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Schatila
–
Auf dem Weg nach Palästina
»Filmt
uns!«
Ein Beiruter Videohändler hat den
Widerstand der Palästinenser im Flüchtlingslager Chatila gegen die
belagernde Amal-Miliz gefilmt. Die Medienwerkstatt Freiburg hat die Bänder
in bester Absicht leider kommentiert
Ein starkes, ergreifendes, erschütterndes
Bild, das keine Worte braucht: Ein Beteiligter filmt mit seiner Videokamera,
wie in den Ruinen des Flüchtlingslagers Chatila Kinderleichen gewaschen
werden. Ein Klagegesang der Mütter. »Mit Chatila sterben wir«.
Aber dann kommt wieder völlig ungerührt diese deutsche Moderatorenstimme
dazwischen und blockt all das ab, was auf die Sinne gewirkt hat. Das, was zu
sehen und zu hören war, wird auf die dürre Floskel reduziert: »Mit
jedem Tag der Blockade spitzt sich die Situation zu«. Blut, Tränen,
Schreie, Verzweiflung und Tod, festgehalten im palästinensischen Videodokument,
werden zu Anschauungsmaterial im deutschen Lehrfilm. Ein Verrat.
Oder: Die palästinensische Kamera,
soeben noch auf der Flucht vor Heckenschützen, dringt hastig und verwirrt
in einen sehr beschädigten Raum ein, in dem hastig und in der größten
Verwirrung operiert wird. Wiederum ist dies für den deutschen Dauer-Kommentar
ein Anlaß, belehrend einzugreifen. In der Behördensprache dieses
Films gerinnen Qual und Not, Wut und Empörung zu einer »Situation«,
»in der die medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet ist«.
Und ich finde es ungeheuerlich und beschämend, daß meine Wut und
Empörung sich jetzt gegen etwas richten, was den betroffenen Palästinensern
fremd ist: gegen die deutsche Stimme, die nicht an die Kraft und die Stärke
der Videobilder glaubt. Verflucht seien die Ungläubigen! (Sprecherin: Verena
Schwalbe. Mitarbeit: Ingeborg Kossmann).
Verflucht sei jedoch nicht die Medienwerkstatt
Freiburg. Denn sie hat, zusammen mit medico international, in diesem fünfzig
Minuten langen Videodokument Bilder öffentlich gemacht, die beredt genug
sind, um aus dem Innersten der Blockade heraus spüren zu lassen, was es
heißt, Angst und Verzweiflung zu widerstehen, den Glauben an die Zukunft
zu behalten und den Mut zum Kämpfen zu finden, jeden Tag neu. Vorausgesetzt,
der Zuschauer verteidigt sich gegen die Blockade, mit der der deutsche Kommentar,
ganz von außen, in bester Absicht, aber im Verein mit den realen Belagerern,
das Lager-Innere von Chatila umzingelt.
Jussuf Ali Naffa, Videohändler in
Westbeirut, sah im dritten Lagerkrieg der Schiitenbewegung Amal gegen die palästinensischen
Flüchtlingslager (Oktober 1986 bis Januar 1988) seine Stunde kommen. Er
nahm in Chatila das »Filmt uns! Macht Fotos! « der Lagerfrauen auf.
Es wurde das Dokument von Verfolgten, die Widerstand leisteten und geleistet
hatten. Seit 1982, als im Gefolge der israelischen Invasoren Schlächter
der libanesischen Falange-Miliz die Flüchtlinge in der PLO-Hochburg massakrierten.
Drei Jahre lang blockierte und bekämpfte die Amalbewegung das Arafat-Lager,
unterstützt von syrischen Panzern und schließlich auch von der PLO-Splittergruppe
Fatah-Aufstand, nachdem Abu Moussa, die selbst ernannte Speerspitze der palästinensischen
Revolution, sich 1983 von Yassir Arafat und El-Fatah losgesagt hatte. Der Lagerkrieg
wurde auch zum Bruderkrieg. Zum Krieg um die Macht. (Abu Moussa gab auch dann
nicht nach, als – 1987/88 – Israel gegen die palästinensische Bevölkerung
in den besetzten Gebieten vorging).
Jussuf Ali Naffas Bilder zeigen die Zusammenhänge,
die jeder Betroffene kennt, nicht auf. Er hat den Feind im Blick, den namenlosen
Schützen, die Bedrohung, den Kriegsalltag, die Deckung, die Zuflucht und
die Zielposition. Das Blut pocht in den Schläfen, und das ist kein Material
für ein Feature, wie jeder deutsche Glotzenfreund es kennt. Aber wir sehen
ein Ghetto in der Erwartung des Pogroms. Scharfschützen in Fensterhöhlen,
ein Lastwagen brennt, Säcke mit Mehl werden vor den Augen der Hungernden
vernichtet, Kinder zusammengepfercht in Kellern, Leichen, Trümmer, Schlamm
und Schmutz, Frauen auf der Suche nach Wasser und Essen, Totenklage, Tränen
und Gebet, in einer Ruine hängt Wäsche zum Trocknen, der Muezzim singt,
Gebetsstunde, eine Frau fragt vor der Kamera: »Was haben wir verbrochen?
Sind wir Ungläubige?« Und: »Wir
lassen uns das nicht gefallen! Mit Chatila sterben wir!«
Im Januar 1988 wird Zement gemischt und wieder aufgebaut, Luftballons steigen
(die Amal-Bewegung hatte im Dezember – trügerisch, wie wir heute wissen
– das Ende der Belagerung ausgerufen und den Wiederaufbau des Lagers angekündigt).
Ein Arafat-Funktionär gibt die neuen Losungen aus: »Wir werden weiter
kämpfen, bis wir unseren unabhängigen Staat haben. Zusammen werden
wir nach Palästina zurückkehren«.
Die Kamera duckt sich, sucht die Schärfe,
wackelt, späht, stolpert durch die Gänge und Keller, bricht mitten
im Getümmel ab und findet wieder zum gewohnten Bildausschnitt, wenn es
ruhig wird und die Palästinenser Zeit für ein Statement haben. All
das, was für den professionellen Film Fehler sind, wird auf dem Videoband
zur Tugend. Hier organisiert keiner, fern vom Schuß, Zusammenhänge;
er verwertet kein Material, und er rühmt sich nicht, den Überblick
zu haben. Jussuf Ali Naffas Kamera ist vor Ort im Zeitpunkt des Geschehens,
und seine Bilder geben das wieder, was er erleidet und erhofft. Die Kraft und
Stärke dieser Aufnahmen lassen spüren, was Widerstand bedeutet und
das Vertrauen auf die eigene, gerechte Sache. Dieser subjektive Blick aus dem
Inneren des Lagers heraus ist unverstellt von Planung und Organisation. Die
ureigensten Möglichkeiten des Mediums Video sind überzeugend genutzt,
und wir könnten von einer Betroffenenästhetik sprechen, wenn mir nicht
jetzt schon ganz schlecht würde beim Gedanken daran, wie unsere Betroffenenanwälte
und Medienarbeiter Material verwerten, Zusammenhänge organisieren und den
totalen Überblick haben.
Es ist die alte eurozentristische Anmaßung
der sogenannten Dritten-Welt-Filme, mit der die Freiburger BearbeiterInnen des
»Schatila»-Dokuments den 'Betroffenen' sagen, wo's lang geht. Wer,
wie die Kommentatoren des »Schatila»-Films, nicht hinsehen und hinhören
kann, erfährt nichts, vor allem nicht, daß die Palästinenser
einen eigenen Ausdruck suchen und finden könnten. Und der entspricht vielleicht
oder Gott sei Dank mitnichten dem Nutzen, den unsere Lehrfilmer sich für
den politischen Kampf in der Bundesrepublik erhoffen. Wem also soll die Isolation
des Lagers Chatila, wie sie das Videoband dokumentiert, nutzen? Den Blockierern
in Deutschland. »Es ist unsere Aufgabe, diese Isolation der Einzelnen
aufzuheben, sie in Beziehung zu setzen, um erfolgreich gegen Blockaden jedweder
Art vorzugehen« (Medienwerkstatt Freiburg). Richtig. Aber nun spricht
nicht mehr der Palästinenser Jussuf, sondern der Deutsche Pepe Danquart,
und dem Zuschauer verginge vor dem Videodokument das Sehen und Hören, wenn
nicht. Wenn nicht die Bilder, die keineswegs Anschauungsmaterial für etwas
anderes sein wollen. Wenn nicht diese Bilder, die die Palästinenser einer
Mitarbeiterin von medico international zum Herausschmuggeln übergaben,
damit die Welt eine Anschauung davon bekomme, was der Widerstand im Lager Chatila
ist. Wenn also nicht die Bilder Kraft und Stärke genug hätten, Widerstand
zu leisten auch gegen die Benutzung durch den aufdringlichen, unerträglich
dreinredenden Kommentar. Was bleibt, sind diese Bilder. Sie setzen sich durch.
Eine provisorische Backstube. Teig wird
in den Ofen geschoben. In aller Hast. Wir spüren, was das tägliche
Brot bedeutet, die freudige Erwartung, essen zu können. Die Sprecherin
versucht das Bild zu dementieren und uns weiszumachen, daß wir nicht sehen,
was wir sehen. Statt von Teig und Brot ist von Hunden und Ratten die Rede, die
zur Ernährung dienen würden. Die Worte stören, aber sie können
nicht bestehen. Eine andere Szene. Der Bunker ist gefüllt mit Kindern.
Es sind sehr viele, und es ist laut. Eine Mutter sagt in die Kamera: »Wir
sind lebendig begraben«. Das Lärmen der Kinder macht Hoffnung. Sehbar,
hörbar im Chatila-Keller. Nur die Kommentatorin meint, aus pädagogischen
Gründen einschreiten zu müssen. »Schwierig ist es», belehrt
sie uns. Was? »Die Kinder drin zu halten». Aber die Kinder lärmen
weiter, und das Lehrerinnenwort geht wie immer ins eine Ohr rein und aus dem
anderen wieder raus.
Während Schüsse fallen und Granaten
einschlagen, bombardiert die Pädagogin ihrerseits die palästinensischen
Bilder mit deutschen Worten. Es ist ein Dauerfeuer. Und es stellt sich heraus,
daß sie im redlichen Bemühen, die fremde Sache zur eigenen zu machen,
weder den Bildern noch den Sinnesorganen der Zuschauer vertraut. Es ist das
Leid vieler gut und politisch gemeinter Filme. Aber wir sehen keine Straßenblockade
in Mutlangen, und es besteht kein Anlaß, die unprofessionelle Kamera zu
verteiden (»aufgeregt und von den Ereignissen befangen«) oder die
lebendigen Bilder zu Beweismaterial zu degradieren. Schnell eine Behauptung
vorziehen (»Nur zeitweise können sich die Menschen herauswagen, wie
diese Frauen, die versuchen, Verletzte zu bergen«), dann folgt der Beleg
(man siehts). Nein, wie recht der Kommentar doch hat. Welch Überblick.
Ab und an fallen die Freiburger Materialarbeiter
den palästinensischen Frauen ins Wort, offenbar weil diese nicht zu hiesiger
Zufriedenheit ausgesagt haben. Eine politische Intervention mit ästhetischen
Mitteln. Es wird abgeblendet, ein Foto eingeschaltet, und dann braucht man sich
nicht mehr von den »Ereignissen« stören zu lassen. Während
die Palästinenserin sich eben noch fragte, warum die Amal-Shiiten schießen,
erklärt die Kommentatorin Israel und Amerika zum Feind. Und wenn eben noch
das Zerstörungswerk der Amaltruppen gezeigt wird, schiebt die Kommentatorin
zum Standbild noch schnell »mit Schützenhilfe Israels« dazwischen.
So wird aus dem Film der Akteure Eingriffsästhetik, und wir können
von Glück sagen, daß die Bilder zurückschlagen und den Eingriff
abwehren können.
Ist sie für uns »unbegreiflich,
die Kraft, mit der die Menschen in diesem Trümmerfeld ausharren, es verteidigen
und wieder aufbauen«? Was ist denn noch zu verbalisieren, wenn man diese
Kraft sieht und spürt? Eine Frau beruft sich darauf, daß sie Gläubige
ist, ein Mann betet. Die deutsche Sprecherin schweigt hierzu, erfreulicherweise,
wenn auch nur einen Moment lang. Während noch die Worte »Mit Chatila
sterben wir« in den Ohren klingen, findet der deutsche Kommentar, wiederum
eingreifend, die Quelle von Hoffnung und Mut im Gaza-Aufstand, was wiederum
Anlaß gibt, Jussufs Testament ein optimistisches, vom Siegeswillen getragenes
Ende unterzuschieben. Ja, die »Lagerbevölkerung« wird weiterkämpfen,
denn zusammen sind wir stark, drum heraus auf die deutschen Straßen, blockieren
wir das nächste Objekt.
Nein, das, was Jussufs Bilder bezeugen,
bleibt Vermächtnis, gerade weil die Chatila-Burg inzwischen erstürmt
und die Geschichte über den kurzen Optimismus der Freiburger BearbeiterInnen
hinweggegangen ist. Im April 1988 reiste Arafat zu Hafez al Assad, sich in Damaskus
zu versöhnen. Und der unversöhnliche Dissident Abu Moussa, dem die
Getreuen davongelaufen waren, marschierte am 28. Juni mit Hilfe der Syrer und
Libyer in Chatila ein; der letzte und schließlich geglückte Versuch,
sich die Macht zu sichern. Von den 4000 Menschen, die im »Schatila»-Film
in den Ruinen ausharrten, blieben 96, 16 Frauen und 4 Kinder darunter, die an
diesem Tag das Lager verließen. In den Wochen davor waren 130 getötet
und mehr als 500 verwundet worden.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: konkret 10/1988
Schatila
- Auf dem Weg nach Palästina.
Video 50 Min. Verleih: Medienwerkstatt, Konradstraße 20, 7800 Freiburg,
und medico international, Obermainanlage 7, 6000 Frankfurt 1
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