalb der Schmerzgrenze. Die
zahlreich vorgebrachten Allgemeinplätze über Männer, Frauen und
Beziehungen bewegen sich eher auf Brigitte- als
auf Bild-Niveau,
und der von Annas Mitbewohnerin Miriam (Alwara Höfels) mit Verve vorgetragene
Cunnilingus-Schnellkurs dürfte sich seinen festen Platz im Zitatenschatz
des deutschen Kinos gesichert haben. (Vor allem diese Szene sorgte übrigens
für die vieldiskutierte nachträgliche Heraufsetzung der Altersfreigabe
von 6 auf 12. In der Tat, wer noch nie einem Schulhofgespräch gelauscht
hat, könnte die sexuell offenherzigen Dialoge des Films für jugendgefährdend
halten.)
Eigentlicher
Clou des Films, das mutmaßliche Geheimnis seines Wohlfühl-Effekts,
ist der märchenhafte Rahmen der Geschichte. Obwohl es so nahe läge
und auch komödiantisches Potenzial enthielte – das soziale Gefälle
zwischen dem Starreporter und der Kindergärtnerin, die Tatsache, dass hier
zwei unterschiedliche Schichten und Lebenswelten zusammenprallen, wird in keiner
Sekunde thematisiert. Die Unterschiede zwischen den Figuren beschränken
sich auf Stil, Temperament und Sexualmoral. Und das Umfeld, in dem sie sich
bewegen, verstärkt den surrealen Eindruck noch. Keinohrhasen,
der
sich mit seinen englischsprachigen Credits einen internationalen Anstrich gibt,
spielt in einer spezifisch deutschen Umgebung, die jedem vertraut ist, der einmal
die Society-Seiten der Bunten
durchgeblättert
hat. Die 111 Filmminuten wimmeln nur so von Gast- und Cameoauftritten, in denen
sich die bundesdeutsche Showprominenz ein Stelldichein gibt, was auch Stoff
für zahlreiche Insider-Jokes und ironische Referenzen hergibt. Und diese
Welt ist hier kein unerreichbares Paralleluniversum, sondern scheint gleich
um die Ecke zu liegen.
Zum einen
wirkt es so, als habe der deutsche Superstar Til Schweiger hier seinen erweiterten
Freundeskreis vor die Kamera gebeten – nebst seinen vier Kindern, was den familiären
Eindruck noch verstärkt. Zum anderen geht die „Ottonormalverbraucherin“
Anna, gleichsam stellvertretend für das Publikum, wie selbstverständlich
in dieser Welt ein- und aus; ob sie nun gleich zu Filmbeginn im gleichen Nobelrestaurant
essen geht wie Ludo oder ob sie mit Jürgen Vogel, mit dem sie gegen Ende
des Films vorübergehend anbandelt, beim deutschen Filmpreis über den
roten Teppich flaniert. Dies alles, ohne ihre abgetragenen Klamotten gegen ein
schickeres Outfit auszutauschen: Auch auf Tuchfühlung mit den oberen Zehntausend
„bleibt sie so wie sie ist“ – und mit „Natürlichkeit“ und „Bodenständigkeit“
kann man beim deutschen Kinopublikum zuverlässig punkten.
Die gefühlte
Durchlässigkeit und Lässigkeit mag auch einem weitverbreiteten Berlin-Bild
entsprechen. Auch wenn Schweiger die Hauptstadt als so schick und mondän
wie München inszeniert (bei der Wahl der Schauplätze arbeitet er das
Touristen-Pflichtprogramm ab), würde der Film im Schickeria-München
wohl nicht funktionieren. Er zeichnet ein sehr schmeichelhaftes Wunschbild einer
„Berliner Republik“, das sich wohl zumindest der liberalere Teil ihres Kinopublikums
für einen Abend bereitwillig zu eigen macht: als sozial durchlässige
Feelgood-Gesellschaft, in der es außer dem permanenten Aushandeln von
Beziehungs- und Erziehungsfragen keine Sorgen zu geben scheint. Ein Märchenfilm,
wie gesagt.
Maurice
Lahde
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: www.critic.de
Deutschland
2007
Laufzeit:
111 Minuten
Altersfreigabe:
ab 12 Jahren
Regie:
Til Schweiger
Drehbuch:
Anika Decker, Til Schweiger
Produktion:
Til Schweiger, Thomas Zickler
Kamera:
Christof Wahl
Schnitt:
Charles Ladmiral
Darsteller:
Til Schweiger, Nora Tschirner, Matthias Schweighöfer, Alwara Höfels,
Jürgen Vogel, Rick Kavanian, Armin Rohde, Wolfgang Stumph, Barbara Rudnik,
Christian Tramitz, Wladimir Klitschko, Yvonne Catterfeld
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