zur startseite
zum archiv
zu den essays
Slumming
In
"Slumming" werden der reiche Schnösel August Diehl und der dichtende
Penner Paulus Manker in und um Wien zu besseren Menschen.
Ein
Mann erwacht und weiß nicht wo. Eingeschlafen ist er, reichlich betrunken,
vor dem Hauptbahnhof Wien. Jetzt liegt er auf einer Bank, auch vor einem Bahnhof,
aber der von Wien ist es nicht. Verstört stolpert er herum, brüllt
"Was ist hier los?", erbettelt sich das Geld für eine Busfahrt
und gerät bald darauf noch mehr in die Irre. Wir als Zuschauer wissen,
wie der Mann - es ist der stadtstreichende Dichter Kallmann (Paulus Manker)
- auf die Bank vor dem Bahnhof in der tschechischen Kleinstadt gelangte. Sebastian
(August Diehl) und Alex (Michael Ostrowski), zwei zynische junge Männer,
mit zu viel Geld und zu viel Zeit haben ihn am Abend in ihr Auto gepackt, über
die Grenze verbracht und auf der kalten Bank abgelegt. Es ist ihre Idee von
einem gelungenen Scherz.
Die
Begegnung der beiden mit dem trinkenden Dichter führt die Fäden von
"Slumming" zusammen, die davor und danach eher separat erzählt
werden. Spürbar wird hier die Handschrift der im österreichischen
Gegenwartskino geradezu allgegenwärtigen Drehbuch-Koautorin Barbara Albert,
die in ihrem eigenen Film "Böse
Zellen"
(2003) solche Zufallsbegegnungen zum Dreh- und Angelpunkt einer episodenreichen
Erzählanlage gemacht hat. Bei Michael Glawogger, der bisher vor allem als
episch ausholender und geografisch weit herumkommender Dokumentarfilmer, zuletzt
mit "Workingman's
Death"
(2005), von sich reden machte, wird diese Begegnung für alle Beteiligten
zum Wendepunkt. Der Dichter, der zuvor Passanten auf der Mariahilfer Straße
und in der U-Bahn belästigt hat ("Die Fahrscheine bitte - in Oarsch
eini bitte"), bricht im verschneiten osteuropäischen Niemandsland
ins Eis und taucht in beinahe surrealer Gesellschaft von Gartenzwergen wieder
auf. Er schwört dem Alkohol ab und begegnet gleich zweimal einem Reh.
Die
beiden jungen Männer, zuvor mit dem Slumming in Wiener Unterwelt-Etablissements
und ansonsten damit beschäftigt, Frauen, die sie übers Internet kennenlernen,
im richtigen Leben dann mit dem Handy unterm Rock zu fotografieren, geraten
im Streit um den schlechten Scherz mit Kallmann aneinander. Eine Lehrerin (Pia
Hierzegger), mit der er sich nach wenig versprechendem Beginn anfreundet, rückt
Sebastian den Kopf zurecht; der macht sich, mit einer anderen Frau, auf nach
Indonesien, wo er womöglich seine Läuterung zum besseren Menschen
erfährt. Dieses Ende ist dann vielleicht doch ein bisschen viel des Guten,
wie überhaupt sein nach und nach sichtbarer werdender Erlösungsdrang
dem - im letztjährigen Berlinale-Wettbewerb ohne große Kritikerresonanz
gezeigten - Film nach furiosem Start die Puste ein wenig ausgehen lässt.
Manche Szene bleibt trotzdem unvergesslich, vom sanft-zürnenden Singsang
des großartigen Paulus Manker bis zu den Gartenzwergen im Wintersee.
Ekkehard
Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen am 19.04.2007 in: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Slumming
Österreich / Schweiz 2006 - Regie: Michael Glawogger - Darsteller: Paulus Manker, August Diehl, Michael Ostrowski, Pia Hierzegger, Maria Bill, Martina Zinner, Brigitte Kren, Loretta Pflaum, Martina Poel, Andreas Kiendl - FSK: ab 12 - Länge: 96 min. - Start: 19.4.2007
zur startseite
zum archiv
zu den essays