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Projekt
Brainstorm
Als Douglas Trumbull Mitte der sechziger
Jahre die Spezialeffekte für Stanley Kubricks Film »2001
- Odyssee im Weltraum«
maßgeblich mitgestaltete, war er gerade 25 Jahre alt. Mit knapp 30 Jahren
führte er bei »Lautlos
im Weltraum« (1972)
erstmals Regie, einem ökologischen Science-Fiction-Drama, in dem Bruce
Dern und drei Roboter ein riesiges Gewächshaus im All am Leben zu erhalten
versuchen. Nach der Gestaltung einiger Tricksequenzen in Filmen von Robert Wise
(»Andromeda« und »Star
Trek - Der Film«),
Steven Spielberg (»Unheimliche
Begegnung der dritten Art«)
und Ridley Scott (»Blade
Runner«), liefert
Trumbull jetzt seinen zweiten Film in eigener Regie und damit seine bislang
ambitionierteste Arbeit ab: »Projekt Brainstorm«.
Im Gegensatz zu allen Filmen, an denen
Douglas Trumbull vorher beteiligt war (»Andromeda« vielleicht ausgenommen),
ist »Projekt Brainstorm« keine Weltraum-Utopie; vielmehr wird hier
das All mit der menschlichen Psyche vertauscht und die Grenze des heute wissenschaftlich
und technologisch tatsächlich Möglichen nur um eine Winzigkeit überschritten.
Ausgangspunkt des Films ist, daß zwei Wissenschaftler, Lillian Reynolds
und Michael Brace, eine Methode entwickelt haben, die es erlaubt, Empfindungen,
Gefühle und Erfahrungen eines Menschen elektronisch aufzuzeichnen und zu
speichern und exakt diese Sensationen irgendeine andere Person „am eigenen Leibe"
- sprich im eigenen Gehirn - quasi real spüren und nacherleben zu lassen.
Trumbull stellt sich mit dieser Prämisse
einer doppelten Herausforderung: Einmal galt es, rein sensuelle Phänomene
ausschließlich mit filmischen Mitteln für den Zuschauer nachvollziehbar
zu machen, zum anderen sollte darüber aber die Spielhandlung des Films,
das „menschliche Drama", nicht an Interesse und Relevanz verlieren. Das erste Problem löst Trumbull,
indem er sämtliche „subjektiven" Momente des Films, also alle Szenen,
in denen der Zuschauer sozusagen ins Hirn dessen schlüpft, der sich den
Apparat gerade um den Kopf legt, in 70-mm-Superpanavision und Dolby-Stereo gedreht
hat, alle „objektiven" Szenen dagegen in normalem 35mm - Standardformat
und Mono.
Die Story, die Trumbull um seine Effekte
herumbaut, berichtet einerseits von Brace, der gerade eine Ehekrise durchlebt
und seiner Frau Karen mit Hilfe der Erfindung seine wahren Gefühle „zeigen"
kann, und andererseits von Lillian Reynolds, die sich so sehr über die
beabsichtigte militärische Nutzung ihres Projekts aufregt, daß sie
an einem Herzanfall stirbt. Die Aufzeichnung ihrer letzten Lebensmomente wird
zum Vermächtnis, das sie Brace hinterläßt; als dieser, inzwischen
gefeuert, von einer Telefonzelle aus den Firmencomputer anzapft und das Band
abspielt, erhält er einen Eindruck von dem, was nach Trumbulls Meinung
hinter der Schwelle des Todes liegt. Vom unglaublich dreidimensional wirkenden
Vorspann bis zur Reise durch den Tunnel des Todes am Schluß (die übrigens
stark an die Stargate-Sequenz in »2001« erinnert) ist Trumbulls
Film geeignet, all denen, die gerne in berauschenden, hypnotisierenden Orgien
aus Farben, Formen und Bewegungen schwelgen, höchste sinnliche und ästhetische
Befriedigung zu verschaffen. Aneinandergereiht würden die Szenen in 70mm-Superpanavision
- außer der kitschigen Darstellung glücklicher Ehe-Momente und der
kurzen Demonstration einer der mit dem Apparat möglichen Folterungsmethoden
-einer Jahrmarktsattraktion im Stile des Rundum-Kinos „Cinema 2000" alle
Ehre machen.
Trumbulls Konzept, den Schauwerten seines
Films dadurch einen tieferen Sinn zu verleihen, daß er sie mit einer anspruchsvollen
Thematik verbindet, die an ethische Fragen und gar an das Tabu des Todes rührt,
ist redlich und anerkennenswert. In der Tat sollte man heute für jeden
Film dankbar sein, der die hochentwickelten technischen Möglichkeiten des
Mediums einmal nicht in den Dienst mehr oder minder primitiver, publikumsträchtiger
Horror-und Fantasy-Filme stellt, sondern versucht, mit ihrer Hilfe auch inhaltlich
neue Wege zu beschreiten. Fatal ist nur, daß die Botschaften, die dieser
Film vermittelt, kaum geeignet sind, den Zuschauer mehr zu beeindrucken als
Achterbahnfahrten, Gleitflüge und andere 70mm-Highlights: Gefühle
sagen mehr als Worte, die Technologie muß vor Mißbrauch geschützt
werden, der Tod ist und bleibt das größte Geheimnis - wer wollte
diese Erkenntnise bestreiten, wem sind sie neu?
»Projekt Brainstorm«, dessen
Fertigstellung nach dem plötzlichen Tod von Natalie Wood drei Wochen vor
Ende der Dreharbeiten übrigens eine Zeitlang in Frage gestellt war, wirkt
also am besten, wenn man es fertigbringt, ihn nur zu genießen statt zu
analysieren. Zu Ken Russells artverwandtem Film »Der Höllentrip«
liefert er ein hübsches Gegenstück, den „Himmelstrip" sozusagen.
Bauklötze staunen kann man dabei, aber süchtig (oder klüger)
wird man kaum davon.
Robert Fischer
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 2/84
Projekt
Brainstorm
BRAINSTORM
USA
1983. Regie: Douglas Trumbull. Drehbuch: Robert Stitzel, Philip Frank Messina.
Kamera: Richard Yuricich. Schnitt: Edward Warschilka, Freeman Davies. Musik:
James Horner. Ton:
Art Rochester, Shawn Murphy. Bauten: John Valloni, David L. Snyder. Ausstattung:
Tom Pedigo, Linda DeScenna. Kostüme: Donfeld. Spezialeffekte: Alison Yerxa,
Robert Hall, Don Baker. Produktion:
MGM/UA. Gesamtleitung: Joel L. Freedman, Jack Grossberg. Produzent: Douglas
Trumbull. Verleih: UIP. Länge: 2908 m (106 Min.). FSK: ab 12, ffr. Kinostart:
10.2.1984. Darsteller: Christopher Walken (Michael Brace), Natalie Wood (Karen
Brace), Louise Fletcher (Lillian Reynolds), Cliff Robertson (Alex Terson), Jordan
Christopher (Gordy Forbes), Donald Hotton (Landon Marks), Alan Fudge (Robert
Jenkins), Joe Dorsey (Hal Abramson), Bill Morey (James Zimbach).
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