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Salt
Von Spinnen und Russen
Als Action-Perpetuum-Mobile macht Angelina Jolie
in Phillip Noyces Kalter-Kriegs-Revival-Film "Salt" immerhin eine
gute Figur
August Diehl ist Michael Krause, Spinnenforscher und
deutscher Ehemann der CIA-Agentin Evelyn Salt (gespielt von Angelina Jolie), der ein Aufenthalt in nordkoreanischen Folterkellern noch in den
Knochen steckt. "Deutsche", sagt der Ehemann am Frühstückstisch,
"machen keine Scherze" und eine sehr giftig aussehende Spinne kuckt zur Bestätigung ungerührt aus dem Einmachglas. Darauf geht
Salt ins Geheimagenten-Büro und erledigt dort dann kurz vor Dienstschluss
noch rasch ein Verhör. Ein todkranker und also sicher ehrlicher Überläufer
behauptet, geheime Informationen über einen russischen Maulwurf in Washington
zu haben. Man glaubt ihm nicht recht, obwohl der Lügendetektor keine Lügen
detektiert. Salt will schon gehen, da nennt der Mann den Namen des Maulwurfs:
Evelyn Salt.
Erster Hoppla-Moment des Films, auf den dann hopplahopp rasch weitere folgen. Keiner ist hier, wer er oder sie scheint. Oder
ist dann doch, wer er schien, hin, her, Salt als Agentin oder Gegenagentin oder
Gegengegenagentin. Das ganze kommt einem entgegen aus uralten Kalter-Kriegs-Zeiten,
ein Drehbuch, wie nach dreißig Jahren aus russischen Kerkern befreit und
jetzt nicht ganz taufrisch in Hollywood auf den Tisch. (Allerdings zielt der
teuflische Plan am Ende darauf, dass Muslime auf die Nuklearbombardierung von
Teheran und Mekka nicht so gut reagieren: Kurve grad noch gekriegt.) Dass Salt
eine Frau ist, war auch erst einmal nicht so gedacht. Schade eigentlich, dann
hätte August Diehl also nicht Angelina Jolie, sondern
den zunächst vorgesehenen Tom Cruise zum Abschied geküsst. Spinnenmann
Diehl verschwindet übrigens schnell, aus den Augen, aber nicht aus dem
Sinn. Ihn wiederzubekommen, die Welt auch zu retten, nimmt Salt mancherlei auf
sich.
Kaum ist sie enttarnt als die, die sie (nicht) ist, sprintet
sie auf und davon. Bastelt sich eine kleine Feuerwurfapparatur und erwehrt sich,
unter Einsatz auch des Spitzenunterhöschens, taxierender Blicke und ihrer
Haut. Der Thrillerplot macht, als etwas kindisches "24"-Imitat, einen
auf ganz große Weltverschwörung, nur sind die Löcher darin so
gewaltig, dass immer wieder ganze Autoverfolgungsjagden von Monstertruck-Größe
hindurchjagen. Im Auto bzw. meistens eher darauf sehen wir Evelyn
Salt, mal auch an Häuserwänden herumturnend, mal auch im Aufzug wie
Spiderman von Wand zu Wand hüpfend - aber gut, letzteres ist sicher durch
metaphorische Arachnologie-Übertragung vom Ehemann motiviert. Jedenfalls
geht es mehr als nur einmal so: Kaum glauben die Männer, die hinter ihr
her sind, sie gefangen zu haben, tut Salt wieder einen gewaltigen Sprung von
der Autobahnbrücke und rennt gänzlich unverstaucht
auf einem Lasterdach einfach weiter.
Erst ist Jolie blond, dann trägt
sie die Haare lang schwarz, dann kurz schwarz. Sie lässt den russischen
Präsidenten im Erdboden verschwinden. Sie springt, fliegt, kickt und hat
im Zweifel noch einen Würgetrick im Ärmel. Selbstverständlich ist die ganze
als so halbwegs ernst gemeint präsentierte Geschichte nichts als ein Vorwand
für eine Actionmaschine mit dem einzigen Zweck, Angelina Jolie dabei
zuzusehen, wie sie zur Abwechslung anderes tut, als irgendwo wieder ein Kind
zu adoptieren. Das kann man, auch weil Regisseur Phillip Noyce sein
Action-Handwerk noch immer versteht, einigermaßen attraktiv finden.
Falls man, was keineswegs sicher ist, das bis zur Parodie
einschlägige Voranpeitschsoundtrackgewitter von James Newton Howard erträgt. Und falls man
auch nach der soundsovielten Wendung noch miträtseln mag über
Wolfe im Schafspelz und Schafe im Wolfspelz und/oder Schafspelz als Wolfspelz.
Und über Spinnen und Nuklearbomben und wiederaufgewärmten Kalten Krieg.
Und weil dies Falls am Ende so groß ist, dass ein ganzer potenzieller
Atomkrieg locker hineinpasst, fragt man sich, ob es nicht wirklich besser gewesen
wäre, auf einen Plot einfach mal völlig zu verzichten und Angelina
Jolie in erhabener Sinnlosigkeit über Stock und Stein
ihren Parkour-Sport treiben zu lassen. Als Jane Fonda der Post-Aerobic
und also adäquate Action-Heroine der Gegenwart. Aber nein. Hat nicht sollen
sein. Wird, heißt es, fortgesetzt: Auf SALT I folgt, auch das ist wie
früher, dann SALT 2.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de
Salt
USA 2010 - Regie: Phillip Noyce - Darsteller:
Angelina Jolie, Liev Schreiber, Chiwetel Ejiofor, Daniel
Olbrychski, Andre Braugher, Yara Shahidi, Victor Slezak, Zoe Lister Jones, Gaius Charles, Corey Stoll, Cassidy
Hinkle, Nicole Signore - Länge: 100 min. - Start: 19.8.2010
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