zur startseite
zum archiv
Menschenraub
in Singapur
Robert Aldrich – Nonkonformist, Außenseiter,
Maverick oder wie Peter Bogdanovich den Regisseur
einmal treffend charakterisierte: ein „Insider/Outsider in Hollywoods Mainstream:
mit dabei und doch im Abseits“. Aldrich war einer der ersten unabhängigen
Regisseure-Produzenten im Nachkriegshollywood und thematisch ein Vorläufer
der American Independents der 60er. Obwohl Genreprodukte, attackierten
seine Filme tradierte Geschlechterrollen, waren fasziniert von familiären
Gewaltverhältnissen, oft anti-autoritär in ihrer Haltung. So war ein
Aldrich-Film über das Militär immer auch einer darüber, wie die
innere Ordnung des Betriebs den Einzelnen zermalmt. Seine Melodramen erzählen
von Inzest und Wahnsinn, Isolation und Abhängigkeit, seine besten Western
von Imperialismus und Genozid. Statt heroische Außenseiter
waren die tough guys seiner Thriller eher stumpf-gefühllose Pragmatiker
oder neurotisch-gebrochene Idealisten, die Frauen seiner Melodramen oft sogar
grausamer als die männlichen Protagonisten der Kriegsfilme. Selbst am Bibelfilm
„Sodom and Gomorrah“ („Sodom und Gomorrha“, 1962) interessierte Aldrich mehr
die Allegorie einer Frühform des Kapitalismus als das religiöse Moment.
Aldrich begann 1941 bei RKO als production clerk
und arbeitete sich dort schnell zum Regieassistenten hoch. In den folgenden
Jahren assistierte er bei verschiedenen Studios Regisseuren wie Renoir, Wellman,
Milestone, Rossen, Polonsky, Chaplin und Losey. Im Fernsehen inszenierte er
seine ersten Regiearbeiten für Anthologieserien, 1953 debütierte er
mit dem Baseball-Film „Big Leaguer“ (1953). Erst der im folgenden Jahr als Eigenproduktion
entstandene „World for Ransom“ (1954) kann jedoch auch thematisch-stilistisch
als erster Aldrich-Film gelten.
Dabei ist „World for Ransom“ zunächst
einmal eine fast schon krude Low-Budget-Mixtur aus Kriegsfilm und Krimi, Abenteuerfilm
und Film Noir, zudem lose an die TV-Serie „China Smith“ (1952) angelegt, für
die Aldrich und sein Hauptdarsteller Dan Duryea zuvor gearbeitet hatten. Auch
das Drehbuch basiert auf einer Episode der Serie (unter Mitarbeit des blacklisted
Hugo Butler). Durea, ein etwas schlaksiger Schauspieler mit schiefem Grinsen,
der bereits für Fritz Lang, Roy William Neill und Robert Siodmak gespielt
hatte, brachte neben dem Noir-Image seiner bisherigen Rollen auch das nötige
Maß an Ironie mit ein. So wurde „World for Ransom“ ein Film Noir in der
Tradition von „Detour“ („Umleitung“, 1945) und „D.O.A.“ („Opfer der Unterwelt“,
1950), diesen kleinen, billigen B-Filmen, denen alles Glamouröse abgeht.
Innerhalb von elf Tagen abgedreht und
vom Budget her fast ein Z-Movie, vollzieht sich die Handlung von „World for
Ransom“ in einem Studio-Setting, das nie wirklich glaubhaft als Singapur funktioniert.
Doch die Künstlichkeit schadet dem Film nicht. Im Gegenteil, sie ergänzt
den Plot, der so bizarr wie möglich gehalten ist; eine alte B-Film-Strategie,
um aufzufallen. Aldrich erzählt von dem in Singapur gestrandeten Privatdetektiv
Mike Callahan (Duryea), der von der Ehefrau eines alten Freundes, zudem Callahans
ehemalige Geliebte (Marian Carr als Frennessey March), beauftragt wird, ihren
Mann (Patric Knowles als Julian March) zu überwachen. Callahan findet heraus,
dass Julian in das Kidnapping eines Atomphysikers involviert ist, der an den
Höchstbietenden verkauft werden soll; egal ob dies nun die Kommunisten
oder die Briten sind. Callahan wird vom Mob ein Mord in die Schuhe geschoben,
er flieht vor der Polizei, die aber weiß, dass er unschuldig ist und nutzt
ihn als Lockvogel. Zusammen mit einem Geheimdienstmann (Reginald Denny) kann
er den Wissenschaftler befreien, muss dabei aber seinen Freund töten. Nun
erfährt er, dass er nicht nur von der Polizei, sondern auch von Julian
und Frennessey manipuliert wurde. Am Ende ist Callahan wieder da, wo er am Anfang
war: In den Straßen Singapurs trifft er wie in der Exposition auf eine
Wahrsagerin, die ihm anbietet, die Zukunft zu lesen. Er lehnt ab. Vielleicht
an einem anderen Tag.
Thematisch findet sich hier viel von Aldrichs
späterem Werk. Da sind etwa die als Gegensätze angelegten Männerfiguren:
Callahan der stoische Idealist, March der manipulativ-zynische Pragmatiker.
Diese Dualität dieser Figuren zieht sich durch Aldrichs Karriere: Nach
dem Muster funktionieren z. B. Ben Trane und Joe Erin (Gary Cooper und Burt
Lancaster) in „Vera Cruz“ (1954), Costa und Cooney (Jack Palance und Eddie Albert)
in „Attack“ („Ardennen 1944“, 1956), Koertner und Wirtz (Palance und Jeff Chandler)
in „Ten Seconds to Hell“ („Vor uns die Hölle“, 1959), Morrison und Heissler
(Robert Mitchum und Stanley Baker) in „The Angry Hills“ („Hügel des Schreckens“,
1959) usw. Und es ist typisch für Aldrichs Weltsicht, dass diese Figuren
nie ganz schwarz oder ganz weiß sind, jeder durchaus Eigenschaften hat,
die uns für ihn einnehmen oder abstoßen. Julian March etwa ist in
seinem Pragmatismus ehrlicher als der letztlich ignorante Callahan. Selbst die
ehemalige Geliebte verachtet den Privatdetektiv und lebt in einer offenen Beziehung
mit dem Rivalen. Der wiederum toleriert deren (angedeutete) Bisexualität;
etwas, wozu Callahan nie fähig wäre und was den vermeintlichen Schurken
als überraschend toleranten Charakter erscheinen lässt.
Vor allem stilistisch ist „World for Ransom“
der erste Aldrich-Film. Aldrichs späterer Stammkameramann Joseph Biroc
schwelgt bereits hier in einer geradezu barocken Bildgestaltung, die mitunter
an Welles’ erste Filme erinnert. Richard Combs hat einmal treffend zu Aldrichs
„visuell extremen Stil“ angemerkt, er sei weitest möglich vom klassischen
unsichtbaren Hollywoodstil entfernt. Tatsächlich sind hier fast alle der
stilistischen Eigenheiten und Vorlieben des Regisseurs schon versammelt: Das
starke Seitenlicht und die ungewöhnlich hohen oder niedrigen Kamerawinkel,
die enorme Tiefenschärfe und die Blockaden des Bildes, die Tendenz der
Kamera zu übernahen Großaufnahmen und zu eher ökonomisch gestalteten
Plansequenzen sowie im Schauspiel: die Neigung zum Theatralen und zum extremen
Melodram. Immer wieder werden Figuren durch innere Rahmen eingefangen, als im
Bild gefangen gezeigt. Immer wieder werden Objekte symbolisch eingesetzt; Deckenventilatoren
etwa, deren Rotorblätter nicht nur vom eigentlichen Bildinhalt ablenken,
sondern ihre ominösen Schatten über den Raum werfen und die visuelle
Konfusion der Charaktere veräußerlichen. Schon in den ersten Einstellungen
erschafft die Chiaroscuro-Lichtsetzung eine archetypische Noir-Welt: Dunkle
Gassen und Treppen voller expressiver Schatten, extreme Kameraperspektiven und
harte Schnitte; das Studio-Singapur als unübersichtliches Labyrinth. Callahan
tritt im weißen Anzug als Anti-Galahad in einer exotistischen Schattenwelt
an. Kurz darauf schnappt eine visuelle Falle zu, wenn die Gangsterhandlanger
ihn in einem schattigen Gang in einer statischen, ausweglosen Einstellung stellen,
die Kamera blick von oben herab, der Weitwinkel verzerrt die Perspektiven. In
der nächsten Szene, einem Gespräch mit dem Gangsterboss, visualisiert
Aldrich, wie unterlegen Callahan ist, indem ihn die Kamera in Aufsichten einfängt
und ihm keine einzige Großaufnahme zugestanden wird.
Dieser Stil mag viel dem Einfluss der
hardboiled pulp fiction der Jahre verdanken, wie Tony Williams
angemerkt hat, viel mehr scheint er jedoch eine Reaktion auf das gesellschaftliche
Klima der Zeit zu sein, in dem Aldrich zu arbeiten beginnt: Kalter Krieg, McCarthy-Ära,
Paranoia. Ein Stil voller Brüche und heftiger Gegensätze vermittelt
den totalen Vertrauensverlust in eine funktionierende Ordnung oder, in Andrew
Sarris’ Worten: „a mood befitting the Decline of the West“. Dazu passt auch
der nukleare MacGuffin des Films, der ihn mit Aldrichs Meisterwerk „Kiss
Me Deadly“ („Rattennest“,
1955) verbindet: Während Mike Hammer in dem späteren Film einem Koffer
mit radioaktivem Material hinterher jagt, ist es hier das Kidnapping des Atomphysikers,
welches die Handlung vorantreibt. Mit boshaftem Spott inszeniert Aldrich einmal
den Auftritt einer Bauchtänzerin in einem Striplokal so, als ob diese wie
eine Rakete aus einem unterirdischen Silo aufsteigt. Das verbindet den Film
wiederum mit einem von Aldrichs letzten Filmen: „Twilight’s Last Gleaming“ („Das
Ultimatum“, 1977).
„World for Ransom“ wurde auch zu Aldrichs
erstem Zusammenstoß mit der Zensur. Eine Szene, in der die ehemalige Geliebte
eine andere Frau küsst, musste entfernt werden. Andere Andeutungen blieben
enthalten: Frennesseys erster Auftritt im Anzug wie Marlene Dietrich in Sternbergs
„Marocco“ (1930), im Schlafzimmer später dann im Männerpyjama. Am
Ende schleudert sie Callahan ihre Verachtung entgegen: „Couldn't you see? The
way I look! The way I sang!“ Julian dagegen
habe sie geliebt „for what I really am.“ Dann
fällt sie auf ein Sofa voller Puppen, an der Wand hängt ein Pin-Up-Girl
(wir befinden uns wohlbermerkt in ihrem privaten Raum). Was 1954 nicht ausgesprochen
werden durfte, bleibt so doch offensichtlich. Der heterosexuelle Abenteurer
ist in seiner Männlichkeit getroffen, er räumt das Feld. Doch in der
letzten Einstellung sehen wir ihn wieder in den Club gehen, in dem Frennessey
singt. Callahan ist einer dieser masochistischen Noir-Helden, ähnlich wie
Robert Mitchums Bailey/Markum in „Out of the Past“ („Goldenes Gift“, 1947);
immer wieder kehrt er zu der ihn demütigenden Frau zurück. In dieser
letzten Szene trägt er dann auch passend erstmals den archetypischen Trenchcoat
des hardboiled detective.
„World for Ransom“ war kein kommerzieller
Erfolg, aber seine ökonomische Inszenierungsweise war ausschlaggebend dafür,
dass Harold Hecht und Burt Lancaster im darauffolgenden Jahr den Regisseur für
die Verfilmung von Paul I. Wellmans Bronco
Apache verpflichten. „Apache“
(„Massai“, 1954) wurde zu Aldrichs erstem Erfolgsfilm und zum Startpunkt einer
äußerst wechselhaften Hollywoodkarriere.
Harald Steinwender
Menschenraub
in Singapur
World
for Ransom
USA 1954 – Plaza Productions/Monogram Pictures – Regie: Robert Aldrich [ungenannt] – Produktion: Robert Aldrich und Bernard Tabakin – Buch: Lindsay Hardy und [ungenannt] Hugo Butler – Kamera: Joseph Biroc – Musik: Frank DeVol – Darsteller: Dan Duryea (Mike Callahan), Gene Lockhart (Alexis Pederas), Patric Knowles (Julian March), Reginald Denny (Major Bone), Nigel Bruce (Governor Coutts), Marian Carr (Frennessey) – Gedreht in den Motion Picture Center Studios in Hollywood in 11 Tagen im April 1953 – Länge: 82 min – Erstaufführung USA: 27.01.1954.
zur startseite
zum archiv