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Magic in the Moonlight


 

Den leider inzwischen etwas billig wirkenden Reiz des unaufgeregt in sich selbst Ruhenden versprüht "Magic in the Mooonlight", die neue Komödie von Woody Allen.

Es würde mir so oder so schwer fallen, "Magic in the Moonlight" nicht als "den neuen Woody Allen", sondern als eine romantische Komödie unter vielen anzuschauen. Im aktuellen Kino dürfte Allen der letzte Regisseur sein, der so souverän in sich selbst ruht, dass er sich in ein eigenes Genre verwandelt hat. Eine vorurteilsfreie Rezeption ganz unmöglich machen diesmal gleich die ersten Minuten, insbesondere das instantnostalgische Cole-Porter-Arrangement ("You Do Something to Me"), das über der Titelsequenz liegt. Ich lehne mich zurück, einerseits noch ein wenig entspannter als ohnehin, andererseits schon jetzt ein klein wenig gelangweilt: nun gut, der neue Woody Allen.

Mit dem ersten Bild, der Front einer Theaterfassade, eine Verortung: Berlin. Also nach London, Barcelona, Paris, Rom eine neue Station auf der ausgedehnten Europatournee, auf der sich Allen seit Mitte der Nuller Jahre befindet? Dazu gleich noch eine Datierung: 1928. Huch! Er wird doch nicht etwa? Aber nein, keine Angst, Woody Allens Blick auf Europa bleibt ein touristischer - auf diesmal fast schon interessant sture Weise: Nach dem Prolog, der die Hauptfigur, den Zauberer (oder besser: Illusionskünstler) Stanley (Colin Firth), einführt, brechen Stanley und der Film schnell ihre Zelte ab, verabschieden sich vom ohnehin lediglich in einigen putzigen deutschen Akzenten und der Türaufschrift "Ankleideraum" präsenten Berlin und verbringen den restlichen Film entspannt an der Riviera,
unter blauem Himmel, umgeben von üppiger grüner Natur, nicht direkt in einer zeitlosen Kapsel (stets gibt es in Allens Filmen, vor allem in seinen Figurenzeichnungen, einen Eindruck von Alltäglichkeit, der verhindert, dass es den kommunikativen Kontakt zur Gegenwart, auch zu mir selbst, komplett verliert), aber doch blickdicht isoliert von allem, was auch nur von weitem nach Weltgeschichte aussehen könnte.


Statt dessen eine Liebesgeschichte, die sich in keiner Hinsicht die Mühe macht, sich selbst zu plausibilisieren. Wie der gnadenlos rationale, etwas angestrengt misanthrope Stanley auf die wenig raffinierten Finten des selbsternannten Mediums Sophie (Emma Stone), die zu entlarven er eigentlich an die Riviera gereist ist, herein fallen kann? Keine Ahnung. Und warum die etwas angestrengt schnippische Sophie sich ausgerechnet in den eher oberlehrerhaft als verführerisch wirkenden Old-School-Macho Stanley verliebt? Erst recht keine Ahnung. Es läuft sehr schnell auf die Verknüpfung gleich mehrerer gut abgehangener Allen-Topoi hinaus.
Zum einen ist Gott tot und hat Psychosen hinterlassen, die ausführlich verbalisiert werden wollen. Zum anderen gibt es glücklicherweise eine junge Frau, die einen zwar nicht von den Psychosen erlöst, aber nur allzu schnell bereit ist, als deren Behälter (oder eben: Medium) zu agieren. Besonders billig wirken diesmal die satirisch gemeinten, aber einmal mehr einfach nur bösartigen Seitenblicke auf jene Nebenfiguren, die mit der eigentlich eh überschaubaren Komplexität von Stanleys und Sophies Geplänkel nicht mithalten können.

Seitdem der Regisseur nicht mehr selbst vor der Kamera agiert, haben diese Geplänkel einiges an Drive (oder vielleicht genauer: inneren Widerständen) verloren. In "Magic in the Moonlight" hat man fast den Eindruck, dass Allen während der Dreharbeiten auch nicht mehr hinter der Kamera zugegen war, sondern sich lieber auf einem der sicher sehr schönen Golfplätze der Riviera herumgetrieben hat; und von dort aus alle paar Minuten seinen Assisten angerufen hat, mit der Bitte, die Kamera ein wenig zu bewegen, oder es vielleicht sogar mit einer neuen Einstellung zu versuchen. Einerseits hat, angesichts der schon ziemlich generellen
Überkandideltheit des Gegenwartskinos, gerade die dezidierte Unaufgeregtheit der mise-en-scene, die Art, wie es sich die Schauspieler teils tatsächlich minutenlang in geräumigen Einstellungen nebeneinander gemütlich machen können, einen nicht geringen Reiz. Andererseits habe ich mir bei einigen der letzten "kleineren" Allen-Filmen (also bei allen, die nicht, wie zuletzt "Blue Jasmine", wenigstens in eine einzelne Figur etwas Außerordentliches investieren) gefragt, ob ein derart routiniert auf Autopilot programmiertes Kino nicht auch gleich auf ein Publikum verzichten kann.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

Magic in the Moonlight

USA 2014 - 98 Min. - Start(D): 04.12.2014 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Woody Allen - Drehbuch: Woody Allen - Produktion: Letty Aronson, Raphaël Benoliel, Ron Chez, Helen Robin, Stephen Tenenbaum, Edward Walson, Jack Rollins - Kamera: Darius Khondji - Schnitt: Alisa Lepselter - Darsteller: Emma Stone, Colin Firth, Marcia Gay Harden, Hamish Linklater, Jacki Weaver, Erica Leerhsen, Eileen Atkins, Simon McBurney, Antonia Clarke, Ute Lemper, Jeremy Shamos, Kenneth Edelson, Jessica Forde, Natasha Andrews, Valérie Beaulieu, Peter Wollasch, Jürgen Zwingel, Wolfgang Pissors, Sébastien Siroux, Catherine McCormack - Verleih: Warner Bros. GmbH  

 

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