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Süt
- Milk
Der
europäische Autorenfilm lebt - in der Türkei: Die Rätselbilder
von Semih Kaplanoglus "Süt - Milk" sind der Beweis.
Der
Prolog, dessen zeitliches und kausales Verhältnis zum restlichen Film im
Unklaren bleiben wird: Kopfüber hängt eine Frau am Baum, unter ihr
brodelt in einem Kessel eine weiße Flüssigkeit. Ein alter, bärtiger
Mann wirft ein dicht beschriebenes Stück Papier in die Milch, die dem Film
den Namen gibt. Die Frau windet sich, öffnet den Mund und eine Schlange
kommt zum Vorschein. Vorsichtig entfernt der Mann das Tier. Der Film beginnt
mit einer Art Exorzismus. Die exorzierte Schlange dringt im Folgenden immer
mal wieder in den Film ein, nicht wie ein symbolträchtiges Leitmotiv, sondern
wie ein erratisches, unberechenbares Virus.
Der
gute alte europäische Autorenfilm lebt noch immer. Nicht in den Filmen
seiner zentraleuropäischen Konkursverwalter um Lars von Trier und Michael
Haneke, sondern in der Türkei. Seit Mitte der neunziger Jahre arbeiten
Regisseure wie Nuri Bilge Ceylan, Zeki Demirkubuz oder eben Semih Kaplanoglu
an jeweils sehr unterschiedlichen Projekten. Gemeinsam ist ihnen nicht nur der
formale Minimalismus, sondern vor allem die Ernsthaftigkeit, mit dem sie sich
Themen und Bildern nähern, die im restlichen Europa nur noch als Klischees
gedacht werden zu können scheinen. Kaplanoglu ist der Mystiker des neuen
türkischen Kinos und schließt noch deutlicher als seine Kollegen
an Traditionslinien des klassischen Kunstkinos von Bergman bis Angelopoulos
an. Dazu passend ist sein neuer Film Mittelteil einer konzeptuellen Trilogie:
"Honig, Milch und Ei", respektive auf türkisch: "Bal, Süt,
Yumurta". Produziert wird die Trilogie in einem Akt autorenfilmerischer
Selbstverkomplizierung rückwärts: "Yumurta" (Ei) feierte
2007 Premiere, "Süt "(Milch) 2008 in Venedig, "Bal"
(Honig) befindet sich derzeit in der post
production
und wird demnächst im Wettbewerb der Berlinale zu sehen sein.
Die
Hauptfigur aller drei Filme heißt Yusuf. Verkörpert wird sie jeweils
von verschiedenen Schauspielern unterschiedlichen Alters. Zumindest nach den
ersten beiden Filmen zu schließen, geht es dabei nicht um eine biografische
Struktur. Die Yusufs in "Yumurta"
und "Süt "sind nicht im strengen Sinne mit sich selbst identisch,
sie verkörpern eher unterschiedliche Aspekte eines prekären Verhältnisses
zur physikalischen Wirklichkeit. Melih Selcuk verkörpert seinen Yusuf im
neuen Film als jungen Erwachsenen. Mundfaul, in schwarzer Lederjacke, steht
er zunächst neben seiner Freundin, die sich mehr für ihr Handy als
für ihn zu interessieren scheint. Diese Freundin verschwindet nach einem
gemeinsamen Ausflug aus seinem Leben oder zumindest aus dem Film - ob die Flüssigkeitstropfen
auf seiner Wange bei einer Mofafahrt wenig später von Tränen oder
vom Regen rühren, bleibt offen. Statt dessen entwirft der Film im Folgenden
ausführlich Yusufs Alltagsleben auf einem Bauernhof gemeinsam mit seiner
verwitweten Mutter - der Frau, der ganz am Anfang eine Schlange aus dem Hals
entfernt wurde.
Yusuf
hat die Eingangsprüfung zur Universität nicht bestanden, arbeitet
als Milchmann und sendet Gedichte, die er auf einer alten Schreibmaschine verfasst,
an Zeitschriften. Die Mutter schläft derweil auf dem Sofa ein. Sonst passiert
nicht viel. Ein langsames Leben in einem Dorf in der Nähe der Großstadt
Izmir, ein Leben am Rande der Unschärfe. Diese Unschärfe lauert in
vielen Einstellungen und manchmal überschwemmt sie den gesamten Bildkader.
Einmal bewegt sich Yusufs Moped auf einer Wiese langsam auf den Schärfebereich
zu, aber der Schnitt kommt, bevor Yusuf dort anlangt. Die Bewegung des Films
in seiner sonderbaren zweiten Hälfte führt nicht etwa aus der Unschärfe
hinaus, sondern mitten in sie hinein.
Langsam
schleichen sich Störmomente ein in die Routine der Kleinfamilie. Die Schlange
vom Anfang taucht plötzlich in der Küche auf, die Mutter befreit ihre
vorher streng geflochtenes Haar, kauft Lackschuhe und bandelt - vielleicht -
mit einem Postbeamten an. Yusuf wird währenddessen wider eigenes Erwarten
publiziert, erhält einen Einberufungsbefehl und muss zur medizinischen
Untersuchung nach Izmir. Als er wieder zurückkommt, desintegriert die Welt
des Films, die vorher den Unschärfen zum Trotz noch einige Kohärenz
aufgewiesen hat, endgültig. Die Mutter ist weg, Yusuf hat einen Mopedunfall
und driftet als Schatten durch eine Kleinstadt oder verfolgt geheimnisvolle
Männer im Schilfwald. Einmal wirft er einen Stein auf eine Straßenlaterne
und taucht die ganze Leinwand in Dunkelheit. Mehr ist dieser Film nicht als:
eine kleine Studie in Dunkelheit und Unschärfe. Mehr will er auch nicht
sein und das ist gut so.
Lukas
Foerster
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de
Süt
- Milk
Türkei
/ Frankreich / Deutschland 2008 - Regie: Semih Kaplanoglu - Darsteller: Melih
Selçuk, Basak Köklükaya, Riza Akin, Saadet Isil Aksoy, Tülin
Özen, Alev Uçarer, Serif Erol, Tansu Biçer, Orçun
Köksal - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 102 min. - Start:
14.1.2010
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