zur startseite
zum archiv
zu den essays
Der
Räuber
Bleibt
immer trocken: Benjamin Heisenbergs 'Der Räuber'
Der
erste Schnitt ist gleich einer in die Bewegung: Johann Rettenberger (Andreas
Lust) rennt, mit beachtlicher Geschwindigkeit in Sportkleidung. Um ihn herum
sind Menschen, Alltagslärm vermischt sich mit seinem Atemgeräusch.
Erst als Rettenberger zu rennen aufhört, erkennt man, dass er sich auf
einem Gefängnishof befindet. Er sitzt ein wegen versuchtem Bankraub und
steht kurz vor seiner Entlassung. Die freie Zeit im Knast nutzt er fürs
Lauftraining. Auch in seiner wenige Quadratmeter großen Zelle kann er
kilometerweit laufen: ein wohlmeinender Wächter hat ein Laufband installiert.
Dieser wohlmeinende Wächter ist es auch, der Rettenberger noch einmal vor
der Entlassung ins Gewissen redet. Dass Rettenberger sich draußen Mühe
geben müsse. Sonst könne er schnell wieder im Gefängnis landen.
Rettenberger antwortet, das glaube er nicht, er werde sicherlich nicht wieder
im Gefängnis landen. Sehr sicher scheint er seiner Sache in diesem Moment
zu sein. Nur wenige Einstellungen später steht er mit gezückter Pumpgun
in einer Bank.
Benjamin
Heisenbergs zweiter Spielfilm "Der Räuber" basiert auf einer
wahren Begebenheit. Rettenberger hieß in Wirklichkeit Kastenberger und
hielt in den achtziger Jahren mit einer spektakulären Bankraubserie Österreich
in Atem. Heisenberg änderte nicht nur den Namen, er verlegte den Plot außerdem
in die Gegenwart und verzichtete auf ein besonders bizarres Detail: Das Boulevard
kannte Karstenberger als "Pumpgun-Ronnie", weil dieser sich bei seinen
Banküberfällen stets eine Ronald-Reagan-Maske überstreifte. Heisenbergs
Rettenberger dagegen trägt bei seinen Raubzügen eine einfache weiße
Maske. Die passt ihm auch deshalb gut, weil sein Gesicht auch ohne Maske sehr
bleich und hart wirkt. Die öfter wiederkehrenden Demaskierungsszenen im
Fluchtauto zeigen keine plötzliche, emphatische Belebung, sondern eher
einen sanften Übergang zwischen zwei tendenziell ähnlich emotionsarmen
Aggregatszuständen.
Nach
der Entlassung gleich zum Banküberfall, vorher noch kurz das neue Appartement
beziehen, ein kleines Zimmer mit Blick auf den Wiener Bahnhof. Rettenberger
verliert keine Zeit, und der Film auch nicht. Die Banküberfälle sind
Serien reiner Bewegungsbilder: Fahrt zum Tatort, dynamische Präzision in
der Bank, die maskierte Flucht mit der Beute, zuerst zu Fuß, dann per
Auto. Keine Zeit lässt sich der Film für das Suspensemoment, das im
Banküberfall schon fast vor seiner filmischen Inszenierung abgelegt zu
sein scheint: die Sekunden, die sich im Inneren der Bank dehnen, während
sich von außen die Polizei nähert. Rettenberger ist immer schon in
Bewegung, von der ersten Einstellung an und wenn es mit der einen Bank nicht
klappt, überfällt er spontan eine zweite gleich hinterher. Ein allen
anderen Motivationen vorgängiger Bewegungsdrang treibt ihn weiter und lässt
ihn auch an einem Marathonlauf teilnehmen, bei dem er einen neuen österreichischen
Rekord aufstellt und zu einer kleinen Mediensensation wird.
Aber
die sportlich motivierte, gesellschaftlich legitimierte Bewegung genügt
Rettenberger nicht. Auch Erika kann ihn nicht aufhalten, eine alte Bekanntschaft,
mit der er nach der Entlassung eine Affäre beginnt, die, wie er ihr eingesteht,
in seinem Plan nicht vorgesehen war. Erika kann nicht mithalten mit diesem Mann.
Wenn sie die weiße Maske vom Gesicht nimmt, schwitzt sie. Im Kino schauen
sie sich gemeinsam Bewegungsbilder an. Sie fiebert mit, er lächelt nur,
wissend; Rettenbergers Gesicht bleibt stets trocken. Das Filmende, das leicht
von der Entsprechung im realen Leben abweicht, ist auch nicht eingeplant; diese
letzte halbe Stunde des Films transformiert Rettenbergers Bewegungsdrang ein
weiteres Mal, keine Selbstprofessionalisierung mehr (einmal liest Rettenberger
nach dem Coup seine Pulsdaten am PC aus), sondern Existenzkampf: ab in die Höhle,
neben dem Gipfelkreuz.
Die
Kamera führt Reinhold Vorschneider, der dieses Jahr tatsächlich mit
drei Filmen auf der Berlinale vertreten ist, die mit ziemlicher Sicherheit auch
die drei besten neuen deutschen Spielfilme des Festivals sind: Thomas Arslans
"Im Schatten", Angela Schanelecs "Orly" und eben "Der
Räuber", alle drei außerdem mit digitaler Kamera gedreht. Gibt
es einen Vorschneider-Stil? Bei allen Unterschieden zwischen den drei Filmen:
Vor allem mit Arslans Film verbindet Heisenbergs Streifen einiges. Nicht nur
die Ausgangsprämisse (Knastentlassung und sofortige Wiederaufnahme der
kriminellen Laufbahn), sondern allgemeiner ein ungebrochener Bezug aufs Genrekino.
Und das Interesse für das - allerdings jeweils sehr unterschiedliche -
Berufsethos der jeweiligen Protagonisten. Aber natürlich trennt die Filme
auch vieles. Arslans Film ist melancholischer, (noch) souveräner und um
einiges zurückgenommener. Mehr als an die Filme der Berliner Kollegen hat
mich "Der Räuber" an die des Österreichers Götz Spielmann
erinnert, bis in einzelne Bilder: die dunkle Körperlichkeit beim ersten
Sex mit Erika evoziert eine Szene aus dem großartigen "Antares".
Nicht umsonst war Andreas Lust erst kürzlich in Spielmanns "Revanche"
zu sehen.
Dass
Heisenberg Menschen und Städte gut inszenieren kann, das zeigte schon sein
Debüt "Schläfer".
Inzwischen hat er noch einmal dazugelernt und außerdem ein deutlich besseres
Drehbuch. "Der Räuber" ist ein kraftvoll und sorgfältig
inszenierter Film, der sich auf das, was manch einer an den Filmen der Berliner
Schule als Selbstbeschränkung moniert, gar nicht erst einlässt. Nicht-diegetische
Musik setzt Heisenberg offensiv und äußerst gekonnt ein, nach einem
besonders spektakulären Banküberfall treiben wuchtige Percussion-Schläge
Rettenberger durch Parks in den Wald. Ein großartiges Ende für ein
großartiges Set Piece ist das (und, bis hinein in die Einstellungsgrößen,
eine weitere Parallel zu Arslans "Im Schatten"). Die Poren im Gesicht
bei der Blutabnahme, die Musik und die Sportnachrichten aus dem Autoradio bei
den Fluchtfahrten, die Fernsehbilder vom Marathonlauf... Ein Film, der sich
einiges traut. Und dabei verdammt gut aussieht.
Lukas
Foerster
Dieser
Text ist zuerst erschienen, im Rahmen der Berlinale 2010-Berichterstattung,
in: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Der
Räuber
Österreich
/ Deutschland 2009 - Regie: Benjamin Heisenberg - Darsteller: Andreas Lust,
Franziska Weisz, Florian Wotruba, Johann Bednar, Walter Huber, Josef Romstorffer,
Johannes Handler, Nina Steiner - FSK: ab 12 - Länge: 98 min. - Start: 4.3.2010
zur startseite
zum archiv
zu den essays