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So
glücklich war ich noch nie
Für
den Hochstapler in jedem von uns
„Was ist eigentlich los mit Dir?“, fragt
Marie (Floriane Daniel). Auf die Frage von Franks Schwägerin hält
der Film keine verbale Antwort bereit – aber erzählt in seinen Bildern
sehr eindrücklich vom seelischen Zustand des Protagonisten. Etwa wenn Frank
(Devid Striesow) – zur ehrlichen Putzarbeit nicht nur verdonnert, sondern auch
bereit – den Fußboden eines Verwaltungsgebäudes akkurat in stupiden
Vor- und Rückwärtsbewegungen zu wischen beginnt, dann immer weiter
nach links und rechts ausreißt, um sich schließlich in schwungvoll
verspielten Kreisen zu ergehen.
Frank Knöpfel lebt mehrere Leben.
Er ist ein unverbesserlicher Trickbetrüger und Hochstapler. Mehrfach überführt,
ist er nur auf Bewährung in Freiheit. Dort wird er fast sofort rückfällig.
Seine Spezialität sind Immobilien- und Anlagebetrug, vor allem aber ködert
er seine Opfer, indem er ihnen Gewinne aus verbotenem Insiderhandel verspricht.
Die Professionalität und Flexibilität, mit der er arbeitet, steht
im Gegensatz zu dem Leben, das er nun führen soll: Sein Bruder Peter (Jörg
Schüttauf) und dessen Frau nehmen ihn nach seiner neuerlichen Entlassung
bei sich auf, um ihn vor sich selbst zu schützen, er besucht regelmäßig
seinen Bewährungshelfer und arbeitet in einer Putzfirma, seine erste legale
Beschäftigung seit langem – denn er weiß, beim nächsten Vergehen
würde er für lange Zeit hinter Gitter gehen.
Wie es bei jeder echten Berufung der Fall
ist, kann auch er nicht anders, als sie auszuüben: Denn in fremde Rollen
zu schlüpfen berührt seine privaten Sehnsüchte. „Man ist doch
nie gleich. Man ist doch ständig jemand anderes“, sagt er zur Prostituierten
Tanja (Nadja Uhl), in die er sich verliebt und mit der er das Metier des Verkaufs
von Illusionen teilt. Eine Ausflucht, die auf Franks Begehren nach Selbstinszenierung
ebenso hinweist wie auf den fließenden Übergang zwischen gesellschaftlichen
Rollen, die verschiedene Verhaltensweisen erfordern, um sich „zu verkaufen“.
Für die sich aufdrängende Frage
nach dem Weltbild und der Wahrnehmungsweise einer solchen Figur findet So glücklich war ich noch nie
eine subtile, aussagekräftige
Bildsprache, die von den Einsichten in die Mechanismen bestimmt ist, die Hochstapler
antreiben. Hier sieht man dem Film Regisseur Adolphs Erfahrung mit der Thematik
an. Für seinen Dokumentarfilm Die
Hochstapler (2005)
interviewte er vier Trickbetrüger, deren Geschichten sich in seinem Spielfilm
nun an vielen Stellen wiederfinden.
Franks Verdrängungsmechanismus zeigt
sich exemplarisch, als er eines Feierabends bereits seit geraumer Zeit zwischen
Couch und Kühlschrank hin- und herläuft, aber seinen im Flur am Boden
liegenden Bruder nicht bemerkt. In Close-ups kann der Zuschauer miterleben,
wie sich der Anblick, den seine Augen nicht lange ignorieren können, widerstrebend
und langsam in das Bewusstsein Franks kämpft und sich schließlich
auf seinem Gesicht als alarmierende Gewissheit abbildet. Die Absurdität
dieser Situation ist typisch für den tragikomischen Film.
So glücklich war ich noch nie bereitet häufig einen ernsten Subtext
auf, der seine urkomischen, mit harmlosen Slapstickeinlagen versehenen Szenen
unterläuft und diese zu einem gesellschaftssatirischen Beitrag werden lässt.
So die Szene, in der Frank von einem selbstverliebten
Menschenrechts(!)anwalt, dessen schicke Berliner Wohnung er putzen soll, freundlich
genötigt wird, in eine Voliere zu seiner Nebelkrähe zu steigen, um
sich mit dieser bekannt zu machen. Als der Vogelkäfig umfällt, ist
der Menschenschützer außer sich vor Sorge, aber ausschließlich
um seinen gefiederten Freund. Solche Seitenhiebe auf die gute Gesellschaft wirken
in Adolphs komödiantischer Inszenierung wie beiläufig und dadurch
unaufdringlich, denn ihm scheint nichts ferner zu liegen, als moralisieren zu
wollen. Im Gegenteil macht sich So glücklich war ich noch nie über
die Rigidität der Moral lustig und entlarvt sie als ordnendes, aber beliebig
definiertes Instrument, das der Ausgangspunkt aller Lüge ist. Ohne Schuld
oder Moral zu diskutieren, zeigt der Film, wie aus der ersten Lüge weitere
hervorgehen. Dabei rangieren die Motivationen von Altruismus bis Egoismus.
Mit dem Genre der Gaunerkomödie verbindet
den Film der Einblick in die Arbeitsweise des Verbrechers. Während viele
Genrebeiträge das Spektakuläre der Taten in den Vordergrund stellen,
konzentriert sich Adolph auf die Natur des Hochstapelns, dessen Funktionsweise
und die Dynamiken der Lebenslüge und des Selbstbetrugs. Frank Knöpfel
gleicht dem Protagonisten in Thomas Manns Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers
Felix Krull“ (1954) nicht nur in den Initialen, sondern versteht sich wie dieser
auch als Dienstleister gegenüber den Begierden der Menschen.
Denen begegnet Frank an unspektakulären
Orten, die seine Höhenflüge konterkarieren. Aufnahmen von kargen,
dunklen Korridoren und Büros bestimmen den Film. Es sind Orte, an denen
die Stützen der Gesellschaft in Intimität erzeugenden Nahaufnahmen
zutage treten. Hier trifft man auf Franks geltungsbedürftigen Bewährungshelfer,
die bestechliche Vorgesetzte seiner Putzkolonne und den Politiker der Freien
Liberalen, der seine parteipolitische Parole der „Hilfe zur Selbsthilfe“ als
„Korruption“ übersetzt, als ihm Frank die Möglichkeit zum Insiderhandel
anbietet.
Die Ästhetik des Films ist ganz an
der außerfilmischen Realität des Berlins im Jahre 2008 orientiert.
Keine symbolische Überhöhung liegt in den abhebenden Flugzeugen, denen
Frank freudestrahlend hinterherschaut. Sie fliegen nicht in einen rosaroten
Sonnenuntergang, sondern stoßen bei maximalem Geräuschpegel schwarze
Luft in den grauen Berliner Himmel aus.
Auffallend häufig wird in diesem
Film auf der Couch gesessen. Wie Stillleben nimmt die Kamera frontal die unbeweglichen
Körper Franks und Tanjas auf, zeigt deren Einvernehmen in ihrer Kommunikationslosigkeit,
im Nachhängen der eigenen Gedanken. Der Fernseher, dem keiner der beiden
Aufmerksamkeit schenkt, läuft nur zum Kaschieren der Stille und zur Vortäuschung
dessen, was sie sich unter einem normalen Leben vorstellen. Beide sitzen in
diesem Wohnzimmer, dem Ort der Bürgerlichkeit, und wirken fremd und unkomfortabel.
Die Freiheit, die beiden so wichtig war und letztlich doch nicht sinnstiftend
wirkt, ist illusionär. Unabhängig zu sein von dem Wunsch nach dem,
was in der Gesellschaft als erstrebenswert gilt, das ist Franks Definition von
Freiheit: Du wolltest diesen Mantel nicht. Da wusste ich, du bist ein freier
Mensch, sagt er später zu Tanja. In diesem Punkt hat er sich geirrt.
Nadja Ben Khelifa
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.critic.de
So
glücklich war ich noch nie
Deutschland 2008 - Regie: Alexander Adolph - Darsteller: Devid Striesow, Nadja Uhl, Jörg Schüttauf, Floriane Daniel, Thorsten Merten, Elisabeth Trissenaar, Christian Kahrmann, Thomas Thieme - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 94 min. - Start: 9.4.2009
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