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Parkour
Als
junger Schauspieler in Deutschland ist man gut beraten, wenn man neben der Arbeit
Sport treibt. Besser noch: sehr viel Sport. Warum das so ist, kann man in Marc
Rensings Spielfilmdebüt bestaunen: Wenn Richie und seine Freunde Nonne
und Paule ins Freibad rennen, dann nutzen sie den urbanen Raum Mannheims gewissermaßen
als kostenloses Sportgerät.
„Parkour“
heißt der Trendsport aus Frankreich, der es auch schon in die Eröffnungssequenz
des vorletzten James-Bond-Films (fd 37 910) schaffte. So staunt man, wie behände
und elegant die athletischen jungen Schauspieler Christoph Letkowski, Marlon
Kittel und Constantin von Jascheroff die architektonischen Hindernisse, die
ihnen im Weg sind, bezwingen, wie insistierend und dynamisch immer wieder junge
Männerkörper in Bewegung choreografiert werden – ohne in die Montage-Peinlichkeiten
früherer Sportfilme zu fallen.
Doch
die mitreißende Körperpräsenz der Protagonisten kann nicht allzu
lange davon ablenken, dass es in „Parkour“ weniger um Körperkontrolle als
vielmehr um Kontrollverlust im übertragenen Sinne geht. Denn da ist auch
noch Richies Freundin Hannah, die kurz vor dem Abitur an der Abendschule steht.
Sollte sie die ausstehenden Prüfungen bestehen, stünden ihr alle Wege
offen. Genau das aber ist die Sorge Richies, der mit Argusaugen über seine
Liebe wacht. Dass er dabei erstaunlich schnell das rechte Maß verliert,
muss beispielsweise ein Disco-Besucher erfahren, der Hannah beim Tanzen „anbaggert“
und sich dafür eine blutige Nase holt.
Wenn
er nicht gerade Hannah überwacht oder mit den Freunden Sport treibt, arbeitet
Richie auf dem Bau, als Chef einer personell überschaubaren Gerüstbauer-Kolonne.
Kraftstrotzende Dynamik gehört zu Richies inkorporiertem Selbstverständnis,
wenn er zur Ruhe kommt, wird es (ihm zu) kompliziert. Richie würde gerne
alles im Leben so elegant und geschmeidig halten, wie es beim Sport funktioniert.
Doch Hannah will nach dem bestandenen Abitur studieren und dafür vielleicht
umziehen. Zudem hat Richie Ärger mit dem Bauunternehmer Lehmann, was die
Existenz seiner Firma gefährdet. Dann passiert auf dem Bau ein schlimmer
Unfall, der Richies Alltag komplett aus dem Rhythmus bringt.
Das
sind eindeutig einige Baustellen zu viel – Rensings Film teilt viele Ähnlichkeiten
mit seinem Protagonisten. Er drückt aufs Tempo, hat fürs junge deutsche
Kino ein ungewöhnliches Gespür für Körper und Kinetik, die
Sportsequenzen begeistern, die Auswahl an urbanen Locations überzeugt,
und Szenen aus dem Arbeitsalltag von Gerüstbauern sind im deutschen Kino
auch eher selten. Probleme bekommt der Film, wenn er etwas nicht nur zeigen
kann, sondern erzählen muss. Dann wird es mitunter sehr platt küchenpsychologisch
oder aber manieriert, weil Rensing sich einen dramaturgischen Kniff ausgedacht
hat, der darauf setzt, dass der Zuschauer etwas unaufmerksam ist. Man wird Zeuge,
wie Richie beim Versuch, die Kontrolle über seinen Alltag zu behalten,
allmählich die Realität abhanden kommt, besser: er in eine ganz eigene
Realität driftet. Dafür findet Rensing überzeugende, an den Rändern
trefflich unscharfe Bilder. Was vielleicht einmal Eifersucht aus Verlustangst
war, wächst sich zur handfesten Psychose aus, gespeist von den penetranten
Einflüsterungen eines sexistischen Mephisto (grandios schmierig: Georg
Friedrich).
Zwischen
Selbstbild und Realitätsanforderungen kommt es zu Spannungen, die Richie
für seine Freunde immer unerträglicher werden lassen. Wenn Richie
ganz zum Schluss noch einmal zum Sprung ansetzt, hat er jedenfalls kaum noch
Ähnlichkeit mit dem Richie, dem man zu Beginn des Films begegnete.
Ulrich
Kriest
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst
Parkour
Deutschland,
2009
Produktion:
Zum Goldenen Lamm Filmprod./SWR
Produzent:
Rüdiger Heinze , Stefan Sporbert
Regie:
Marc Rensing
Buch:
Rüdiger Heinze, Marc Rensing
Kamera:
Ulle Hadding
Musik:
Thomas Mehlhorn
Schnitt:
Sebastian Marka
Darsteller:
Christoph Letkowski (Richie), Nora von Waldstätten (Hannah), Marlon Kittel
(Nonne), Arved Birnbaum (Frankie), Constantin von Jascheroff (Paule), Georg
Friedrich (Janko), Ralf Dittrich (Lehmann), Lilly Marie Tschörtner (Jana),
Laurens Walter (Stefan), Nadja Stübiger (Sylvie)
Länge:
100 Minuten
FSK:
ab 12; f
Verleih:
Kino: Projektor
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