zur startseite
zum archiv
zu den essays
Manche
mögen’s heiß
»Nobody
is perfect« und dazu dieses fette Lachen aus dem Unterleib heraus: Der
finale Spruch in »Manche mögen’s heiß« ist längst
Kult. Hatte Tony Curtis, voll im Fummel, sich nicht einen Satz vorher geoutet:
»Ich bin keine Frau«? – Während wir jahrzehntelang von Vollakademikern
auf die Suche nach unserer Identität geschickt worden waren, hatte Billy
Wilder schon 1959 den hilfreichen und sogar überlebenswichtigen Ratschlag
gegeben, die passende Identität nicht zu finden, sondern zu erfinden, am
besten gleich mehrere davon. Das ist eine Fertigkeit, die Spaß macht,
aber auch pure Notwendigkeit, wenn man den anderen, von denen man abhängt,
gefallen möchte oder sonst fremde Projektionen bedient. Jack Lemmon hat
dann dieses servile Lächeln auf den Lippen, wenn er grade in das Massaker
vom Valentinstag reingerät. Überhaupt liegt unter der perfekten Komödie
von »Manche mögen’s heiß« ein tieftrauriger Untergrund.
Keine Arbeit, kein Zuhause, kein Geld, im Schneetreiben der Wintermantel verzockt,
Kriminalität auf den Straßen, Marilyn Monroe eine Alkoholikerin,
Florida voll von geilen Rentnern. Wer überleben will, muß kunstfertig
sein und die Lüge wahrhaftig machen, statt am miesen Leben zu leiden. Keiner,
der nicht kuriert, wenn auch eventuell kaputtgelacht aus dem Kino rausgeht.
Prima, daß der Film dort jetzt nach vierzig Jahren wieder anläuft.
Das
ist meine Chance, hier zu revidieren, wie wir damals in unserer unkonformistischen
Zeitschrift »Filmkritik« »Manche mögen’s heiß«
verrissen haben. Was ich heute für die Stärken des Films halte, waren
damals in der Kritik von Ulrich Gregor die Schwächen: »die Neigung
zur Künstlichkeit, zur Klischeehaftigkeit; die unverbindliche Situationskomik«.
Kein guter Film, nein, allenfalls ein Punkt: »annehmbar«. In den
Standardwerken der sechziger Jahre (Geschichte
des Films
und Geschichte
des modernen Films)
werfen Gregor und Patalas Wilder darüber hinaus eine »konsequent
zynische Perspektive« basierend auf einer »denkbar pessimistischen
Prämisse« vor; auch knüpfe er nicht an das deutsche Melodram
an.
Heute
ist auch die FSK gefordert. Damals hatte sie den Film für Besucher unter
18 Jahren verboten, auch durfte »Manche mögen’s heiß«
niemals an Feiertagen gezeigt werden. Der katholische Filmdienst hatte »manche
Derbheiten« entdeckt. Aber schon in den siebziger Jahren wurde konzediert,
daß der Film ein kommerzieller Erfolg geworden war – trotz »Marilyn
Monroe mit ihrem undisziplinierten Verhalten« (Rororo
Filmlexikon).
Billy Wilder ist tot. In seinen Filmen ist er präsent. Ob’s stimmt oder
nicht, man glaubt ihnen die Details, autobiographische Unikate.
Ich
war 27, Jurastudent, und streng drauf, wie es bei überzeugten Studis noch
heute der Fall ist. In meiner »Manche mögen’s heiß«-Bewertung
schwang ich mich damals zu zwei Punkten auf und nicht zu einem »überragend«.
– Es ist Zeit, Abbitte zu tun. Der Dünkel des Studierenden über einen
wie Billy Wilder, der Mensch war und arbeitete. Wilder, der sein Wiener Jurastudium
gleich nach dem ersten Semester abgebrochen hatte, arbeitete in Wien als Reporter.
Aus seiner Interviewtechnik sollte er den berühmten Dialogstil entwickeln:
Nichts wird behauptet, alles wird aufs Detail genau beschrieben. 1926, zwanzig
Jahre alt, kam er als Medienberater der Paul-Whiteman-Band nach Berlin und wurde
hier genau. Das geht am besten autobiographisch. Über seine Arbeit als
Eintänzer respektive Gigolo im Hotel Eden schrieb er in der »B.Z.
am Mittag« die legendäre Serie »Herr Ober, bitte einen Tänzer«.
Und er schrieb Drehbücher. In der DDR-Standard-Filmgeschichte der
frühen sechziger Jahre kritisierte Horst Knietzsch »Menschen am Sonntag«
von 1930 als »sehr unverbindlich – sonntägliche Liebesromanzen von
Angestellten – , ... doch vermittelt er einen kleinen Einblick in die geistige
Leere des deutschen Kleinbürgers«. Richtig, es fehlt die Ursachenforschung;
Wilders Einblicke mögen gar zynisch sein. In zwei Sätzen entlarvt
er einen schleimigen US-Urmythos als Völkermord. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand
flieht er vor den Nazis. Der erste Film, den er in den Staaten inszeniert, beginnt
mit folgenden Worten: »Im Jahre 1726 kauften die Holländer den Indianern
Manhattan ab. Im Mai 1941 war kein Indianer mehr da, der das bedauerte«
(»Der Major und das Mädchen«, 1941).
Wilder
war mit »Manche mögen’s heiß«, seinem größten
Erfolg, ganz oben. Die US-Filmwirtschaft hofierte ihn. Wir wollen in diesem
Moment daran erinnern, wie er persönlich, 1945, ganz unten war. In Deutschland.
Wilder war als Colonel der US Army hierher gekommen. In den KZs waren seine
Verwandten umgebracht worden. Jetzt leitete er den Schnitt der KZ-Dokumentation
»Die Todesmühlen« (1945). Leichenberge zu montieren – wie schlägt
sich das in den Filmen nieder, die er in den folgenden Jahren drehte? »Eine
auswärtige Affäre« (1948) ist erstens ein Berlinfilm, zweitens
ein Trümmerfilm, drittens eine Satire und viertens eine Hommage an deutsche
Überlebenskunst. Noch 1961 ist Berlin in »Eins,
zwei, drei«
eine Stadt der Läuterung, jedenfalls für den amerikanischen Besucher
und jedenfalls nachdem Horst Buchholz (Otto Ludwig Piffl) sich in einen tüchtigen
Businessman verwandelt hat. Man kann das auch anders ausdrücken und sagen,
daß Horst Buchholz käuflich ist. Das ist korrekt. Solche Art Prostitution
ist Thema von Wilder-Filmen wie »Boulevard
der Dämmerung«
(1950). Die abgetakelte Stummfilmdiva Gloria Swanson kauft sich einen knackigen
Hollywood-Drehbuchschreiber (William Holden). Logisch, daß das Geschäft
blüht. Denn für Wilder dominiert beim Filmemachen das Drehbuch. Ästhetische
und technische Raffinessen verabscheut er: »Die große Technik ist,
wenn man die Technik vergißt. Herr Rubinstein spielt Chopin so wunderbar,
weil wir nichts von Technik bemerken, wir hören nur Chopin. Wenn aber jemand
sagt: Mein Gott, schau dir das an, diese Einstellung! Ist das nicht großartig?
Dann ist das schon schlecht, weil er realisiert hat, daß es da ein Team
gab, Technik, und daß da kalkuliert wurde. Einfachheit kann nicht übertroffen
werden.«
Wen
also haßt Wilder als Regiekollegen am meisten? Jean-Luc Godard, den »Fälscher«,
notorisches Opfer seiner bösesten Witze. Wilder wünscht sich den aktiven
Zuschauer, einen, »der die Handlung immer mit den Augen eines der Charaktere
sieht«. Ein solcher Kinobesucher läßt sich nicht die Ohren
volldröhnen mit vorgeblich objektiven Gewißheiten, mit vorgeblich
unwiderleglichem Zahlenmaterial, er merkt von selbst, daß er manipuliert
werden soll, er nimmt den belehrenden Off-Kommentar als Parodie. Wilder also
ist das genaue Gegenteil unserer TV-Ideologie, die den Dümmsten wie den
Klügsten belehrt, was er zu diesem oder jenem zu denken hat. Ohne pädagogisierenden
Moderator oder mahnende Off-Stimme läuft in der Glotze bekanntlich nichts.
Aber bei Wilder, so sagt er selbst und das mit Recht, »schreiben die Zuschauer
den Film selbst zu Ende«.
Dietrich
Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 06/2002
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Manche
mögen's heiß
(Some
Like it Hot)
USA
1959, Regie: Billy Wilder, Buch: Billy Wilder und I.A.L. Diamond, Kamera: Charles
B. Lang, Charles Lang jr., Musik: Adolph Deutsch und Matty Malneck, Produzent:
Billy Wilder, Walter Mirisch.
Mit:
Marilyn Monroe, Tony Curtis, Jack Lemmon, George Rraft, Joe E. Brown, Nehemiah
Persoff, Billy Gray, Joan Shawlee, George E. Stone, Dave Barry, George Raft,
Pat O'Brien, Mike Mazurki, Harry Wilson, Beverly Wills, Barbara Drew, Edward
Robinson, Tom Kennedy, John Indrisano.
zur startseite
zum archiv
zu den essays