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Schattenwelt
„Zieh dein Hemd aus! Ich will deine Narbe
sehen!“ Die starke Frau (Franziska Petri) befiehlt. Der Mann, Ex-RAF-Aktivist
(Ulrich Noethen), gehorcht. Sie, die Tochter des vorzeiten bei einer RAF-Aktion
leider erschossenen Bankier-Gärtners, will nach zwanzig Jahren rauskriegen,
was das BKA nicht geschafft hat, nämlich wer geschossen hat. Vom Mann-mit-der-Narbe,
soeben aus dem Knast entlassen, will sie ein Geständnis und dann: Rache!
Hierfür setzt sie eine Pistole ein. Peng! Aber leider ist sie es jetzt,
die einen Dritten, völlig Unbeteiligten, erwischt hat. Nun sind die beiden
quitt, und der Film ist zuende.
Wie man sieht, ist das Werk dramaturgisch
ausgewogen, mehr geht nicht. Und das nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch.
Der RAF-Schatten legt sich über die Gegenwart, weshalb das Bild blässlich
blau-grün gehalten ist. Für Bewegung sorgt das Auto, wie es auf dem
Lande (Denzlingen) gebräuchlich ist. Wir können uns daher vieler Einstellungen
erfreuen, gern im Regen oder im finstren Wald, wo die Vögel piepen. Im
TV-gerechten Format (Brustbild!) arbeiten sich die klasse Darsteller an der
RAF-Vergangenheit ab, wozu sie sich authentisch anmutender Dialoge bedienen.
Die Story ist fiktiv, aber die Wortwahl stimmt. Peter-Jürgen Boock war
am Drehbuch beteiligt.
Wozu also über den Film ironisch
schreiben? Ist doch irgendwie okay, dieser Kunstfilm. Wie geschaffen für
arte und BR (Redaktion)! An alles ist gedacht. Für angenehme Unterbrechungen
sorgen zwei sehr gute Musiknummern einer Frauengruppe sowie blässlich blaugrüne
Totalen auf die schönen Berge um Denzlingen herum. Nicht zu vergessen die
Nummern, in denen Eva Mattes, Uwe Kockisch und Tatja Seibt auf die eigene Art
auftreten. Nichts dagegen zu sagen. Aber insgesamt fehlen dem Film Ecken und
Kanten. Auch in den Nebenhandlungen. Der junge Christoph Bach, eine Generation
unter unserem RAF-Mann, ist psychisch arg auffällig; er trinkt. Er muss
von seinem Wohngenossen Mehdi Nebbou bemuttert und geküsst werden. Die
RAF ist schuld an den Defekten von Kind und Kindeskindern. Wenn wir beim Filmkucken
so weit sind, kommt schnell der Ausgleich. Der ältere Freund stellt klar,
dass er halt den jüngeren weiter nix als betreuen tut – wegen der RAF und
ihrem Schatten. Außerdem wird das Geküsse dadurch gesühnt, dass
er leider den Schuss der Gärtnerstochter abkriegt. Tja. Und wie wird nun
wieder ausgeglichen, dass sie so hart drauf ist? Ihr ist das Sorgerecht für
ihr Kind entzogen worden! Warum? Weil sie es krankenhausreif geschlagen hat!
Warum? Weil die RAF Schuld hat. Na bitte. Noch Fragen?
Ich lass das hier mal so stehen. Vielleicht
ist es gar nicht so schlecht, dass der Film unvermittelt endet und erschöpft
die Hände in den Schoß legt. Die Bewältigung der RAF-Vergangenheit
– dieses Vorhaben kann auf diese naive Weise in der Tat nicht weitergehen. Was
bleibt, ist, dass die Akteure ein den Zuschauern angenehm vertrautes Gesicht
haben. Gute Unterhaltung!
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 7/2009
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Schattenwelt
Deutschland 2008. R: Connie Walther. B: Uli Herrmann, Peter-Jürgen
Boock, Connie Walther. P: Clementine Hegewisch, Michael Jungfleisch. K: Birgit
Gudjonsdorrir. Sch: Karen Lönneker. M: Rainer Oleak. A:Ago Dawaachu. Pg: Next Film/Gambit. V: Salzgeber. L: 92 Min. Da: Franziska Petri, Ulrich Noethen, Tatja
Seibt, Uwe Kockisch, Christoph Bach, Eva Mattes.
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