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LenaLove

 

„LenaLove“ eröffnet mit einem spektakulären, aber höchst mysteriösen Paukenschlag: ein Kleintransporter fährt durchs Fenster direkt ins Wohnzimmer einer Kleinfamilie, die sich gerade widerwillig zusammenrauft. Was dann folgt, ist eine lange Rückblende, die zunächst recht ungeordnet mehrere Handlungsstränge entwirft und viele Figuren einführt, die alle irgendwie miteinander verbandelt sind.

Da ist Lena, die gerade ihre beste Freundin Nicole an die intrigante Sitzenbleiberin Stella verloren hat und überdies mitbekommt, dass ihre alleinerziehende Mutter eine Affäre mit Nicoles Vater hat. Der wiederum ist der ehrgeizige Trainer der örtlichen Mannschaft im Formationstanz, die sich auf einen wichtigen Wettkampf vorbereitet. Und dann gibt es noch Tim, der neu in der Klasse ist und in einer Wohngruppe wohnt, weil er eine Bewährungsstrafe verbüßt. Tim ist ein verschlossener, aber sehr interessanter Typ, der ziemlich gut zeichnen kann, weshalb es durchaus möglich ist, dass die Höllen-Graffitis mit den Monster-Figuren, die Lena auf dem Weg zur Schule beeindrucken, von Tim stammen.

Es kommt also ganz schön viel zusammen in diesem Film von Florian Gaag, dessen Sounddesign lange nach Mystery-Thriller klingt. Nach einer halben Stunde versucht der Filmemacher erstmals etwas Ordnung in die komplexe Choreografie von Intrigen, Heimlichkeiten und Blicken, denen wenig verborgen bleibt, zu bringen. Hier ploppt dann auch endlich das Thema des Films auf, nämlich der potentielle Missbrauch sozialer Netzwerke. Mit Smartphones werden in der Disco Bilder und Töne als Beweismittel aufgenommen, mit denen man später jemanden erpressen kann. Im Netz werden Gesprächspartner gesucht (und gefunden), denen man sein Herz ausschütten kann. Was zum Problem wird, wenn man wie Lena einem Fake-Profil namens „Noah“ aufsitzt. Genaugenommen ist „Noah“ sogar ein Fake-Fake-Profil, denn es gibt auch noch die Nebenhandlung einer auf ihren Ruhm bedachten Bestseller-Autorin, die auf etwas umständliche Weise ihr soziales Umfeld zu kontrollieren versucht.

Gaag muss schnell gemerkt haben, dass das Thema Cyber-Mobbing und Social Media in der überfrachteten Figuren-Konstellation wenig taugt, weshalb er den Fortgang der Handlung dann durch Eifersucht und Drogen besorgt. Damit wechselt der Mystery-Thriller, der kurzzeitig zum „Coming of Age“-Drama mutierte, in den Modus des Psychothrillers. Lena wird von ihren Konkurrentinnen auf einen Horrortrip geschickt, bei dem dann alle Handlungsstränge zusammenlaufen. Zusammenbruch beim Tanz-Wettbewerb, Shitstorm im Netz, Drogen-Wahnvision auf Graffiti-Basis plus Liebesgeschichte kulminieren schließlich in der drastischen Eingangsszene, nach der sich die Lebenslügen und Konflikte in Luft auflösen.

Beinahe zumindest. Denn ganz zum Schluss leistet sich „LenaLove“ einen moralisierenden Blick auf das schwarze Herz des ganzen Durcheinanders. Was sich kompliziert ausnimmt, ist eigentlich ganz einfach zu benennen (und ohnehin von der ersten Szene klar zu erkennen): Stella is a bitch! So, wie diese Szene inszeniert ist, könnte ein Horrorfilm à la „Die Dämonischen“ (fd 5915) beginnen. Wenn Florian Gaag also dem Zeitgeist entsprechend zeigen wollte, dass er „Genre“ kann, ist ihm dies gelungen. Jetzt muss er nur noch geeignete Stoffe für sein Talent finden und sich beim Drehbuchschreiben etwas mehr disziplinieren. Nicht jedem Einfall muss schließlich nachgegeben werden.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Film-Dienst 19/2016

 

 

  

LenaLove
Deutschland 2015 - Produktionsfirma: Rafkin Film Prod./Milk Film/Goldkind Filmprod./Rat Pack Filmprod./ZDF/arte/Aerodynamic Films - Regie: Florian Gaag - Produktion: Tatjana Bonnet, Victor Jakovleski, Sven Burgemeister, Christian Becker, Felix Parson, Florian Gaag - Buch: Florian Gaag - Kamera: Christian Rein - Musik: Richard Ruzicka, Florian Gaag - Schnitt: Kai Schröter - Darsteller: Emilia Schüle (Lena), Jannik Schümann (Tim), Sina Tkotsch (Stella), Kyra Sophia Kahre (Nicole), Anna Bederke (Pia), Sandra Borgmann (Judith), Felix Schmidt-Knopp (Axel), Georg Böhm (Bernd) - Erstaufführung: 22.9.2016 - Länge: 96 Min. - FSK: ab 12; f - Verleih: Alpenrepublik

 

 

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