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Mouchette
Sicherlich
wäre es möglich gewesen, aus der düsteren Erzählung Nouvelle
histoire de Mouchette
von G. Bernanos einen dramatischen Film über den ausweglosen Kampf der
Mouchette zu machen. Die Einfühlung und Identifikation mit dem Mädchen
liegt auf der Hand: die soziale Situation, die Familie, die Gewaltverhältnisse,
in denen Mouchette (Nadine Nortier) steht, sind so präzise, so eindeutig,
daß ein Lehrstück über Armut in agrarischen Gebieten, Rollenverteilung
in unterprivilegierten Familien, eine Aufforderung zur Reform naheliegt. Aber
Bresson nimmt keinen Standpunkt ein - weder den metaphysischen Bernanos', der
die »sinnliche Reinheit« dieses Mädchens zeigen wollte, noch
einen soziologischen, der die Gesetze jenes Dorfes zum Gegenstand einer Fallstudie
macht. Aus dem Drama wird die genaue Beobachtung, aus der Entwicklungsgeschichte
die Kombination von nicht mehr durch logische oder psychologische Kausalzusammenhänge
verbundenen Details, Momenten, Situationen. Noch die Figur der Marie aus ZUM
BEISPIEL BALTHASAR
weist eine Entwicklung auf, Mouchette nicht mehr. Die Würfel sind bereits
gefallen. Eine Zeile des Liedes, das die Dorfschullehrerin singen läßt,
lautet: »Für uns gibt es keine Hoffnung, doch Kolumbus hält
aus ... « Bresson verzichtet auf jedes mitleidige Gefühl, das von
oben herab Verständnis bekundet. So wird sein Film zur Untersuchung einer
bewußtlosen Revolte gegen das Opfer, das alle verlangen, gegen die Verachtung
und den Tod.
Während
Bresson im TAGEBUCH
EINES LANDPFARRERS
der Vorlage genau folgte, die Qual des Landpfarrers in die Düsterkeit und
Verlassenheit der Bilder umsetzte, hat er hier sowohl den Stoff wie die Bilder
entdramatisiert. Das Buch ist auf die Handlung reduziert, verschiedenes, besonders
die Kirmessequenz, hinzuerfunden. Thesenhaft reihen sich die Sequenzen der Wildjagd,
der Familie, der Schule aneinander, jede expliziert einen anderen Aspekt der
Situation Mouchettes. Aber sie determinieren diese nicht: wie der Film jede
abschließende Erklärung ausschließt, so tritt Mouchette willenlos,
nicht strategisch handelnd, ihrer Umwelt gegenüber. Wie schon in ZUM
BEISPIEL BALTHASAR
stehen Menschen und Tiere in enger Beziehung. Beide, Natur und Menschen, sind
verbunden in einem gemeinsamen Opferzusammenhang. Während in BALTHASAR Gerard
noch Macht zu besitzen scheint, sind hier alle Opfer, selbst der brutale Vater
Mouchettes. Am Beginn von MOUCHETTE steht ein Wildfang, ausgelegte Schlingen,
Warten, die Tiere, die sich in den beiden ausgelegten Schlingen verfangen, der
vergebliche Kampf. Der Wilddieb übt eine archaische Form der Naturbeherrschung
aus, der noch die unmittelbare Gewalt anhaftet, welche die fortgeschrittenen
Formen in rationalisierte Systeme von Produktion und Reproduktion sublimiert
hat. Aber der Wilderer läßt den Vogel frei, eine unerklärliche
Reaktion.
Dieser
Beginn versammelt bereits entscheidende thematische Elemente des Films: Herrschaft
über Natur, aber auch den Ausbruch aus dem Gewaltzusammenhang; ästhetische
Objektivation durch Isolierung und Zerreißen der oberflächlichen
Zusammenhänge. Das Auslegen der Schlinge, die Person des Wilddiebs und
das Zappeln der Tiere werden voneinander getrennt. Wir selbst sitzen dem Verenden
der Tiere gegenüber, die Abwehr des Geschehens durch Abschieben der Schuld
auf einen »Täter« ist unmöglich. Erst das nicht mehr kausal
vermittelte Nebeneinanderstellen von Personen und Handlung, von Aktion und Reaktion
erzeugt das Bild eines blinden Schicksalzusammenhangs, in den die Menschen verstrickt
sind. Die Wilderei Arsènes (Jean-Claude Guilbert) wird vom Wachtmann
des Dorfes, Mathieu (Jean Vimenet), verfolgt. Das Verhältnis der Menschen
zur Natur und untereinander gehört zusammen; wie jene Teil der Natur sind,
so durchkreuzt diese in unvorhergesehener Weise die Reproduktionsformen. Die
Krankheit von Mouchettes Mutter, der epileptische Anfall Arsènes, das
Unwetter, das nachts über Mouchette hereinbricht, das seltsame Licht des
Mondes, schließlich Mouchettes Tod. Die gesellschaftlichen Verhältnisse
nehmen selbst die paradoxe Objektivität von Naturformen an, die den Menschen
als unverständliche Zusammenhänge gegenübertreten: Mouchettes
Vater (Paul Hebert) ist am Alkoholschmuggel beteiligt; mit einem Kumpan lädt
er Kisten ab, um sie in die Dorfkneipe zu schaffen. Ein Polizeiauto nähert
sich; sie bedecken die Kisten mit einer Plane. Die Polizisten sehen, worum es
geht, halten einen Moment und fahren weiter. Das Paradoxe liegt darin, daß
gerade in diesem Unverständlichen die schicksalhafte Verkettung der Menschen,
in der sich das blinde Verhältnis zur Natur reproduziert, spürbarer
wird als in absehbaren Reaktionen. Die Notwendigkeit, die Ökonomie der
Schuld, ist so stark, daß die Polizisten es sich leisten können,
von einer Verfolgung abzusehen.
Diesem
Zusammenhang steht die vierzehnjährige Mouchette isoliert wie Arsène
gegenüber. Zuhause muß sie ihre kranke Mutter pflegen, die im Bett
liegt; der Vater, häufig mit dem Bruder zusammen, ist fast ständig
betrunken und brutal; für ihre kleine Schwester muß sie die Mutter
ersetzen. Mouchettes Arbeit hält die Familie zusammen. Sie bereitet das
Frühstück mit der rationellen Virtuosität der Alltagsarbeit,
fast beiläufig; sie wärmt die Milch für das Kind, gibt der Mutter
den Schnaps, nicht ohne die Flasche nach Gebrauch mit Wasser wieder auf die
alte Füllhöhe zu bringen, versteckt sie wieder, während die Mutter,
todkrank und verfallend, durch moralische Maximen die sie Mouchette verkündet,
eine gewisse Lebensordnung zu erhalten versucht. Mouchette erfüllt die
geforderten Funktionen, nimmt die Stelle eines Erwachsenen ein -, aber sie betrachtet
diese von unten, sie identifiziert sich nicht mit ihnen, ihr ist der Preis,
der verlangt wird, bewußt. Der Film zeigt in den verschiedenen Sequenzen
die Reflexion, die Kraft der Mouchette.
Zweiter
Schauplatz: die Schule. Mouchette wird durch die grausame Lehrerin und den Spott
der Mitschüler, die sie aus Rache mit Dreck bewirft, als Außenseiter
behandelt. Absichtlich singt sie beim Einüben des Kolumbusliedes falsch,
was ihr den Haß der Lehrerin einträgt. Sonntags arbeitet sie im Dorfcafé,
neben Louise, die in einer Beziehung zu Arsène steht, für den sie
sich wie selbstverständlich entschieden hat. Auch über die menschlichen
Beziehungen herrscht jene Notwendigkeit, vor der sich der »Wille«,
die »Entscheidung« als subjektive Illusion erweisen. Daraus aber
erwachsen Momente der Solidarität. Mouchette liefert das Geld dem Vater
ab, der vor der Kneipe sitzt. Eine unbekannte Frau schenkt ihr Coupons für
den Autoscooter. Die Fahrt im Autoscooter, eine ungewöhnlich lange Sequenz,
ist für Mouchette wie das Erwachen zum Leben: in einer Mischung aus Lust
und Aggression, Furcht und Vergnügen kämpft sie sich durchs Gewühl,
lernt einen Jungen kennen, ein erster Kontakt. Sie findet ihn nach der Fahrt
wieder, aber der Vater kommt dazwischen und schlägt sie. Am nächsten
Samstag verliert sie sich nach der Schule im Wald. Sie beobachtet Mathieu auf
der Suche nach Arsène. Eine unheimliche Szenerie: der Sturm, der vom
Mond gespenstisch beleuchtete Wald, die Auseinandersetzung der beiden Männer.
Der Film nimmt die Perspektive Mouchettes ein, die unbegreiflichen Vorgängen
gegenübersteht. Arsène findet sie und nimmt sie mit in eine Hütte.
Mouchette wird Zeuge seines epileptischen Anfalls; wieder ein Augenblick der
Solidarität: die Grobheit Arsènes, die Angst in dieser finsteren,
abgelegenen Hütte verschwindet in Mouchettes Geste der Hilfe und des Trostes.
Selbst noch im Moment, als sich Arsène auf Mouchette stürzt um sie
zu vergewaltigen, gibt es jenes kaum begreifbare Verständnis: Mouchette
umarmt ihn schließlich, sie hat eine Entscheidung getroffen, welche die
Situation verändert. Es gibt nicht mehr Täter und Opfer, sondern ein
Einverständnis. Mouchette flüchtet aus der Hütte nach Hause.
Sie weint.
Weder
Mouchette noch Marie in der entsprechenden Sequenz aus ZUM BEISPIEL BALTHASAR
reagieren bloß auf ein Verhalten, die äußere Gewalt. Vielmehr
wird in beiden Sequenzen objektiv, nicht im Bewußtsein der Beteiligten,
eine Grundschicht der bisherigen Kultur berührt. Mouchette erfährt
durch Arsène zum erstenmal Sexualität. Bewußtlos erleidet
sie das Opfer, das die Regeln der Klassengesellschaft der Sexualität auferlegen.
Der Augenblick des Erwachsenwerdens, scheinbar die Realisierung der Wünsche,
ist einer des Verzichts auf die »illusionären« Träume,
auf die ungebundene Phantasie, welche die vorgegebenen Befriedigungen nicht
dulden. Das Moment des Opfers, das den Wildfang am Beginn und die Jagd am Schluß
verbindet, ist auch der geheime Zusammenhang zwischen dem Verhältnis zur
Natur und dem der Menschen untereinander. Das, was sich den Regeln des Tausches,
der Ordnung der Reproduktion, nicht unterordnet, wird zerstört, ausgeschlossen,
verdrängt. Daher die Mythen des Todes im Film. Tod der Tiere, der Mutter,
Krankheit Arsènes, der alten Frau, die das Leben unter dem Blickwinkel
des Todes ordnet wie ihre Wäsche; schließlich der Tod Mouchettes
selbst. Mouchette ist nicht zum Opfer bereit, sie akzeptiert die Regeln nicht.
Der Lebensmittelhändlerin, die sie nach dem Tod der Mutter neugierig zum
Kaffee einlädt, verschüttet sie den Kaffee. Sie verweigert den Tausch
Mitleid gegen Schuldgefühle. Der Frau Mathieus, welche sie ausfragen will,
sagt sie provozierend, die Geliebte Arsènes zu sein. Der alten Frau antwortet
sie auf deren Moralpredigt: »Sie ekeln mich an!«
Mouchette
hat sich außerhalb der Regeln gestellt, die Drohungen sind unverhohlen.
Mouchette nimmt die Herausforderung an. Wie als Resumee des bisherigen Handlungsverlaufs
folgt eine Tierjagd; wieder konzentriert sich das Bild auf den Hasen. Der Selbstmord
Mouchettes entzieht sich einer spekulativen Interpretation. Es fehlt ihm jede
überhöhende Tragik. Durch den Selbstmord versucht Mouchette sich jenem
Opferzusammenhang, dem langsamen Tod, zu entziehen. Wie zufällig läßt
sie sich den Abhang zum Teich hinunterrollen, mehrmals, sie steht noch einmal
auf und winkt einem in der Ferne Traktor fahrenden Bauern zu. Fast eine spielerische
Arbeit, die keine Beziehung zu dem Ergebnis hat. Durch die Kameraeinstellung,
beinahe parallel zum Erdboden, entsteht ein gewissermaßen zweidimensionales
Bild; die Bewegung wird mehrmals aufgespalten, weil Mouchette aus dem Bild rollt.
Also auch formal eine Demontage von Zusammenhängen, eine ästhetische
Reduktion auf Physiologie, die symbolische Deutungen verhindern soll. Kein notwendiger
Zusammenhang besteht zwischen den Bildern und der Festmusik aus Monteverdis
Magnifikat.
Auch
Mouchettes Tod ist kein Sieg, sondern die Vernichtung ihres Lebens. Auch sie
entkommt dem tödlichen Zusammenhang nicht. Daher die Widersprüchlichkeit
des Schlusses, Leben und Tod heben sich nicht in einer neuen Einheit auf. Die
gesellschaftliche Realität des Todes, nicht bloß das physische Ende,
sondern die Vernichtung von konkretem Lebensinhalt, läßt sich nicht
aufheben durch einen Gegenmythos vom Tod, der sie transzendieren soll. Jener
Gegenmythos wird nicht durch inhaltliche Ausdeutungen, sondern durch die Form,
genauer die Abstraktion, erstrebt. Durch diese wird die Sequenz zerlegt, die
Bilder geraten zu Zeichen, kontrastiert von der Musik. Durch die rituelle Wiederholung
des Todes in den abstrahierten Bildern soll die Gewalt des Todes durchbrochen
werden. Absichtsvoll kehrt sich die lebendige Kraft gegen sich selbst. So aber
werden die vorhandenen Interpretationen nur um eine weitere ergänzt, der
Zusammenhang wird nicht gesprengt. Daher geben die letzten Bilder keine Antwort
auf die Frage, die jene Revolte bewußtlos, doch objektiv aufwirft.
Stefan
Schädler
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Robert Bresson; Band 15 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1978, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags.
Mouchette
MOUCHETTE
Frankreich 1966 - Regie, Drehbuch: Robert Bresson, nach der Nouvelle histoire de Mouchette von Georges Bernanos. - Kamera: Ghislain Cloquet. - Schnitt: Raymond
Lamy. - Musik: Motive aus dem Magnificat von Claudio Monteverdi; Chanson: Jean
Wiener. - Ton: Séverin Frankiel, Jacques Carrère. - Szenenbild:
Pierre Guffroy. – Regieassistenz: Jacques Kébadian, Mylène van
der Mersch. - Darsteller: Nadine Nortier (Mouchette), Jean-Claude Ciuilbert
(Arsène, der Wilderer), Maria Cardinal (Mutter), Paul Hébert (Vater),
Jean Vimenet (Mathieu, der Waldhüter), Marie Susini (Ivlathieus Frau),
Raymonde Chabrun (Kolonialwarenhändler), Suzanne Huguenin (Friedhofsbesucherin),
Marie Trichet (Louisa), Liliane Princet (Hauslehrerin). - Produktion: Parc Film/Argos
Films. - Produzent: Anatole Dauman. - Produktionsleitung: Philippe Dussart,
Michel Choquet. -Gedreht vom 12.9. bis 17.11.1966 in Vaucluse. - Format: 35
mm, sw. - Originallänge/Deutsche Länge: 2220 m = 81 min. 9 sec. -
Uraufführung: 15.3.1967, Paris. – Deutsche Erstaufführung: Oktober
1969. -TV: 25.9.1967 (ZDF). – kein Verleih
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