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The
Limits of Control
Selbstverliebte Filme über selbstverliebte
Typen oder Kino nach Art des modalen Jazz? Der neue Film von Jim Jarmusch spaltet
einmal mehr die Nörgler von den Genießern
Es ist ein Leichtes, sich von Jim-Jarmusch-Filmen
bezaubern zu lassen. Ganz Cineasten-Deutschland ist von Jim Jarmusch bezaubert.
Ganz Cineasten-Deutschland? Nein, ein kleiner Haufen grimmiger Realisten lässt
sich das Nörgeln nicht verbieten: Unverbindliche Spielerei! hört man
da: selbstverliebte Filme über selbstverliebte Typen, Outlaw-Koketterien
und späthippieske Streicheleinheiten für Selbstreferenzsüchtige.
Gelegentlich möchte ich auf die eine oder andere Stimme aus dem kleinen
Haufen der Nicht-Bezauberten hören. Nach drei, vier Einstellungen eines
neuen Jarmusch-Films habe ich das immer vergessen. Tut mir leid.
Dabei macht es Jarmusch seinen Kritikern
in The Limits of Control eigentlich nicht allzu schwer. Das Konstruktionsprinzip
des Anti-Plots ist schnell durchschaut, die Komposition geht nach einer Zeit
in eine veritable Jarmusch-Parade von Motiven, Objekten, Sätzen und Darstellern
über, und sogar das dramatische Ende kann man anhand der Besetzungsliste
und der Binnenlogik der Jarmusch-Filme einigermaßen sicher voraussehen.
Dass der Film meinen Erkenntnisstand, unsere Welt und ihre Krisen betreffend,
verbessert habe, kann man wohl auch nicht sagen. Schön ist das Ganze natürlich
trotzdem.
Es geht um einen Mann, der mehr oder weniger
treffend »geheimnisvoller Fremder« genannt wird. Er hat einen geheimnisvollen
Auftrag in Spanien zu erfüllen, und in Spanien gibt es nicht nur sehr schöne
Drehorte, sondern auch Museen mit schönen Bildern, die wiederum eine geheimnisvolle
Rolle in dem geheimnisvollen Spiel spielen, in dem es um Streichholzschachteln
der Marke »Boxeur«, um Diamanten, um eine wertvolle Gitarre und
um Nachrichten geht, die der geheimnisvolle Fremde, kaum hat er sie erhalten,
mit einem von den zwei Espressos herunterschluckt, die er sich jedes Mal in
einem Café bestellt (nicht etwa einen doppelten Espresso, sondern zwei
Espressos in einzelnen Tassen, da kann der ansonsten so ruhige, undurchdringliche
geheimnisvolle Fremde richtig heftig werden!). Die Beteiligten indes teilen
nicht nur geheimnisvolle Nachrichten, sondern auch lakonisch-poetische Statements
über Kunst, Musik oder Moleküle. Es ist, wie gesagt, weniger eine
Geschichte als eine cineastische Installation. Jede Einstellung könnte
man sich auch als Kunstdruck ins Wohnzimmer hängen, jede Dialogzeile könnte
Eingang in einen Lyrikband finden, jeder Auftritt von einem der Jarmusch-Darsteller
ist eine autarke Performance, die Musik von Boris und Sunn O))) stand ohnehin
schon vor dem Film für sich. Und all das ist in diesem wundervollen Flow
mit den leichten Überlagerungen und Breaks, wie es eben nur Jarmusch versteht,
in Bewegung gebracht. Besonders aufregend, andererseits, ist das alles aber
auch wieder nicht.
Denn ganz anders als Broken
Flowers, dessen Todesreise
durch die Ränder von zerfallender Biografie und zerfallender Gesellschaft
führte, anders als Dead
Man, dessen Todesreise
durch eine zerfallende Mythologie und eine zerfallende Erzählweise führte,
anders als Ghost
Dog, dessen Mördergeschichte
durch eine zerfallende Stadt und eine zerfallende Weisheit führte, führt
die Mördergeschichte von The
Limits of Control durch
eine zerfallende Kinogeschichte und eine zerfallende Kunsttheorie. Eine Art
Selbstdekonstruktion.
Der Titel beschreibt zugleich Inhalt und
Methode. Die Segmentierung der Stationenreise ließ wiederum Raum für
Improvisationen, die, sagen wir, nach der Art des »modalen Jazz«
in der Weise von Miles Davis funktioniert: Die Episoden sind Duette, in denen
immer der bewundernswerte, präzise und sparsame Isaach de Bankolé
eine rhythmische Basis liefert. Übrigens endet das Stück damit, dass
der Künstler durch eine Flughafentür in eine ganz andere Welt tritt.
Nennen wir sie: die Wirklichkeit.
Richtig bezaubert ist man in diesem Film,
wenn man einiges von dem abschaltet, mit dem man so gewöhnlich ins Kino
geht. Es ist eine Schönheit, in der man sich eher fallenlassen kann als
mitzugehen. Man genießt diesen Film, glaube ich, wenn man sich klarmacht,
dass er nichts, aber auch gar nichts bedeutet. Er ist
einfach. Und das macht
er verdammt richtig, auf einer Linie zwischen Dada und Buddha.
Georg Seeßlen
Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 6/2009
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
The
Limits of Control
USA
2009. R, B: Jim Jarmusch. P: Stacey Smith, Gretchen McGowan. K: Christopher
Doyle. Sch: Jay Rabinowitz. M: Boris. A: Eugenio Caballero. Pg: PointBlank/Focus
Features/Entertainment Farm. V: Tobis. L: 116 Min. FSK: 12, ff. Da: Isaach de
Bankolé, Bill Murray, Tilda Swinton, John Hurt, Gael García Bernal,
Alex Descas, Luis Tosar, Paz de la Huerta, Hiam Abbass.
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