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Sebastiane
Mit mehr als dreißig Jahren Verspätung
findet ein großartiges Unikum in (ein paar) deutsche Kinos: Derek Jarmans
in lateinischer Sprache gedrehter Debütfilm "Sebastiane"
Es war das Jahr 1975. Derek Jarman hatte
bereits als Maler reüssiert und als Ausstatter für "The Devils",
einen der besten Filme des zu diesem Zeitpunkt gerade aufs Wunderbarste durchknallenden
britischen Regisseurs Ken Russell, gearbeitet. Als er die Möglichkeit bekam,
einen ersten eigenen Film zu drehen (gemeinsam mit Paul Humfress, der seither
kaum mehr im Kino auffällig geworden ist), wählte er sich den als
Schwulenikone figurierenden Heiligen Sebastian zum Sujet. Der war, jung und
schön und fast nackt und von Pfeilen lieblich durchbohrt und von Blut reizvoll
befleckt, ein beliebter Renaissancegemäldegegenstand und als solcher Vorlage
manch masochistischer Fantasie. Und weil Jarman Jarman ist und nichts nimmt,
wie es kommt, sondern allem seinen eigenen Touch gibt, wurde daraus mit sehr
wenig Geld erstens wirklich ein Historienfilm und zweitens einer, wie es sonst
keinen gibt.
"Sebastiane" spielt im Rom des
frühen dritten Jahrhunderts, soweit ist das historisch korrekt. Sebastian
ist Christ am Hof des Kaisers Diokletian und wird darum verstoßen. Eine
erste Szene mit einer bizarren Orgie, bei der angeschnallte Riesenpenisse groß
rauskommen, spielt noch in Rom. Das sieht aus nach einer Mischung aus Kenneth
Anger und Carmelo Bene, kontrastiert aber stark mit allem, was nach diesem Auftakt
kommt. Da nämlich verlagert sich das Geschehen ganz und gar ins Unbewohnte,
wo die aus dem Zentrum des Imperiums in äußerste Randlage verstoßenen
Soldaten rein gar nichts zu tun haben. Von einem Geschehen kann im engeren Sinne
darum auch gar keine Rede sein. Die Soldaten, sehr bald mehr oder minder vollständig
entkleidet, sitzen und liegen in der Sonne herum. (Gedreht wurde auf Sardinien.)
Sie schlagen sich, sie lieben sich, sie planschen zu früher Brian-Eno-Musik
und in elegischer Zeitlupe verliebt im Wasser. Sie spielen, was historisch womöglich
nicht ganz so korrekt ist, auch Frisbee.
Sie schwingen zotige Reden - und sie tun
dies, was bis heute ein Alleinstellungsmerkmal des Films ist, in Latein (der
Titel "Sebastiane" ist entsprechend ein Vokativ: "Oh Sebastian").
Bei einem törichten Literalisten wie Mel Gibson geschieht so etwas um eines ideologischen Authentisierungsbehauptung willen.
Derek Jarman aber ist einer, der die Zeiten gerne zu Vertigo-Effekten ineinanderschiebt
und im Zugleich von scheinbarer Authentizität und willentlichen Anachronismen
verschwimmen lässt. In seiner ebenfalls in dieser Woche zur Wiederaufführung
in deutschen Kinos startenden Filmversion von Christopher Marlowes "Edward
II." kann man das in einer Art Regietheatervariante erleben: wild gehen
die Gegenwart und historisch stark variierende Kostümierungen der Figuren
durcheinander, die totale visuelle und sprachliche Explizierung schwuler Subtexte
kommt noch dazu.
"Sebastiane" ist da - in Sachen
Ana- und Metachronismen - noch deutlich weniger aufdringlich. Und überhaupt
eine seltsam relaxte Angelegenheit. Er gönnt sich minutenlange Auszeiten
aus dem nur in groben Strichen vorhandenen Märtyrerplot. Zum Frisbeespiel.
Zum Wasserplanschen. Zum versunkenen Solotanzen in römischem Kleid. Zum
Auspeitschen und In-die-Pralle-Sonne-Pflocken freilich auch. Der Kern der Geschichte
nämlich geht so: Severus (Barney James) begehrt Sebastian (Leonardo Treviglio),
der alles erduldet, nichts aber gewährt, weil der einzige, den er liebt,
der von ihm in Gedichten gepriesene Herr ist. Er treibt mit seiner glückseligen
Verweigerung Severus, der sein Vorgesetzter ist, zum Äußersten und
doch nimmt zwar sein Körper, nicht aber seine Seele dabei Schaden.
"Sebastiane" entledigt sich
gleich zu Beginn dramaturgischer Bögen und narrativer Rahmen. Er ist ein
Augenfilm, der dem, was er zu sehen gibt, Zeit und Leinwandraum schenkt. Es
ist, was man sieht, bei Gott nicht die reine Unschuld. Aber im Begehren und
Abweisen, beim Dulden und Gottverehren, das Jarman hier zeigt, liegt eine atmosphärische
Gelassenheit, die eine Art interessiertes Wohlgefallen erzeugt. Auch die Inszenierung
der ikonischen Pfeildurchbohrungsszene gelingt durch fabelhafte Unaufgeregtheit.
Die exilierten Römer spannen, einer nach dem anderen, den Bogen. Jarman
und Humfress beschleunigen dabei nichts. Man hört keine Schreie, auf der
Tonspur weht, zum Schein nur Realton, ein heftiger Wind. Ein Stillleben in bewegten
Bildern.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen am 15.10.2008 in: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Sebastiane
Großbritannien
1976
Regie:
Derek Jarman, Paul Humfress - Darsteller: Leonardo Treviglio, Barney James,
Neil Kennedy, Richard Warwick, Ken Hicks, Janusz Romanov, Steffano Massari -
Fassung: lateinische OF mit dt. UT – Dt. Wiederaufführung: 16.10.2008
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