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Oscar
Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch
Wie
nähert man sich einer Jahrhundert-Gestalt wie Oscar Niemeyer? Einem Architektur-Titanen,
der mit 102 Jahren in seinem Büro mit Blick auf den Strand der Copacabana
immer noch aktiv ist? Der brasilianische Regisseur Fabiano Maciel und sein Produzent
Sacha haben angesichts der Größe ihres Gegenstands kapituliert und
den Weg der stummen Huldigung gewählt. Anstatt sich aus dem Off in Lobpreisungen
zu ergehen, lassen sie für ihre in zehnjähriger Arbeit entstandene
Dokumentation den Meister selbst das Wort ergreifen. Und das reichlich. Mal
gibt er sich müde und maulfaul, mal kokettiert er mit seiner Vergesslichkeit.
Dazwischen glänzt er als ungebremster Erzähler, der nicht auf Pointen,
sondern Klartext setzt. Die Schatten seines mitunter auch widersprüchlichen
Charakters bekommen so zwar kaum Kontur, dafür aber wird seine Lebensphilosophie
umso greifbarer. „Ich bin wie einer dieser alten Pessimisten“, gibt die Legende
zu Protokoll. „Ich glaube, dass das Leben nur einen kurzen Augenblick währt.
Der einzelne Mensch ist nicht wichtig, er wird geboren und stirbt. Er muss seinen
Blick zum Himmel erheben und fühlen, wie klein er ist. Er muss bescheiden
sein und wissen, dass nichts wirklich wichtig ist. Das Leben ist ein Hauch,
nur ein kurzer Augenblick.“ Den gilt es zu nutzen, mit über 600 erbauten
Gebäuden und unzähligen Entwürfen, die in der Schublade verschwanden.
„Klein“
und „bescheiden“ sind auch nicht gerade die Attribute, die man dem meinungsfreudigen
Verehrer „großer Männer“ vom Schlage eines Sartre oder Fidel Castro
attestieren möchte. Das Bauhaus nennt er ein „Paradies der Mittelmäßigkeit“,
die Vorwürfe, seine futuristische Architektur sei nicht funktional, weist
er gelangweilt ab. Kein Wunder, schließlich haben seine Arbeiten auch
nach 70 Jahren ihre verblüffende Wirkung nicht eingebüßt; was
auch daran liegen mag, dass er sich immer bildenden Künstlern mehr verbunden
fühlte als Stadtplanern. Sie spiegeln einen auf wagemutige Einzigartigkeit
setzenden Geniebegriff wider, der sich in das linke Kollektivdenken zwar nur
schwer integrieren lässt, dem bis heute bekennenden Kommunisten Niemeyer
aber keinerlei Identitätsprobleme bereitet. Zu guter Letzt schimmert der
Epikureer durch, der den einfachen Menschen in ihrem grauen Alltag Schönheit,
Überraschung und Sinnlichkeit schenken will. Spätestens jetzt ist
man versöhnt mit der verwirrenden Flexibilität seines Weltbilds und
sieht über manche machistische Entgleisung hinweg.
Die
große Stärke des Films ist die Muße und Genauigkeit, mit der
er die revolutionären Ideen des letzten lebenden Vertreters der klassischen
Moderne vermittelt. Immer wieder sieht man ihn im Innern seiner Bauten spazieren
gehen oder beim Nachzeichnen und Erklären der Entwürfe. In der Erinnerung
werden sie auf wenige Linien, Kurven und fließende Formen reduziert. Ihre
Vorzüge sind evident: Von Normierung und Monotonie keine Spur, räumlich
großzügig schweben die bewohnbaren Skulpturen als soeben gelandete
Flugobjekte über der sonnendurchfluteten Landschaft. In der Konfrontation
vor Ort vermitteln sie durch den Blick der sanft gleitenden Kamera den Eindruck
einer kindlich enthemmten Gestaltungsfreiheit.
Dabei
sind es weniger die Lebensstationen als die einzelnen Werke, die im Mittelpunkt
des chronologisch strukturierten, mit experimenteller Bossa-Nova-Musik von João
Donato unterlegten Porträts stehen. Zusammen mit seinem Freund und Mentor
Lúcio Costa und dem Moderne-Guru Le Corbusier plante der Nachwuchsarchitekt
1937 das Erziehungsministerium in Rio als ersten großen Wurf. Um nicht
als einfallsloser Jünger des strengen Rationalisten zu enden, unterzog
er seine Entwürfe einer tropischen Wärmetherapie. Das Ergebnis waren
Schwungskulpturen, die mitunter an intergalaktische Pythonschlangen erinnern.
Ein wahrer Triumph gelang ihm dann mit der Reißbrett-Hauptstadt Brasília.
Von 1957 bis 1960 wurde sie aus der Steppe der brasilianischen Hochebene gestampft.
Hier finden sich auch die meisten Bilddokumente in Form von Werbekampagnen und
Fernsehreportagen. Sie erzählen euphorisch vom damaligen Zeitgeist gelebter
Utopie und dem schwierigen Unterfangen, Bewohner in die Retortenstadt zu locken.
Der Präsidentenpalast „Alvorada“ oder der Riesenkelch für das Parlament
sind weitere Regierungsbauten, die sich einer neuen Zeichensprache verschrieben
und den beliebig formbaren Werkstoff Beton favorisierten.
Leider
bleibt der politische Kontext dieser für die brasilianische Moderne schillernden
Epoche, die mit dem Militärputsch 1964 endete und Niemeyer ins französische
Exil zwang, seltsam unterbelichtet, wie auch sein schwärmerisches Engagement
für den Kommunismus keinerlei kritische Nachfragen erfährt. Was ebenfalls
fehlt, sind Statements heutiger Architekten, etwa Zaha Hadid, deren ähnlich
gewagte Ästhetik von Niemeyer beeinflusst ist. Immerhin fügen sich
die Zeitzeugen bestens in den Rahmen der vor allem für Studienzwecke von
Architekturstudenten geeigneten Selbstbespiegelung. „Es ist ja bekannt, dass
Oscar den Kapitalismus hasst, genauso wie den rechten Winkel“, bringt der Schriftsteller
Eduardo Galeano die Überzeugungen seines Freundes so lakonisch wie poetisch
auf den Punkt. Dessen luftige Architektur sei „ähnlich den Bergen von Rio
de Janeiro, die liegenden Frauenkörpern gleichen, erschaffen von Gott an
dem Tag, als er sich für Niemeyer hielt“.
Alexandra
Wach
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst
Oscar
Niemeyer - Das Leben ist ein Hauch
Brasilien
2007 - Originaltitel: Oscar Niemeyer - a vida é um sopro - Regie: Fabiano
Maciel - Darsteller: (Mitwirkende) Oscar Niemeyer, Bruno Contarini, Chico Buarque
- FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 85 min.
- Start: 14.1.2010
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