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Der Ost-Komplex

 

Jochen Hick zeichnet in seinem dritten Film über Homosexuelle im Osten ein Porträt des schwulen CDU-Politikers Mario Röllig, der sich mit großem Engagement für die Erinnerung an die Verfolgung von Regimegegnern in der DDR einsetzt

Seit seiner Doku über Schwule in der deutschen Provinz (»Ich kenn keinen Allein unter Heteros«) 2003 gilt der Filmemacher Jochen Hick als Chronist schwuler Geschichte nicht nur in Deutschland. In seinen letzten Filmen » DDR unterm Regenbogen« (2011) und »Out in Ost-Berlin« (2013) war dabei auch die ehemalige DDR Thema. Hier knüpft sein jüngster Film an, der nun einen einzelnen Menschen von dort porträtiert: Den nach einer missglückten Flucht und dreimonatiger Haft 1988 freigekauften Mario Röllig, der nun in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Besucher durch die Zellentrakte führt und für den Verband der Opfer des Stalinismus und die Konrad-Adenauer-Stiftung als Zeitzeuge und Aktivist Schulklassen und Veranstaltungen besucht. Zum Jahrestag des Mauerfalls wird er auch in die USA eingeladen.

Seit 2004 ist Röllig wegen ihrer Position zur DDR-Vergangenheit, sagt er Mitglied der CDU, für einen homosexuellen Mann keine einfache Entscheidung. Vielleicht liegt es an dieser brüchigen Parteiidentität, dass er auch auf dem Podium oder am Rednerpult nie zum Kalten Krieger oder glattsmarten Politdarsteller wird. Vielleicht aber auch, weil er aus wirklicher Betroffenheit handelt. Denn Röllig hat das Leben öfter übel mitgespielt, was sich auch in chronischer psychischer Krankheit ausdrückt: Natürlich war da die Gefängniszeit selbst mit ihren Erniedrigungen. Noch schlimmer die Tatsache, dass er irgendwann wirklich dem Verhördruck nachgab und aussagte.

Später dann der Verrat durch die große Liebe, einen Westberliner Politiker, den er als junger Mann in einem Budapester Thermalbad kennen und lieben gelernt hatte und dann öfter in Berlin traf. Doch als Röllig nach der Wende eines Tages glücklich und arglos am Südwestberliner Gartentor klingelte, standen ihm Ehefrau und zwei Kinder gegenüber. Und dann lief ihm zehn Jahre später bei der damaligen Arbeit im KaDeWe auch noch der ehemalige Stasi-Verhörer über den Weg. Die Begegnung war so traumatisch für Röllig, dass sie zu einem versuchten Suizid führte. Im Film wird dieses Erlebnis, wie auch andere emotionale Schlüsselmomente, als verdichtete mosaikartige Montage aus vorbeiwehenden Wortfetzen und Standbildern in den sonst beobachtenden Erzählfluss eingeschoben.

Relativ großen Raum bekommen auch Rölligs Eltern, beide langjährige SED-Mitglieder, die sich in Berlin in einem engen, aber blitzblank-ordentlichen Leben eingerichtet haben und sich eher notgedrungen damit abfanden, keine »anständige Schwiegertochter« zu bekommen: Ein mit wenigen Strichen gezeichnetes anschauliches Porträt kleinbürgerlich-realsozialistischer Existenz. Dann gibt es noch einen kleinen Extraschlenker, der nicht direkt mit Rölligs Sache zu tun hat, aber einen anderen CDU-Politiker in wirklich schlechtes Licht rückt: Kurt Biedenkopf, der sich bei einem Podiumsgespräch an einer US-Universität auf äußerst aggressive Art dagegen verwehrt, dass sein Parteigenosse die gefährlichen rechten Tendenzen in seinem Heimatland öffentlich benennt. Auch aus diesem Grund müssen wohl mehr Leute wie Röllig in diese Partei.

Silvia Hallensleben 

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

 

 

  

Der Ost-Komplex
Deutschland 2016 - 90 Min. - Kinostart(D): 10.11.2016 - Regie: Jochen Hick - Drehbuch: Jochen Hick - Produktion: Jochen Hick - Kamera: Jochen Hick, Nicolai Zörn - Schnitt: Thomas Keller - Darsteller: Mario Roellig - Verleih: Basis-Film Verleih

 

 

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