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Secret
Sunshine
Lies,
lies, lies
In die koreanische Provinz, in der die
Sonne nur heimlich scheint, folgt Lee Chang-dong in seinem preisgekrönten
Film "Secret Sunshine" seiner Heldin.
"Secret Sunshine" ist die englische
Übersetzung des koreanischen Wortes "Milyang". Milyang ist gleichzeitig
der Name einer koreanischen Provinzstadt im Süden des Landes. Die Stadtbewohner
sind, so erzählt der Automechaniker Kim Jong-chan der jungen Frau Lee Shin-ae
(großartig verkörpert von Jeon Do-yeon, die für diese Rolle
zu Recht in Cannes ausgezeichnet wurde), als er die junge Frau in seinem Auto
in die Stadt mitnimmt, politisch eher rechts eingestellt, ihr Dialekt ähnelt
dem der größeren Nachbarstadt Pusan, ansonsten aber sind Milyanger,
und das wird Jong-chan später noch mehrmals wiederholen, Menschen genau
wie überall sonst.
Shin-ae lässt sich von Jong-chan
mitnehmen, weil ihr eigenes Auto einen Motorschaden hatte. Mit diesem Motorschaden,
mit einem Misslingen, einem Aus-dem-Takt-geraten, beginnt der Film. Genauer
gesagt beginnt er mit einem Kamerablick aus Shin-aes Auto heraus auf den Himmel
über Milyang, der vielleicht ein thematischer establishing shot ist, weil
die utopische Schönheit der Natur und das Erlösungsversprechen, das
sie zu geben scheint, von Anfang an unerreichbar bleiben hinter der Windschutzscheibe
des Autos. Die nächsten knapp zweieinhalb
Stunden zeigen Shin-aes ausdauernden Kampf, den Takt wieder zu finden, einen
Lebensrhythmus zu etablieren, in dem sie und die Menschen um sie herum glücklich
werden können. Und Shin-ae wird in diesen knapp zweieinhalb Stunden erfahren,
dass das Leben außerhalb dieses Taktes für sie das einzig mögliche
ist.
Den ersten Schlag hat Shin-ae bereits
hinter sich, als der Film einsetzt. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie beschlossen,
mit ihrem jungen Sohn Jun in die Heimatstadt des Toten, nach Milyang zu ziehen.
Sie arbeitet als Klavierlehrerin und träumt davon, sich mit Jun in einem
geräumigen Haus nieder zu lassen. Zunächst inszeniert der Film die
Bewegungen Shin-aes und Juns in Milyang als vorsichtiges, tastendes Kennenlernen.
Neben Jong-chan, der in seiner tollpatschigen, fast asexuellen Aufdringlichkeit
den gesamten Film über nicht mehr von ihrer Seite weichen wird, lernt Shin-ae
einige andere Bewohner kennen: Jong-chans pubertäre Tochter, eine missionierungswütige
Christin in der Apotheke und die Inhaberin eines Kleiderladens.
Letzterer rät sie in einer der ersten
Szenen des Films, ihren düsteren Laden mit helleren Farben attraktiver
zu machen. Erst ganz am Ende von "Secret Sunshine" taucht diese Ladenbesitzerin
wieder auf. Sie hat ihren Rat befolgt und den Laden renoviert, die Geschäfte
laufen wieder gut. Gemessen an ihrer narrativen Funktionalität mag diese
Episode peripher erscheinen. Aber in dem kleinen Bogen, den diese Begegnungen
spannen, in der kompositorischen Sorgfalt, mit der sich der Film dieser Frau
widmet, - einer Frau, die in fast jedem anderen Film eine anonyme Nebenfigur
geblieben wäre - artikuliert sich der spezifische Humanismus des Films.
Ähnlich wie die Vorläuferfilme
"Peppermint Candy" und "Oasis" entfernt sich "Secret
Sunshine" zwar von der klassisch linearen Erzählökonomie, gibt
sich andererseits aber auch nicht mit einer episodischen Form zufrieden, sondern
besteht auf der Zwangsläufigkeit des Gezeigten. Lee Chang-dong strukturiert
auch seinen bislang besten, weil am sorgfältigsten konstruierten Film über
Wiederholungen, Spiegelbilder und Variationen. Einmal versteckt sich Jun vor
Shin-ae, als sie nach hause kommt, um sich ihr gerade, als sie sich ernsthaft
Sorgen zu machen beginnt, zu erkennen zu geben. Als sie dann einige Zeit später,
gerade hat sie begonnen, in ihrer neuen Heimat Anschluss zu finden, beim Nachhausekommen
Jun wieder nicht findet, sucht sie die üblichen Verstecke ab und nur ganz
langsam schlägt sich auf ihrem Gesicht die grausige Erkenntnis nieder,
dass der Sohn ihr diesmal keinen Streich spielen möchte.
Jun ist Opfer eines Entführers geworden
und eine knappe halbe Stunde lang könnte man "Secret Sunshine"
fast für einen Genrefilm halten: Es gibt erpresserische Telefonanrufe und
Geldübergaben, zielgerichtete Verzweiflung und den suchenden Kamerablick.
Der Film allerdings ist ganz entschieden nicht am Genrehaften interessiert,
ganz im Gegenteil bleibt ihm dieses zutiefst fremd. Lee Chang-dong weigert sich,
seine Figuren fürs Spannungskino zu instrumentalisieren und verzichtet
auf dramaturgischen Taschenspielertricks jeder Art. Wenn die Entführungsgeschichte
schließlich auf denkbar grausame Art zuende geht, verweigert er ostentativ
die Großaufnahme der Kinderleiche ebenso wie den cut back auf das Gesicht
der verzweifelten Mutter. Statt dessen bricht
Shin-ae im Bildhintergrund einer Totalen vor ihrem toten Sohn zusammen.
Eigentlich beginnt der Film nach dieser
Totalen, nach einem guten Drittel seiner Laufzeit, erst richtig. Lee Chang-dongs
episches, von Grund auf ehrliches Psychodrama führt Shin-ae unter anderem
in die christliche Kirche. Deren Heilsversprechen werden vom Film nicht besserwisserisch
dekonstruiert, sondern aus ihrer eigenen Logik heraus ad absurdum geführt:
Zu Gott finden kann nicht nur Jin-ae, noch leichter fällt das Juns Mörder.
Das führt zur vielleicht schönsten, im besten Sinne des Wortes aufklärerischen
Szene des Films, in der Shin-ae die Rede eines Predigers sabotiert, indem sie
über die Lautsprecher einen Popsong schallen lässt: "Lies, lies,
lies".
Lukas Foerster
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 15.4.2009 in: www.perlentaucher.de
Secret
Sunshine
Südkorea
2007 - Originaltitel: Milyang - Regie: Lee Chang-dong - Darsteller: Jeon Do-yeon,
Song Kang-ho, Jo Yeong-Jin, Kim Mi-Kyung, Kim Yeong-Jae, Ko Seo-Hie, Park Myeong-Shin,
Seon Jung-yeop
Start:
16.4.2009
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