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Lourdes
Auf
Roland Barthes geht die Vorstellung zurück, dass ein Text mit jeder Lektüre
neu geschrieben wird. Text, Sinn und Leser befinden sich in einem prozessualen
und instabilen Verhältnis zueinander. Was das konkret bedeutet und wofür
es fruchtbar zu machen ist, das zeigt ein Film wie „Lourdes“, der auf einer
prinzipiellen Polyperspektivität des Blicks beharrt. Ins Zentrum des „Verstehens“,
der Sinnzuschreibung rückt somit der Zuschauer, der sich mitsamt seinem
ideologischen Apparat ins Verhältnis zu den Bildern und der Handlung setzen
muss. Ausgemacht ist hier gar nichts: Man sollte sich nicht vorschnell in Sicherheit
wähnen. Damit verdoppelt „Lourdes“ auf produktive Weise strukturell das,
wovon er handelt.
Hält
ein Film das aus? Zunächst ist da eine dichte Beschreibung der Durchmischung
von katholischem Ritual und Kommerzialisierung des Wunderglaubens am französischen
Wallfahrtsort Lourdes. Das ist durchaus böse, vielleicht, aber man kann
auch neugierig werden. Oder sogar Vertrautes entdecken. Das hängt ganz
davon ab, wie es subjektiv um das Verhältnis des Zuschauers zum Glauben
bestellt ist. Dann integriert der Film in seine Ortsbeschreibung eine Gruppe
von Pilgern, die, von karitativen Dienstleistern betreut, nach Lourdes angereist
sind und sich dabei wie eine ganz gewöhnliche Reisegruppe verhalten: argwöhnisch,
hoffnungsvoll, intrigant, stumpfsinnig, liebebedürftig, neugierig, nachdenklich,
albern. Das ist – gerade in Verbindung mit einem Ort wie Lourdes – sehr ironisch.
Einerseits. Andererseits ist es auch realistisch, weil menschlich. Dass die
jungen Malteser die Pilgerfahrt (auch) dazu nutzen, um zu flirten und eine gute
Zeit zu haben, mag provozieren, wenn diese Flirts unmittelbar die Arbeit mit
den zu betreuenden Patienten beeinträchtigt. Wenn ein Wanderausflug organisiert
wird, muss natürlich auch darüber nachgedacht werden, was denn die
nicht mehr gehfähigen Patienten in dieser Zeit machen. Wie der Kinozuschauer
müssen auch die Pilger lernen, in Lourdes die Zeichen zu lesen.
Gerüchte
und mythische Erinnerungen machen die Runde. Wo sollte man sich in einem riesigen
Saal am besten platzieren, um direkt in den Strahl des priesterlichen Segens
zu geraten? „Lourdes“ steckt voll solcher Details, die der Film sorgfältig
ausbreitet, aber nicht eindeutig bewertet. Bis zu diesem Punkt wäre „Lourdes“,
der dritte Spielfilm der Österreicherin Jessica Hausner („Lovely
Rita“,
fd 35 377; „Hotel“,
fd 37 671), eine formal ambitionierte, aber vergleichsweise milde Satire auf
die seltsamen Wege der Religionsausübung. Polemischer zugespitzt, geriete
der Film vielleicht in die Nähe zu Filmen von Ulrich Seidl, doch Jessica
Hausner wählt einen anderen, komplexeren Weg. „Lourdes“ hat eine Protagonistin:
Christine ist als Multiple-Sklerose-Patientin nahezu ganz gelähmt. Sie
ist nicht nach Lourdes gefahren, weil sie auf ein Wunder hofft, sondern weil
sie gerne unter Menschen ist. Christine wirkt freundlich, wenngleich aufgrund
ihrer Krankheit ein großer Zorn in ihr wohnt. Dass der Film Menschen zeigt,
die so verzweifelt und hilflos sind, dass sie nur noch auf ein Wunder hoffen
können, verleiht ihm eine verbindliche Dimension, die quer zur möglicherweise
unterstellten Religionskritik steht. Eines Nachts kann Christine plötzlich
ohne fremde Hilfe aufstehen und ins Bad gehen. Ein Wunder ist geschehen, wildfremde
Menschen gratulieren und applaudieren ihr. Es ist kaum auszuhalten, wie intensiv
und widersprüchlich Sylvie Testud diese Glückserfahrung spielt. Wie
sie ihr Recht auf Glück einfordert, zugleich aber fürchtet, einer
Täuschung aufgesessen zu sein. Fragte sie zuvor, womit sie ihr Schicksal
verdient hatte, fragt sie nun, was der Grund für ihr Glück ist. Hier
ist plötzlich alles Kontingenz, unbegreiflich, offen bis ins Bodenlose.
Nun
sind Wunder bekanntlich ein rares Gut, was deutlich auf die Stimmung der Pilgergruppe
drückt. Selbstverständlich gönnt man Christine ihr Glück,
aber womit – vergleichbare Frage, differente Perspektive – hat ausgerechnet
sie es denn verdient? Eine ältere Dame, Frau Hartl, die sich zuvor umsichtig
um Christine sorgte und daraus auch etwas „Macht“ sog, sieht sich plötzlich
überflüssig geworden. Freigesetzt. Zudem erhält die wundersam
Genesene einen Preis als „die beste Pilgerin des Jahres“. Allerdings muss danach
noch von einer Ärztekommission geprüft werden, ob die Gesundung wirklich
als Wunder gewertet werden kann, weil MS bekanntlich in Schüben verläuft.
Hier gerät „Lourdes“ wieder böse und komisch zugleich. Im Verlauf
einer vergleichsweise übermütigen Tanzveranstaltung – gesungen wird
„Felicità“ – verlassen Christine die Kräfte, sie muss sich, gerade
noch Mittelpunkt, jetzt wieder am Rand, ausruhen. Die Kamera registriert den
Schrecken in ihrem Gesicht. War tatsächlich alles nur ein Zufall? Oder
straft hier ein böser Gott eine Ungläubige? Was hätte das für
Konsequenzen? Und wer sagt, dass Gott überhaupt etwas zu tun hat mit den
Dingen, die sich in Lourdes ereignen? Im Film findet sich dazu ein spitzfindiger
Dialog zwischen zwei Pilgerinnen: „Aber sagen wir, es hält nicht, das ist
dann doch grausam. Wieso tut Gott so was?“ „Wenn es nicht hält, dann war
es eben kein Wunder! Dann kann er auch nichts dafür!“ In diesem Moment
beginnt man zu ahnen, dass Glaube und die Erfahrung transzendentaler Obdachlosigkeit
vielleicht gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Nachdem man ausführlich
Gelegenheit hatte, den Schrecken in Christines Gesicht zu lesen, löst Frau
Hartl die Situation auf – barmherzig und (vielleicht) mit Hintersinn: Sie bringt
den Rollstuhl, in den sich Christine sinken lässt. Frau Hartl hat wieder
eine Aufgabe.
„Lourdes“
ist streng komponiert, episch distanziert, sensationell gespielt – Horrorfilm
und Satire zugleich und noch viel mehr. Es ist ein Film über Sinn und Unsinn
des Religiösen, der sein Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers treibt
und ihn dann doch ganz ernsthaft als letztlich entscheidende Instanz der Sinnzuschreibung
fordert. Vielleicht macht er sich durchaus auch lustig über die Rituale
der organisierten Religionsausübung, will und kann andererseits aber nicht
ausschließen, dass es damit durchaus eine Bewandtnis haben könnte.
„Lourdes“ ist ein doppelbödiger intellektueller Abenteuerfilm, ein Meisterwerk,
das höchste Aufmerksamkeit braucht, diese aber auch verdient.
Ulrich
Kriest
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Lourdes
Österreich
/ Frankreich / Deutschland 2009 - Regie: Jessica Hausner - Darsteller: Sylvie
Testud, Léa Seydoux, Gilette Barbier, Gerhard Liebmann, Bruno Todeschini
- Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge:
99 min. - Start: 1.4.2010
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