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La
Balance - Der Verrat
In den letzten Jahren hat sich die Durchschnittsqualität
des französischen Kriminalfilms immer mehr dem Fernsehniveau angeglichen.
Nun hat ein fast unbekannter amerikanischer Regisseur, der in Frankreich lebt,
einen Thriller gedreht, der die französischen Filmemacher das Fürchten
lehrt und Erinnerungen an den klassischen amerikanischen und französischen
„film noir" wachruft. Bob Swaims »La Balance, der Verrat«,
der erst jetzt in die deutschen Kinos kommt, erhielt einen Cesar als bester
Film des Jahres 1982, die beiden Stars Philippe Leotard und Nathalie Baye wurden
als beste Schauspieler ausgezeichnet.
Swaim, Jahrgang 1943, studierte Sozialanthropologie
in Kalifornien und bei Lévi-Strauss in Paris, wo er anschließend
die Vaugirard Filmschule besuchte. Nach Kurzfilmen und Fernseharbeiten drehte
er 1977 seinen ersten Langspielfilm »La Nuit de Saint-Germain-des-Pres«,
einen „weichen" Kriminalfilm, der bald aus den wenigen Programmkinos verschwand,
in denen er gezeigt wurde.
Durch einen Freund bekam Swaim Kontakt
mit der Polizei; monatelang studierte er mit der Genauigkeit eines Anthropologen
die sogenannten Brigades Territoriales. »La Balance« handelt von
den Methoden dieser Polizeikommandos in Zivil, die in den Vierteln der Rauschgifthändler
und Prostituierten auf Informationen von Spitzeln angewiesen sind. La Balance,
so nennt man den Tip eines Denunzianten; er wird in der Unterwelt mit dem Leben
bezahlt.
Als der Spitzel Paolo von Massina, dem
Gangsterboß im berüchtigten Belleville-Quartier (Maurice Ronet in
seiner letzten Rolle), liquidiert wird, suchen die Brigardisten unter Leitung
von Palouzi nach einer geeigneten Methode, um Massina hereinzulegen. Sie kommen
auf die Idee, Druck auf den kleinen Gauner Dede auszuüben, der früher
für Massina gearbeitet hat, sich aber mit ihm überwarf, als dieser
sich an Dedes Freundin Nicole, eine Prostituierte, heranmachte.
Bob Swaim, der auch das Drehbuch schrieb,
zeigt präzise und anschaulich die Mischung aus Drohungen, Brutalität
und raffinierter Psychologie, mit der die Polizisten Dede und Nicole so lange
bearbeiten, bis sie keine andere Wahl haben als nach und nach Informationen
zu liefern und sich in den Plan der Brigardisten einzufügen. Durch die
Authentizität der Darstellung gewinnen die altbewährten Methoden des
Kommerzkinos bei Swaim eine neue Frische. So bekannt die Figuren sind, sie überzeugen:
die Prostituierte Sabrina, die mit gestohlenen Gütern handelt; der Drogenhändler
Djerbi, der von der Polizei gejagt und brutal zusammengeschlagen wird; der psychopathische
Killer und Polizistenmörder Petrovic, den der Detektiv „La Capitaine'`,
ein Veteran des Algerien-Kriegs, kaltblütig niederschießt. In erster
Linie aber sind zu nennen: Nathalie Baye, die gegen ihren üblichen Typ
besetzt, noch nie überzeugender wirkte, Philippe Léotard, der sich
gegen die ihn bedrohenden Brigardisten und die ihn jagenden Gangster mit der
gefährlichen Schwerfälligkeit eines verwundeten Kampfstiers wehrt,
und Richard Berry als taktisch gewitzter Detektiv, der ungern, aber dennoch
ohne zu zögern das Leben seiner Informanten aufs Spiel setzt. Hier ist
der Polizist kaum vom Verbrecher zu unterscheiden. Beide treiben ein ständiges
Katz-und-Maus-Spiel miteinander, das nach festen Regeln und nicht ohne gegenseitigen
Respekt ausgetragen wird.
»La Balance« löste in
Frankreich eine große Kontroverse über die Darstellung und die tatsächliche
Rolle der Polizei aus. Swaim berichtet, daß er den Film verschiedenen
Gruppen von Polizisten vorführte. Die jüngeren, die sich wiedererkannten,
fanden den Film gut; je höher man aber im Rang hinaufging, desto mehr sei
er abgelehnt worden. Wörtlich sagte er: „Die einfachen Polizisten empfanden
den Film als eine objektive und faire Widerspiegelung ihrer Realität, und
man warf mir nie vor, daß ich Vorurteile gegen Polizisten hätte."
Wie auch immer, der Film nimmt kein Blatt vor den Mund. Gedreht mit dem unglaublich
niedrigen Etat von umgerechnet etwas über 400.000 D-Mark ist »La
Balance« einer der härtesten und aufregendsten Polizeithriller der
letzten Zeit.
Stephen Locke
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 2/1984
La
Balance - Der Verrat
LA
BALANCE
Frankreich
1982. Regie: Bob Swaim. Drehbuch: Bob Swaim, M. Fabiani. Kanzera: Bernd Zitzermann.
Schnitt:
Fran~oise Javet. Musik: Roland Bocquet. Ton: JeanCharles Ruault. Ausstattung: Eric Moulard.
Kostüme: Catherine Meurisse. Produktion: Les Films Ariane/Antenne 2. Gesamtleitung:
Raymond Leplont. Produzent: Georges Dancigers, Alexandre Mnouchkine. Verleih:
Jugendfilm. Länge: 2800 m (102 Min.). FSK: ab 16, ffr. Kinostart: 3.2.1984.
FBW-Prädikat.- besonders wertvoll. Darsteller: Nathalie Baye (Nicole),
Philippe Leotard (Dede), Maurice Ronet (Massina), Richard Berry (Palouzi), Claude
Villers, David Overbey, Jean-Paul Connard.
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