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Ein
Quantum Trost
Helden
der Müllabfuhr
"Ein Quantum Trost" macht zwei
Dinge klar: Wer sich mit Bond einlässt, ist dem Tode geweiht. Und: Die
Party ist vorbei.
The
party is over. Der Mann und
die Frau stolpern Seite an Seite durch die Wüste, Bond und Camille - früher
hätte man gesagt: das Bondgirl, aber das stimmt diesmal definitiv nicht
mehr, was an der Figur Camille liegt und an Olga Kurylenko, die sie spielt -,
sie tragen noch ihre Abendgewänder, kommen müde und lethargisch daher,
mitgenommen vom nimmerendenden Kampf gegen den Feind, sind verdreckt und verschrammt.
Die Wüste erweist sich immer noch als ein Gegen- und Mitspieler, auf den
man sich verlassen kann, sie hat es vielfach in Texten von Borges
oder in Filmen von Stroheim bewiesen. Die Wüste ist der letzte und, in
ihrer gnadenlosen Einsamkeit, vielleicht der aufregendste Ort, an dem Bond sich
in diesem Film tummeln darf. Davor war er am Gardasee und in Siena, auf der
Bregenzer Seebühne, in Haiti und Bolivien.
Aber immer war er da so mit anfallenden
Verfolgungsjagden beschäftigt oder mit seiner ganz persönlichen Trauerarbeit
- der Tod der geliebten Vesper Lynd (Eva Green) setzt ihm brutal zu, am Ende
des vorigen Bondfilms "Casino Royale", der neue fängt etwa eine
Stunde danach an -, dass er die Qualitäten dieser sensationellen Schauplätze
gar nicht genießen konnte. Er teilt also, und wir Zuschauer mit ihm, das
Schicksal aller modernen Touristen: Sie haben die tollsten Touren gebucht und
werden nun überall durchgehechelt und durchgehetzt. Bei der Bregenzer "Tosca"
dürfen wir kaum verweilen, sie dient nur als Verhandlungsort, an dem die
Herren der Verbrecherorganisation Quantum über Headsets konferieren. Der
Palio, das berühmte Pferderennen in Siena, geht voll an uns vorbei, nichts
kriegt man mit von der erregenden Stimmung, wenn die Pferde der Stadtviertel
durch die Gassen preschen. Dass filmische Action aus der Beherrschung des Raums
erwächst, davon will das moderne Kino nichts mehr wissen.
Mit Daniel Craig als neuem Bond ist das
Prinzip "Auge um Auge" ins Agentengenre zurückgekehrt. Zur Mischung,
die er in "Casino
Royale" so erfolgreich
präsentierte - ein Schuss blauäugiges Proletentum, ein bisschen Nackte-Brust-Masochismus,
eine Abneigung gegen Designerklamotten, ein ungehobeltes, manchmal komisches
Hauruck-Verfahren, eine Tendenz zur Regression -, ist keine neue Zutat dazugekommen,
im Gegenteil, die Momente von Erotik und Sex sind noch weiter zurückgeschraubt,
und jene Eleganz, die Roger Moores Markenzeichen war. Das hängt natürlich
mit der Weltlage heute zusammen, der Globalisierung, die keine Spielregeln mehr
akzeptieren kann, so dass man mit Konventionen und guten Manieren auf den ordentlichen
Dienstwegen überhaupt nicht mehr weiterkommt.
Die Schurkenorganisation gibt sich grün
und ökobewusst, ihr Boss heißt Dominic Greene. Die Radikalität,
mit der Bond freihändig seine private Rache und sein mühseliges Geschäft
verquirlt, ist die Kehrseite der Abnutzung des modernen gesellschaftlichen Systems
und seiner Politik, die man heute täglich erlebt. Die Großen, die
Oberen haben es längst alle vorgemacht. "Ich pfeif' auf die CIA und
ihre getürkten Beweise", wettert Judi Dench als M, eine der wenigen
verlässlichen Personen in Bonds Umgebung. Die Intimität wächst,
von Film zu Film rückt Bond ihr näher. Seine Physis bewundert sie
immer schon. In der Bond-M-Beziehung entwickelt sich auch das Thema des Films
- und es ist ausgerechnet jenes, das schlagwortartig durch die Debatten der
letzten Wochen geisterte: Vertrauen. Sie mag ihn schikanieren, aber ihr Glaube
an Bond ist unerschütterlich. M lässt ihm, als er unter falschen Verdacht
gerät, seine Kreditkarten sperren - aber das möchte man, in einer
perversen Drehung, fast als einen Ansporn sehen, sich mit anderen, primitiven
Mitteln durchzukämpfen.
In der Kurzgeschichte von Ian Fleming,
von der der Filmtitel stammt, tritt Bond nur als Randfigur auf, er lässt
sich von einem Freund die Geschichte einer gescheiterten Liebe erzählen.
Das Quantum Trost ist hier eine mathematische Formel, die die Liebe zwischen
zwei Menschen festlegt - was es braucht an Zuspruch und Unterstützung für
den andern, um diese Beziehung zu erhalten. Wenn diese Größe Null
ist, ist die Liebe tot. Der Tod von Vesper Lynd war schockierend, nun aber,
im neuen Film, ist evident, dass Bond wie ein Todesengel auftritt - wer sich
mit ihm einlässt, ist dem Tod geweiht. Seinen alten Freund und pensionierten
Kollegen René (Giancarlo Giannini, der auch in "Casino Royale"
dabei war) bittet Bond um einen Gefallen. René geht dabei drauf und Bond
lädt ihn in einem Müllcontainer ab. In La Paz ist ihm eine Agentin
behilflich, die im Konsulat arbeitet, gespielt von Gemma Arterton. Sie darf
den klassisch-ulkigen Namen Strawberry Fields tragen und eine Nacht mit Bond
verbringen, aber ihr Ende ist jämmerlich, sie wird in ein schwarzes Ölbad
getaucht, eine triste Reminiszenz an den Goldkörper von Claudine Auger
in "Goldfinger". Eine kleine Angestellte, die Bond da auf dem Gewissen
hat, die nie eine Ahnung hatte, wie grausam das Spiel war, in dem sie mitspielte.
Quantifizierung von Emotionen mag eine britische Spezialität sein, aber
man darf das nicht mit Sarkasmus verwechseln und nicht mit Zynismus.
Unter Koautor Paul Haggis - er hat "L.A.
Crash" und "Im
Tal von Elah" geschrieben
und inszeniert, und auch die Scripts zu Eastwoods Iwo-Jima-Filmen geliefert
- und dem Schweizer Regisseur Marc Forster - durchweg ambitioniert, mit "Monster's
Ball", "Finding
Neverland" - treten Bond und sein Gegenspieler Greene (Mathieu Amalric)
an, als wären sie Lausbuben in der Pause auf dem Schulhof.
Es geht um das Geschäft mit dem kostbarsten
Gut der Zukunft, dem Wasser. Camille ist derweil mit eigenen Racheaktionen beschäftigt,
am bolivianischen General Medrano, der ihre Familie umbringen ließ. Sie
trägt die Narben seiner Folterer am Körper. Ich wollte, ich könnte
dich befreien ... aber dein Gefängnis ist hier oben, sagt sie mal zu Bond,
und das gilt für viele andere auch in diesem Film. The party is over.
Fritz
Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: Süddeutschen Zeitung
Ein
Quantum Trost
Quantum
of Solace, GB/USA 2008 - Regie: Marc Forster. Buch:
Neal Purvis, Robert Wade, Paul Haggis. Kamera: Roberto Schaefer. Schnitt: Matt
Chesse, Richard Pearson. Musik: David Arnold. Mit: Daniel Craig, Olga Kurylenko,
Mathieu Amalric, Gemma Arterton, Jeffrey Wright, Giancarlo Giannini, Judi Dench,
Oona Chaplin. Sony,
103 Minuten – Dt. Start: 6.11.2008
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