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Soul
Kitchen
„Kommen
Sie näher! Kommen Sie ran!“
Beim
Anschauen von „Soul Kitchen“, dem neuen Spielfilm des über alle Maßen
erfolgreichen Regisseurs Fatih Akin, kommt man sich immer wieder vor wie auf
dem Hamburger Fischmarkt. Hier gibt es lauter Sensationen, alles nur vom Feinsten
und dabei erstaunlich preisgünstig: Tolle Typen! Tolle Szene! Tolle Frauen!
Tolle Musik! Tolle Sprüche! Tolle Posen! Tolle Stimmung! Türlich,
türlich, Leude!
Nachdem
Fatih Akin zuletzt etwas sehr expressionistisch („Gegen
die Wand“)
als Rock’n’Roll-Schmerzensmann oder etwas sehr bedeutungsvoll („Auf
der anderen Seite“)
als Vorzeige-Autorenfilmer mit Migrationshintergrund gehandelt wurde, schaltet
er jetzt mit „Soul Kitchen“ erstmal grundsympatisch einen Gang zurück und
präsentiert sich als Hamburger Heimatfilmer in der „wilden“ und schmutzigen
Tradition eines Klaus Lemke. Für Akin ist sein neuer Film ein „Best of“
– er knüpft direkt bei seinem bislang besten Film „kurz
und schmerzlos“
von 1998 an und erzählt eine gerne auch mal kalauernde Geschichte von einer
Jungs-Clique im Kiez, die einen auf dicke Hose macht, vielleicht auch ein bisschen
labil oder auch kleinkriminell und gefährdet ist, aber letztlich ihr Herz
am rechten Fleck trägt, was man schon daran merkt, welche Musik sie hören:
Sweet Soul Music! Und als kleine Verbeugung vor der bundesrepublikanischen Gegenwart
gibt es diesmal sogar noch etwas „Kochen im Kino“ als Dreingabe. Schließlich
betreibt der nicht mehr ganz junge Zinos Kazantsakis (Adam Bousdoukos) ein Restaurant,
besser: eine Frittenbude in Hamburg-Wilhelmsburg.
„Soul
Kitchen“ nennt sich die heruntergewirtschaftete Kneipe mit Stammpublikum, in
das Zino und sein neuer Koch Shayn (Birol Ünel) reichlich Unruhe bringen.
„Ambitioniert“ ist (zunächst einmal) nicht gefragt, wo altes Bratfett die
Poren verklebt. Später, wenn die Tänzer von der Musical-Schule nebenan
kommen, werden die Karten allerdings ganz neu gemischt. Wäre da nicht Zinos’
Bandscheibenvorfall, Zinos’ Bruder Illias (Moritz Bleibtreu), der gerade aus
dem Knast kommt, wäre da nicht der Liebeskummer, den Zinos wegen der Pfeffersack-Tochter
Nadine Krüger (Pheline Roggan) hat, wäre da nicht der schmierige Immobilienhai
Neumann (Wotan Wilke Möhring), der leider auch noch ein alter Kumpel von
Zinos ist – alles könnte so schön sein in der Subkultur. So aber denkt
man: Es wird böse enden, aber der Weg dorthin ist immerhin höchst
unterhaltsam.
Fatih
Akin bedient zuvorkommend alle Wünsche seines potentiellen Zielpublikums,
fährt ein ansehnliches Ensemble auf, das mit viel Spaß und Engagement
bei der Sache ist und Hamburg-Subtexte (Catrin Striebeck, Jan Fedder, Lars Rudolph)
en masse liefert, die nichts anderes sagen als: Hamburg, mien Jung, is the place
to be. Das Ganze ist sehr nett anzuschauen, aber auch sehr vorhersehbar erzählt.
Akin hat mit „Soul Kitchen“ einen Film gedreht, wie man ihn vielleicht von Leander
Haußmann erwarten würde: Berufsjugendlich bis spätpubertär,
mit einem tollen Soundtrack und einem ordentlichen Schuss orientalischer Sentimentalität.
Der Film versprüht eine rührende Sehnsucht nach autonomen, nicht subventionierten
subkulturellen Räumen, die von Kreativen produktiv und attraktiv gestaltet
werden können – bis die Immobilienmakler kommen. Dann zieht die Karawane
weiter!
Dass
der Film jetzt ganz aktuell auf die urbanistische Debatte um Gentrifizierung
und das Hamburger Gängeviertel draufsattelt, sollte man eher als Zufall
und nicht als „politisch“ bewerten, denn dazu ist Akin zu sehr Romantiker. Das
ist nicht schlimm, nur sollte man jetzt allmählich anfangen, die Talente
des Bauchfilmers Fatih Akin realistisch einzuschätzen. Nichts gegen gute
Unterhaltung und die heißen Styles! Aber daneben bietet „Soul Kitchen“
nicht allzu viel, was eine Erinnerung lohnen würde! Lautstarkes Jungskino
– für den schnellen Verzehr bestimmt.
Ulrich
Kriest
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der: Stuttgarter Zeitung
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Deutschland 2009 - Regie: Fatih Akin - Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Lucas Gregorowicz, Demir Gökgöl, Wotan Wilke Möhring, Pheline Roggan, Dorka Gryllus - FSK: ab 12 - Länge: 100 min. - Start: 25.12.2009
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