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Stilles
Chaos
Der italienische Film "Stilles Chaos"
mit Nanni Moretti ist ein Film mit Palindrom und mit Hund.
Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass
ich "Stilles Chaos" das erste und einzige Mal sah. Das war während
der Berlinale und die Kritiken zum Film waren insgesamt nicht sehr freundlich.
Ich erinnere mich an die Pressekonferenz, auf der ein irritierend wirrer und
selbstgefälliger Nanni Moretti, der Hauptdarsteller des Films, sich über
die katholische Kirche erregte, die sich sehr über eine Sexszene des Filmes
aufgeregt hatte. Ich erinnere mich an die Sexszene des Films, zu der sich Isabella
Ferrari, aber auch Moretti in mehreren Interviews äußern mussten
und auch, die Szene offensiv verteidigend, äußerten.
Die Schauspielerin, deren Namen ich vergessen habe, spielt eine Nachbarin, es
ist Nacht und sie kommt durch eine Glastür, die sie zur Seite schiebt und
die beiden treiben es wild und anal und heftig und gut sichtbar für Leute,
die eventuell draußen stehen, gut sichtbar auch für das Kinopublikum,
im Wohnzimmer miteinander. So jedenfalls erinnere ich das. Wahr ist, dass diese
wirklich sehr drastische Sexszene überraschend kommt und im Körper
des Films ein Fremdkörper bleibt. So sehr, meiner Erinnerung nach, dass
kaum zu sagen ist, ob sie nun eine gute Idee ist oder nicht.
Ich erinnere mich, dass Nanni Moretti
am Anfang des Films am Strand ein Leben rettet und nach Hause kommt und seine
Frau, die Mutter seiner Tochter, ist tot. Er aber lebt weiter, denkt man, als
wäre es kein Drama, aber dieses Weitermachen erweist sich als merkwürdige
Sache. Es ist, als führe einer, statt - wie es sich für dramatische
Ereignisse dieser Art gehörte - zu entgleisen, wie auf Schienen weiter,
aber als gelangte er dabei hinaus auf ein Abstellgleis und führe dann auf
diesem Abstellgleis immer weiter, während am Rande der Strecke die Leute
aus seinem bisherigen Leben stehen und winken und rufen und er fährt weiter
und sie rennen ihm hinterher und er reagiert einfach nicht. Ich erinnere mich
nicht, dass mir dieser weit hergeholte Vergleich beim Sehen des Films damals,
vor einem Jahr schon eingefallen wäre. Vielleicht ist er falsch.
Ich erinnere mich, dass Nanni Moretti
dann immer auf dem Platz vor der Schule seiner Tochter sitzt. Im Auto und auf
einer Bank. Dass seine Kollegen, er ist ein hohes Tier in einer Firma, vorbeikommen
und mit ihm reden. Ich erinnere mich, dass da eine Frau ist, sie könnte
die Mutter einer Klassenkameradin der Tochter oder ihre Lehrerin sein - das
weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich, dass ihm da auf dem Platz,
auf dem er sitzt, immer dieselben Menschen begegnen und dass das zu den eher
dämlichen Seiten des Films gehört. Es ist, wenn ich mich nicht täusche,
auch eine sehr gutaussehende Frau darunter, die ihm, aber da bin ich keineswegs
sicher, schöne Augen macht. Vielleicht war auch irgend
etwas anderes mit dieser Frau. An vielen Stellen, erinnere ich mich,
ist der Film so erwartbar und konventionell, dass man das, was geschieht, ganz
schnell wieder vergisst. An anderen Stellen ist er, das weiß ich noch,
recht überraschend. Leider habe ich auch da die Einzelheiten vergessen.
Ich erinnere mich immerhin, dass ich mich
über den Einsatz von Popmusik in dem Film sehr geärgert habe. Nicht,
weil es schlechte Popmusik war - Indierock gehobener Güte, glaube ich -,
sondern weil sie so billig zur Kommentierung und Stimmungsuntermalung eingesetzt
wird. Das weiß ich noch sehr genau, dass mir das gar nicht gefiel. Ich
erinnere mich auch, dass ich anders als andere, teils geradezu erboste Kritiker
fand, dass "Stilles Chaos" das Potenzial besessen hätte, ein
ziemlich guter Film zu sein, dass der Regisseur es aber durch zu viele Abkürzungslösungen
und zu viele Skurrilitäten und den Popmusikeinsatz letztlich versemmelt.
Viel mehr als das, was ich aufgezählt habe, erinnere ich tatsächlich
nicht.
Hier aber ist, falls Sie meiner Erinnerung
nicht trauen, die Stichwortliste der IMDB für den Film, zu der ich gestehen
muss, dass mir vor allem die Stichworte Palindrom und Hund gar nichts mehr sagen:
Verlust, Auto, Vater-Tochter-Beziehung,
Cannabis, Sex, Lehrerin, Verlust der Mutter, ungewollte Schwangerschaft, Verlust
der Ehefrau, Ehe, Hund, Unfalltod, Listenmachen, Geschäft, Schule, Sportstunde,
Kollege, Hübsches Mädchen, Cafe, Trauer, Palindrom, Firma, Italien,
Gedanken im Voice-Over, Analsex, Mädchen, Down-Syndrom, Firmenzusammenschluss,
Bruder, Rettung vor dem Ertrinken.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 28.01.2009 in: www.perlentaucher.de
Stilles
Chaos
Italien
2008 - Originaltitel: Caos Calmo - Regie: Antonello Grimaldi - Darsteller: Nanni
Moretti, Valeria Golino, Isabella Ferrari, Alessandro Gassmann, Blu Yoshimi,
Silvio Orlando, Hippolyte Girardot, Alba Rohrwacher - FSK: ab 12 - Länge:
112 min. - Start: 29.1.2009
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