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Sin
Nombre
Wahre
Geschichten in unwahren Bildern präsentiert mit niedrigem Verlogenheitsfaktor
Cary Fukanaga in seinem Migranten-Drama "Sin Nombre".
Denen,
die ohne Namen sind ("Sin Nombre"), gibt Cary Fukanaga in seinem Spielfilmdebüt
Namen, Gesichter, soziale Umfelder, Landschaften, durch die sie sich bewegen
und vor allem: Geschichten. Gang-Geschichten, Liebesgeschichten, Todesgeschichten.
Diese Geschichten sind für den Film, der von in den reicheren Weltgegenden
eher ignorierten Verhältnissen erzählt, ein Problem. Dafür, dass
es um Lebensläufe geht, die nicht säuberlich sind, ist das alles nämlich
nach den konventionellsten Dramaturgien des internationalen Arthousekinos sortiert:
Kuschelsex, traurige Kinderaugen und sich kreuzende Pfade zunächst unverbundener
Leben. Und es sieht, dafür, dass es den Menschen, von denen "Sin Nombre"
erzählt, dreckig geht, verdächtig attraktiv aus. Sonnendurchflutete
Landschaften, tätowierte Körper und Gesichter und nicht zuletzt die
nach international unmittelbar verständlichen Schönheitsstandards
gecasteten Protagonisten.
Ein
Film also, der vor allem eine Frage aufwirft, die nach der Verhältnismäßigkeit
seiner Mittel. Die Absicht erkennt man: er will Problembewusstsein erzeugen.
Erzählt von den finsteren Zuständen einer tribalisierten Bandengesellschaft
im mexikanischen Armutsmilieu. Zeigt in quasiethnologischer Perspektive Tattoos,
Gruß- und Namensrituale, Ein- und Ausschließungsmechanismen aus
Tritten, brutal eingeforderter und durchgesetzter Solidarität und Feindschaft
- geschrieben mit Blut. Die Tattoos, der Mara-Tribe, die Identifikationsfigur:
alles mit Gusto und gekonnt lustvoll gewaltsam gefilmt. Der Mann, der in diesem
Subplot der Held ist, heißt Willy beziehungsweise im Rahmen der Gangsozialstruktur,
die ihn hält, an deren Rand die Liebe ihn treibt, Casper. Seinem Weg an
die Grenze (buchstäblich, metaphorisch) folgt "Sin Nombre" zum
Einen.
Das
zweite Problembewusstseinserzeugungszentrum des Films erzählt von Sayra,
die sich von Honduras aufmacht in Richtung New Jersey. Es ist ein langer Weg,
ebenfalls an die Grenze zwischen Mexiko und den USA, zurückgelegt vor allem
auf Dächern von Zügen. Eindrucksvoll rauscht als lichtes Ungetüm
vor dunklen Himmeln nun der Zug in der Nacht in den Bahnhof. Unter Folien wird
sich, wenn der Regen kommt, notdürftig versteckt. Zwischendurch wäscht
man sich, immer fürchtet man staatliches Aufsichtspersonal nicht nur, aber
vor allem doch an den Grenzen. Der Drehbuchautor und Regisseur hat selbst, liest
man in Begleittexten zum Film, eine Reise genau dieser Art unternommen. Eine
Beglaubigungsbehauptung, die freilich durch die Machart von Bildern und Tönen
ständig konterkariert wird. Die Fakten mögen stimmen, die Bilder tun
es nicht.
Die
Probleme bewegen sich schnell aufeinander zu und an dem Punkt, an dem sie sich
begegnen, kommt es genretypisch zu Liebe. Zwischen Willy und Sayra, die aus
ihrem Schicksal aussteigen wollen wie aus dem Zug, den sie Richtung mexikanisch-amerikanische
Grenze fahren lassen. So einfach geht das aber nicht, und auch der Film bleibt,
was den weiteren Fortgang angeht, voll und ganz auf dem Gleis, auf den Cary
Fukanaga ihn gesetzt hat. Für "Sin Nombre" spricht, dass er sich
an keiner Stelle dem elendstouristischen Zynismus eines "Slumdog
Millionaire"
oder "City
of God"
nähert. Man wird ihm aber sehr wohl vorhalten können, dass er das
geschilderte Elend - und damit etwas per se Ungenießbares - allzu geschmackvoll
genießbar macht. Es ist nur folgerichtig, dass sein nächstes Projekt
dann die Hollywood-Literaturverfilmung "Jane Eyre" sein wird.
Ekkehard
Knörer
Dieser
Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de
Sin
Nombre
Mexiko
/ USA 2009 - Regie: Cary Joji Fukunaga - Darsteller: Edgar Flores, Paulina Gaitan,
Kristyan Ferrer, Tenoch Huerta Mejía, Luis Fernando Peña, Diana
García, Gerardo Taracena, Guillermo Villegas, Giovanni Florido - FSK:
ab 16 - Länge: 96 min. - Start: 29.4.2010
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