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Slumdog
Millionär
Scharf
gegenkalkuliert
Die vielfach oscargekrönte Manier,
in der sich Danny Boyle indischer Realität zu nähern behauptet, ist
in "Slumdog Millionär" nun auch in deutschen Kinos zu bewundern.
Vikas Swarup, der Autor der englischsprachigen
indischen Romanvorlage zum Film "Slumdog Millionär" (Originaltitel:
"Q & A") ist Diplomat. Ich habe den Roman nicht gelesen, aber
dem Film, der auf seiner Grundlage entstand, ist die landeskundlich vermittelnde
Absicht auf die Stirn geschrieben. Er nimmt sich im Grunde wie die streberhafte
Antwort westlicher Filmemacher auf die schon falsch gestellte Frage aus, wie
sich einem westlichen Publikum die indische Gegenwart darreichen lässt,
ohne dass das Ganze zur Zumutung wird. Und zwar: ästhetisch (kein Bollywood!),
sozial (Elend, aber attraktiv) und im Hinblick auf die Gesamtbotschaft (Happy
End).
Ausgesprochen clever gehen Buch und Film
die selbst gestellte Aufgabe an. Das gilt zuerst und zuletzt für den in
seiner Cleverness allerdings schon wieder ärgerlichen zentralen Spannungs-Clou
des Films: Dessen Held Jamal Malik, der buchstäblich aus der Scheiße
kam, sitzt im Quiz-Stuhl und hat, das ist der Rahmen, aus dem die Erzählung
nicht fällt, die entscheidende Millionenfrage vor Augen. Ganz setzt "Slumdog
Millionär" auf die Verständlichkeit und Wiedererkennbarkeit der
globalen Marke: Das auch in Indien höchst erfolgreiche Produkt "Wer
wird Millionär?" funktioniert und jinglet, das setzt die britische
Erfinderfirma Celador weltweit so durch, überall auf die identische Weise.
Das nur zu bekannte Fernseh-Franchise ist
und bleibt bis fast zuletzt die Halt versprechende Kontrastfolie zum Authentizitätsversprechen,
das der Film innerhalb dieses Rahmens gibt. (Den eigentlichen Quizmaster, Superstar
Shah Rukh Khan, hat Boyle für seinen Film naturgemäß nicht gewinnen
können. An seine Stelle tritt Anil Kapoor, der als eifersüchtiger
Aufsteiger-Schurke figuriert.)
Die Realismusbehauptung wird beglaubigt,
wie sich das als spätes Erbe des Verite-Dokumentarismus gehört, durch
die von Hand geführte Kamera, die sich durch nicht gänzlich durchinszenierte
Räume bewegt. Hier: die Slums von Mumbai, in die die Geschichte ihrem Aufsteiger-Helden
Jamal Malik folgt. Das Elendstouristische daran glaubt Danny Boyle in bewährter
Manier durch Drastik in die Flucht schlagen zu können. Das Selbstzitat
aus "Trainspotting" kommt ihm im Kulturvergleich dabei
allzu recht. Jamal plumpst, um seinem Idol Amitabh Bachchan nahe sein zu können,
ins Klo. Stinkend teilt sein Gestank die Massen wie Jahwe für Moses das
Rote Meer (und wie die Kamera die Slumbewohnerschaft) und bekommt, wie der Film
dann seine Oscars, sein Autogramm.
Dies ist eine der Episoden, aus deren
in letzter Konsequenz pittoresker Reihung "Slumdog Millionär"
besteht. Gereiht werden sie ganz mechanisch entlang des Quiz-Fadens. Jede der
Fragen, die Jamal Malik beantworten muss - und kann - verweist auf ein Kapitel
aus seinem Leben. Das beginnt mit einer Frage eben nach einem Film mit Amitabh
Bachchan; des weiteren geht es zum Beispiel
um den Tod seiner Mutter bei Hindu-Muslim-Auseinandersetzungen; alles ist von
landeskundlicher Relevanz und eben darum vermittlungstechnischer Penetranz.
Dazu kommt, als Handlungsgerüst innerhalb des Rahmens, eine Dreiecks-Liebesgeschichte,
die immerzu direkt auf die "Drei Musketiere" anspielt (mit einer unerwarteten
Pointe in der letzten Quiz-Frage), aber durchaus auch auf Raj Kapoors Dreiecks-Klassiker
"Sangam" (1964) verweist.
Diese Dreiecksgeschichte hat nun ebenso
reichlich Action- und Crime-Momente zu bieten wie der Rahmen, der auch um die
Quiz-Show noch einmal gespannt wird. Weil die Macher der Show nicht glauben
wollen, dass ein Slumdog wie Jamal die ihm gestellten Quiz-Fragen wirklich beantworten
kann, versuchen sie, ein Betrugs-Geständnis aus ihm herauszufoltern. (Leider
völlig verschenkt als Folterer: der großartige Irrfan Khan.) Vermutlich
glaubt der Film, er könne auch die so ins Bild gesetzte Brutalität
noch auf sein Authentizitätskonto verbuchen. Das ist ein Irrtum, der aber
eine andere Wahrheit doch recht offensichtlich macht: Alles an "Slumdog
Millionär" ist Berechnung. Jedes Moment echten Interesses am Gegenstand
- den sozialen Verhältnissen des indischen Subkontinents - ist scharf gegenkalkuliert
mit Attraktionsmomenten. In Wahrheit entwertet sich der Film moralisch wie ästhetisch
immerzu selbst. Immerhin hat nun, wer sich fürs Zustandebringen eines globalen
Erfolgsprodukts interessiert, das elendstouristischen Pseudo-Realismus unterhaltsam
als weltpolitische Gewissensberuhigung verkauft, ein aufschlussreiches Anschauungsobjekt.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen am 16.03.2009 in: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Slumdog
Millionär
Großbritannien / USA 2008 - Originaltitel: Slumdog Millionaire - Regie: Danny Boyle - Darsteller: Dev Patel, Anil Kapoor, Madhur Mittal, Freida Pinto, Irrfan Khan, Saurabh Shukla, Mia Drake, Sanchita Choudhary, Ankur Vikal - FSK: ab 12 - Länge: 120 min. - Start: 19.3.2009
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