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Material
Am Ende des Films gesellen sich Namen
zu den Personen, die man in den Bildern der nunmehr zurückliegenden 166
Minuten gesehen hat: Fritz Marquardt, Karl Kneidel, Matthias Stein, Jochen Ziller,
Heiner Müller, Stefan Lisewski, Arno Wiszniewski, Kirsten Block, Johanna
Schall, Egon Krenz, Siegfried Eisermann, Herbert Schuh, Wolfgang Ernst, Michael
Richter, Konrad Roock, Falko Pick, Heidrun Pick, Roland Maier. Und viele andere
mehr. Manche Namen erinnert man, manche kennt man, manche kann man recherchieren,
manche nicht oder nur umständlich. Zuvor hat man nur in Gesichter gesehen,
musste die Kontexte, in denen die Aufnahmen entstanden, zu entschlüsseln
versuchen.
Thomas Heise hat „Material“ anzubieten:
Bilder, die aus welchen Gründen auch immer seinerzeit keine Verwendung
fanden und übrig geblieben sind. Auf dem Off hört man: „Immer bleibt
etwas übrig; ein Rest, der nicht aufgeht. Dann liegen die Bilder herum
und warten auf Geschichte.“ Man sieht Bilder einer Straßenschlacht, von
der man denken könnte, sie habe in Kreuzberg stattgefunden. Ein Mann versucht,
von einem Polizeiwagen aus einen Kontakt zu den Militanten aufzunehmen, indem
er auf seine Kreuzberger Herkunft verweist. Auf einem Dach sieht man einige
Jugendliche herumstehen, teilweise vermummt. Die Polizei geht zum Angriff über;
die Anwesenheit des Kamerateams stört jetzt. Wasserwerfer der Polizei fahren
auf. Der Platz ist mit Steinen übersät. Ein bärtiger Mann mittleren
Alters nähert sich dem vordersten Wasserwerfer und beschwört die Fahrer
aufzuhören. Schließlich kniet er sogar nieder, eine pathetische Geste,
die an die Bilder vom Tiananmen-Platz in Beijing erinnert. Die Straßenschlacht
geht trotzdem weiter. Seit annähernd zwei Jahrzehnten nicht mehr mit Berliner
Lokalkolorit beschäftigt, lerne ich aus einer in der „taz“ erschienenen
Filmkritik zu „Material“, dass es sich hierbei nicht um Bilder aus den 1980er-Jahren
handelt, sondern um Bilder vom 14. November 1990, als die Mainzer Straße
geräumt wurde. Es sind, so der „taz“-Chronist, „Bilder von der letzten
großen Schlacht der West-Autonomen im Osten, an der die rot-grüne
Koalition zerbrach“. Brauche ich diese Hintergrundinformation, um die Bilder
zu „verstehen“? Soll ich diese Bilder überhaupt „verstehen“? Geht es nicht
vielmehr um die Distanz zu diesen Bildern? Um die Erfahrung einer historischen
Distanz beim Sehen der Bilder, die diese wiederum mit „neuen“ Bedeutungen auflädt?
Unmittelbar darauf ist man im Theater,
wo ein Bühnenbild heftig diskutiert wird. Der Regisseur, offensichtlich
von einer schweren Krankheit gezeichnet, hat beschlossen, die Logen des Theaters
ins Bühnenbild einzubeziehen, was zu logistischen Problemen führt.
Soweit man die aus dem Zusammenhang gerissene Diskussion versteht, geht es dem
Regisseur mindestens so sehr darum, die bekannten Nicht-Zuschauer aus den Logen
fern zu halten wie um (s)einen inszenatorischen Einfall. In einer der nächsten
Szenen erlebt man eine Sprechprobe, bei der Heiner Müller anwesend ist.
Wer jetzt textfirm ist oder googlen kann, erfährt, dass es sich hier um
Proben zu „Germania Tod in Berlin“ handeln muss, 1988 inszeniert von Fritz Marquart
am Berliner Ensemble, kurz vor dem Ende der DDR. Zu dieser Inszenierung kann
man interessante Dinge in Heiner Müllers Autobiografie lesen. Auch andere
Szenen springen mitten hinein ins Geschehen, teilweise werden sie aus dem Off
datiert und auch lokalisiert. Man sieht Bilder von offenbar improvisierten Diskussionen
aus der Wendezeit, als man davon sprach, jetzt endlich reinen Tisch zu machen,
um dem Sozialismus noch einmal ein tragfähiges Fundament zu geben. Man
will Dinge offen ansprechen, spricht Dinge auch offen an oder beschwichtigt,
wiegelt ab und unterbricht die Diskussion, als Egon Krenz erscheint, um zu verkünden,
dass man die vielfältigen Anregungen und Wünsche aus dem Volk vernommen
und schon diskutiert habe. Ergebnissen dieser Diskussionen wolle und könne
er nicht vorgreifen, auch das gehöre zur Demokratie.
Das Redebedürfnis scheint in jenen
Tagen gewaltig gewesen zu sein. Man spürt, dass damals etwas in der Luft
gelegen haben mag, was sich nicht realisiert hat. Die Menschen scheinen produktiv
wirken zu wollen, so bewusst und wenig aggressiv wählen sie ihre Worte.
Die Zäsur zwischen DDR und BRD wird im Film durch die Zäsur zwischen
Schwarz-Weiß- und Farbmaterial bezeichnet (zumindest tendenziell, denn
die Bilder von der Feier von Fritz Marquarts 80. Geburtstag 2008 sind wieder
schwarz-weiß). Deutschland im Jahre Null: Man wird durch „Material“ Zeuge
eines Umbruchs, der sich, so Heise, in Räumen, Gesten und dem Rhythmus
der Sprache manifestiert. Heise selbst spart sich Kommentare, wenngleich die
Abmischung der Musik von Charles Ives manche Szene zu kommentieren scheint.
Andere Szenen erschließen sich nicht, vieles scheint aus einer längst
vergangenen Zeit zu stammen. Trägt man heutzutage in Berliner Theatern
bei Dienstbesprechungen noch immer sein Hemd bis zum Bauchnabel offen? Trägt
man Proletkult-Lederjacken wie Brecht? Auch die Straßenschlacht in der
Mainzer Straße, die gewaltsamen Auseinandersetzungen um eine Vorführung
von Heises seinerzeit kontrovers diskutiertem Film „Stau“ (fd 22 615), die irritierend
gewundenen Erklärungen von Abgeordneten der Volkskammer zu ihrer Stasi-Tätigkeit,
der Abriss des Palasts der Republik – alles Bilder mit einer Verweildauer, die
es heute so nur noch im Kino gibt. „Material“ ist ein spannungsgeladener Resonanzraum,
der vom Verhältnis von Geschichte und individueller Biografie erzählt,
von Dingen, die man erinnern sollte, um zu verstehen, warum die Dinge heute
so laufen. Man mag von 1989/90 halten, was man will: Das soziopolitische Gemeinwesen
der BRD ist kommunikativ derart verödet, ent-solidarisiert und durchindividualisiert,
dass man „Material“ wohl für ein elegisches Dokument einer weiteren verpassten
Chance der deutschen Geschichte halten muss. Menschenaufläufe finden heute
nicht vor der Börse und den Banken, den Plenarsälen und Ministerien
statt, sondern nur beim Public Viewing. Oder wenn ALDI mal die Preise senkt.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Material
Deutschland
2009 - Regie: Thomas Heise - Dokumentation - Länge: 166 min. - Start: 14.5.2009
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