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Nightmare on Elm Street (2010)

 

 

 

Handarbeit

 

Die Stahlklauen funkeln wieder: Das Kinotraummonster Freddy Krueger kehrt in die Elm Street zurück, böser und verführerischer denn je.

 

Das N in der Leuchtschrift an der Fassade des Springwood Diner hat einen Wackelkontakt. Das müde Orange der Neonbuchstaben quillt blinkend in den Speiseraum hinein, taucht ihn in ein dumpfes, irgendwie infernalisches Licht. Keine Gäste sind im Diner, nur Dean hockt an einem Tisch. Er will wohl Kaffee nachgeschenkt haben, aber die Kellnerin geht ohne auf seine Rufe zu reagieren an ihm vorbei, verschwindet in der Küche. Dort lodern, wenn Dean ihr nachgeht, gewaltige Feuer unter den Töpfen, und Schweineköpfe liegen zur Weiterverarbeitung bereit. Die Kellnerin ist verschwunden.

Die Menschenleere eines Traums, eines Albtraums, der - das dürfte heute jeder wissen, selbst wenn er keinen einzigen der zahlreichen Elm-Street-Horrorfilme gesehen hat - tödlich enden wird. Der Schlaf als kleiner Bruder des Todes - die schreckliche Angst, die in uns schlummert, dass wir nicht wirklich wissen, wohin wir uns begeben, im Schlaf, im Tod. Von Anfang an hat das Kino von dieser Angst ganz schön profitiert.

Ja, Dean ist eingenickt im Diner, die Kellnerin weckt ihn und tadelt ihn milde, als sie ihm Kaffee nachschenkt. Im Albtraum aber hat er das unheimliche Traummonster Freddy Krueger getroffen und ist von seiner Stahlkralle markiert worden, im Handteller, den man sonst nur den Wahrsagerinnen und Propheten öffnet. Er nimmt ein Zeichen mit in die wirkliche Welt.

 

Seit einigen Jahren recycelt Hollywood systematisch die Erfolge des Horrorgenres der Siebziger - des schmutzigen Ablegers des jungen amerikanischen Kinos um Scorsese, Spielberg, Coppola: "Texas Chainsaw Massacre" von Tobe Hooper, "Last House on the Left" und "The Hills Have Eyes" von Wes Craven - die Filme, unglaublich billig und wirklichkeitsnah gedreht, haben heute schon Klassikerstatus, finden sich in den Sammlungen der großen nationalen Institute und Filmmuseen. Damals haben sie das Genre brutalerneuert, dem alltäglichen Horror des eskalierenden Vietnamkriegs angepasst. Schmutzige kleine Filme, in denen die Opfer gemein attackiert wurden und noch gemeiner zurückschlugen. Das Genre verlor seine Unschuld, die Grenzlinie zwischen Gut und Böse war nicht mehr zu halten.

 

Mit "Elm Street", einer soliden Studioproduktion, gab Wes Craven 1984 selbst dem Genre ein wenig von seinem verlorenen elegischen, erotischen Glanz zurück. Sein Freddy Krueger trägt zwar einen schmuddeligen Ringelpullover, und seine Visage ist ledrig vernarbt, aber die Stahlklauen an seinem Handschuh funkeln cool und locken mit aufreizendem Klirren. In der Elm Street wohnt gutbürgerlicher Mittelstand, aber die Kinder dort sind weggesperrt in einen sozialen Leerraum, die Träume, in die sie sich verirren, sind die ultimative Station ihrer Einsamkeit. "Sie haben", schrieb der Time-Kritiker Richard Corliss, "die tödliche Ernsthaftigkeit von GIs auf ihrem fünften und womöglich letzten Einsatz im Irak." Kommunikation am Nullpunkt - man braucht den andern, damit er einen vor dem Wegnicken bewahrt. Einer gibt seine Ängste und Traumerlebnisse per Internet preis - ein letzter erschöpfter Appell an Gleichgesinnte, dann sackt ihm der Kopf auf den Apparat. Diese Kids sind Opfer des Überprotektionismus ihrer Eltern, haben auf deren Geheiß ihre Erinnerungen verdrängt. Sie sollten es besser wissen. In einer Geschichtsstunde werden die Kids mit Thukydides konfrontiert, seiner Erzählung vom Peloponnesischen Krieg: Die Athener haben sich in ihre Stadt zurückgezogen, heißt es da, um den Kampf draußen zu vermeiden. Dafür wurden sie dann von einer Seuche in der Stadt erledigt. Der schlimmste Feind kommt immer aus dem Innern.

 

Es ist gefährlich, in einem Traum zu sein, ohne von sich aus wieder aufwachen zu können. Gefährlicher noch, fürs Erste gar nicht zu merken, dass man schon wieder in einem Traum ist. Bei jedem Schnitt, bei jeder neuen Einstellung muss auch der Zuschauer die Situation wieder genau prüfen. Beim Recycling sind die alten Horrorstücke der Siebziger kunstgewerblich veredelt und abgeschliffen worden. Auch der "Elm Street"-Regisseur Samuel Bayer kommt aus der Pop- und Clipbranche, und er hat vor allem Freddy einen Relaunch verpasst. Das Monster ist wie in klassischen Zeiten wieder der Verführer, der Angst und Lust fusioniert, durch seine Prothesenhand, in der Natur und Kultur, Körper und Mechanik verbunden sind. Die Hand, erklären Anthropologen und Ethnologen, ist neben der Sprache die große Errungenschaft des Menschen, Merkmal der Zivilisation. Durch den Gebrauch der Hand unterscheidet der Mensch sich vom Tier. Mit der Handarbeit begann die Unabhängigkeit von der Natur, die Entwicklung von Kultur- und Kunstfertigkeit. Und je differenzierter das wurde, desto energischer musste der Hand ihr überlegener Status gewahrt bleiben - wenn sie doch mal niedere Tätigkeiten ausführen musste, Essen zum Munde führen, die Nase putzen, den Hintern abwischen. Ein ganz besonderes Problem - die manuelle sexuelle Befriedigung, die heftigen Diskussionen um die Masturbation, die das 17. und 18. Jahrhundert in Atem hielten. Das biblische Reinheitsgebot: Ärgert dich deine rechte Hand, reiß sie aus ... heißt es bei Matthäus, das gleiche gilt vom Auge.

 

Freddy ist, wenn er seine stählerne Hand ins Spiel bringt, ein Kinder-, aber auch ein Zivilisationsverderber. Die Hand, die sich dem Arbeitsprozess verweigert, die nicht zupackt und das Objekt erfasst, sondern tändelt und ihm einen letzten Freiraum zu lassen scheint - das Prinzip des filmischen Suspense. Freddys Hand hat diesmal in der Tat an Verbotenes gerührt, Freddy hat Hand angelegt, als er in einer Schule Gärtner war - die natürliche Handarbeit par excellence - und mit den kleinen Kindern aus der Elm Street dort merkwürdige Spiele trieb. Die Hand, die sich wirklich beschmutzt hat, das haben die strengen Fans des originalen "Elm Street"-Films dem Remake einfach nicht nachsehen mögen.

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: Süddeutschen Zeitung

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Nightmare on Elm Street

A NIGHTMARE ON ELM STREET, USA 2010 - Regie: Samuel Bayer. Buch: Wesley Strick, Eric Heisserer. Kamera: Jeff Cutter. Mit: Jackie Earle Haley, Kyle Gallner, Katie Cassidy, Rooney Mara, Thomas Dekker. Warner, 95 Minuten

 

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